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„Verjage den Feind, schmücke die Feste“

Glocken aus der Region Göttingen: Die St.-Marien-Kirche in Göttingen „Verjage den Feind, schmücke die Feste“

Täglich läuten die Kirchenglocken, sonntags besonders lange, wenn sie zum Gottesdienst einladen. Wir stellen in einer zwölfteiligen Serie ausgewählte Glocken der Region und die zugehörigen Kirchen vor. Den Glockenklang können Sie im Internet als Podcast herunterladen. Heute die vierte Folge. St. Marien in Göttingen.

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Altes Stadttor als Kirch- und Glockenturm: die Göttinger St.-Marien-Kirche, deren erster Bau im Jahre 1290 begonnen wurde.

Quelle: Hinzmann

Zwar sind im Jahre 1271 erstmals Glocken in einer Göttinger Urkunde erwähnt, nämlich in St. Albani und St. Nikolai, doch die älteste noch in Gebrauch befindliche Glocke hängt in der Marienkirche. 97 Zentimeter ist sie hoch, hat einen Durchmesser von 115 Zentimetern und wiegt etwa 950 Kilogramm. Sie trägt eine dreizeilige Inschrift, beginnend mit dem Datum: M CCC LIX sind die römischen Zahlzeichen für 1359, „IN DIE ODELRITCI“ ist der Tag des heiligen Ulrich (auch als Uodalricus überliefert), nämlich der 4. Juli. Es folgt das „Ave Maria“, der sogenannte Englische Gruß, was die Glocke als der Marienkirche zugehörig ausweist. Der Schluss ist eine bewegende Bitte um Hilfe: „O ewiger König, versammle dein Volk, wehre ab den Blitz, die Pest, den Hunger, immer dann, wenn meine Stimme erklingt. Amen.“ Die Bitte um Schutz vor der Pest war damals ganz aktuell, denn in den 1350er Jahren hatte Göttingen unter schweren Pestepidemien zu leiden.
Die Glocke von 1359 war nicht die erste der Kirche. 1319 erhielt sie nämlich den Turm des Stadttors zur Neustadt als Kirchturm, in dem bereits eine Glocke hing. Im selben Jahr begann der Bau der Kommende, der, so eine Urkunde von 1319, begonnen werden sollte an „der Ecken des Tornes, da de Clocken uppe hanget“. Diese Quelle zitiert der Göttinger Kirchenhistoriker Karl Heinz Bielefeld in einem Aufsatz im Gemeindebrief von St. Marien.

Der Schlagton dieser ältesten diensttuenden Glocke Göttingens ist ein g’. Den tieferen Ton, ein es’, liefert ihre 105 Jahre jüngere Kollegin. Sie hat einen Durchmesser von 152 Zentimetern, ist 128 Zentimeter hoch und wiegt rund zwei Tonnen. Ihre Inschrift – nach der Datierung „Im Jahre des Herrn 1464“ – lautet übersetzt: „Ich lobe den wahren Gott, rufe das Volk, versammle den Klerus, beklage die Toten, verjage den Feind, schmücke die Feste“. Auch sie hatte eine ältere Vorgängerglocke, die vermutlich 1447 zur Herstellung von Kanonen eingeschmolzen wurde, als im Verlauf der sogenannten Soester Fehde Truppen an Göttingen vorbeizogen. Jedenfalls hat der Rat der Stadt den Vorstehern von St. Marien 1464 drei Mark für eine neue Glocke gegeben – zur Rückerstattung der älteren, eingeschmolzenen Glocke.

Wer die Glocken in St. Marien gegossen hat, ist nicht überliefert. Beide übrigens stammen aus einer Zeit, als noch niemand hier etwas von Amerika gehört hatte: Dieser Kontinent wurde erst 1492 entdeckt.

Der erste Bau der Marienkirche, begonnen 1290, war einschiffig. 1320 beginnt der Umbau zur dreischiffigen Hallenkirche, von 1440 bis 1512 dauert der nächste Umbau, bei dem das Mittelschiff und der Turm erhöht werden. Die Ausstattung der Kirche wird 1783 und 1863/64 verändert. 1925/26 erhält sie eine neue Orgel, gebaut von der hannoverschen Orgelbaufirma Furtwängler nach Plänen von Christhardt Mahrenholz, die auf dem barocken Werkprinzip beruhen. Bestandteile des Marienaltars aus dem Jahre 1524/26 sind in der heutigen Kirchenausstattung noch erhalten: die Schnitzereien von Bertold Kastrup aus Göttingen im Kanzelaltar, ein Teil der Bilder – nach Vorlagen Albrecht Dürers von Heinrich Heisen – wurde in der Kirche aufgehängt.

Die Töne des Marien-Geläuts lassen sich der Tonart Es-Dur zuordnen. In dieses Intervall mischt sich beim Einläuten des sonntäglichen Gottesdienstes am Ende der Klang der beiden kleinen Uhrglocken: Die höhere schlägt viermal, um die volle Stunde anzuzeigen, gefolgt von einer etwas tieferen Glocke, die zehnmal schlägt. Ist all dies verklungen, vernimmt man leiser aus der Nachbarschaft den Klang der Johannisglocken in B-Dur. Die enge Verwandtschaft beider Tonarten ergibt ganz zwanglos eine musikalische Verbindung beider Kirchen.

In der kommenden Woche: die Glocken von St. Michael.

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