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Viel Liebe, etwas Streit und eine Molle voll Würstchen

Erika und Karl Czernitzki Viel Liebe, etwas Streit und eine Molle voll Würstchen

Im Wohnzimmer von Erika (78) und Karl Czernitzki (82) hängt ein Foto an der Wand. Schwarz-weiß. Zu sehen ist ein Hochzeitspaar, wie es auf einem Sofa sitzt und in die Kamera lächelt. Sie im weißen Kleid, er im schwarzen Anzug. Glücklich wirken sie, verliebt. Dieses Foto von Erika und Karl Czernitzki wurde vor 60 Jahren aufgenommen. Heute feiern die beiden ihre diamantene Hochzeit – und lieben, sagen sie, tun sie sich immer noch.

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Fünf Kinder, zehn Enkel und vier Urenkel: Erika und Karl Czernitzki sind 60 Jahre verheiratet.

Quelle: Theodoro da Silva

Alles begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Karl, in Stahnke in Ostpreußen geboren, war als 16-Jähriger Soldat geworden und 1945 in englische Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er aber schnell wieder entlassen wurde. Er landete über Umwege in Mengershausen, weil dort sein ältester Bruder untergekommen war, wie später weitere seiner Familienmitglieder. Hier lernte er Erika kennen, oder besser gesagt: sah er sie. Denn zum ersten Mal begegneten sich die beiden auf der Straße, beim abendlichen Spazierengehen. „Hier waren die Jungs, da die Mädchen. Und dann habe ich geguckt, welche mir gefallen könnte“, erinnert sich der damals 21-jährige Karl. Seine Wahl fiel auf die 17-jährige, dunkelhaarige Erika, und das passte. „Er hat mir auch gefallen, also haben wir uns näher unterhalten“, sagt sie.

Sylvester 1949 verlobten sich die beiden – eine große Feier im Familienkreis eingeschlossen. Mutter, Geschwister, Onkel, Tanten, alle waren sie da. Es gab Heringssalat und Wurst, und zusammen sangen sie „Am Brunnen vor dem Tore“. Eigentlich wollte Karl schnell die Hochzeit folgen lassen, doch Einspruch kam nicht nur von Erika, sondern auch von ihrer Mutter. Das hatte nichts mit ihrem Zukünftigen zu tun, sondern vielmehr praktische Gründe. Denn im Herbst, so sagten die Frauen dem frisch Verlobten, würden sich die Lebensmittel für die Feier viel besser lagern lassen und nicht so schnell verderben. „Es gab ja keinen Kühlschrank“, erzählt Erika. Karl willigte ob solch überzeugender, weiblicher Argumentation schließlich ein.

Die Hochzeit also wurde auf den 21. Oktober 1950 terminiert, und die Damen sollten Recht behalten. Schließlich sei damals noch drei Tage lang gefeiert worden, sagt die damalige Braut. Vorräte anzulegen, war also unverzichtbar. Und so gab es nicht nur blecheweise Kuchen, sondern auch eine „Molle voll Würstchen und Kartoffelsalat“, wie Erika sich erinnert. „Das war eine schöne Zeit.“

Karl arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre bei der Bahn, bei der er in der Folge 40 Jahre in verschiedenen Positionen tätig war. Erika kümmerte sich um Haushalt, Hof und Kinder. Fünf kamen nach und nach zur Welt, drei Mädchen und zwei Jungen. Eine kleine Landwirtschaft betrieb das Paar nebenbei, hielt einige Schweine und Ziegen und eine Kuh. Und wenn Karl von der Arbeit kam, musste er oft noch weiter schuften. Zu tun gab es reichlich. „Viel gearbeitet haben wir immer“, sagen die beiden.

Zu leben wussten sie indes ebenfalls, und davon profitierten auch die Kinder. „Ich liebte das Wasser“, erzählt der 82-Jährige. Also schnappte er sich am Wochenende die Kinder und fuhr mit ihnen im Zug bis nach Sylt. Dort lagen sie in der Sonne am Meer, gingen baden oder Eis essen. Und Sonntagabend kehrten sie wieder heim. Irgendwann liebten auch die Kinder das Meer. Erika waren diese Ausflüge nur Recht. „Ich habe nie gemotzt“, sagt sie. Einer habe schließlich auf den Hof und das Vieh aufpassen müssen. Außerdem „bin ich nicht so fürs Wasser“. „Fahr mit den Kindern, damit die auch was erleben“, habe sie immer gesagt.

Das Dorfleben war ein weiterer wichtiger Anker im Leben des Ehepaars Czernitzki. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz, nahm, wenn es die Zeit zuließ, an Treffen und Bastelnachmittagen teil. „Ich trat 1972 in den Schützenverein ein, und meine Frau später auch“, sagt er. „Naja, eigentlich eingetreten worden“, entgegnet sie und lacht. Karl stieg auf bis zum zweiten Vorsitzenden, und bisweilen nahm sein ehrenamtliches Engagement überhand, vor allem in der Zeit, als das neue Schützenhaus gebaut wurde. „Da gab es dann auch mal Zoff“, erinnert sich Erika. Doch sie vertrugen sich immer, auch nach anderen Streitigkeiten, die es natürlich immer mal wieder gab. „Wir haben uns geliebt und gestritten“, sagt Karl. „Das Wichtige ist, dass man darüber redet.“ Miteinander reden, über alles, ohne das funktioniere eine Ehe nicht.

1977 machte das Paar zum ersten Mal richtig Urlaub: zwei Wochen Sylt. „Da gehe ich nicht rein“, habe seine Frau gesagt, als sie am rauschenden Meer standen. „Aber nachher wollte sie gar nicht mehr raus.“ Mitte der 80er Jahre ging Karl in Rente, und auch mit der Landwirtschaft machten die Czernitzkis Schluss. 1986 schlachteten sie ihre letzten zwei Schweine. „Endlich an uns denken“, sei die Devise gewesen, sagen sie. Das taten sie, bereisten den bayerischen Wald, Tirol und das Riesengebirge, und irgendwann flogen sie mit dem Flugzeug nach Mallorca – ein Geschenk der Kinder.

Überhaupt die Kinder. So gut Erika und Karl Czernitzki zusammenhielten, so gut hält heute die gesamte Familie zusammen. „Wenn die Kinder auch verteilt wohnen, kommen sie doch alle gerne zum Feiern zu Oma und Opa“, sagt Erika lächelnd. Das wird bei der Feier am kommenden Sonnabend, 23. Oktober, wieder so sein. Dann sind auch die zehn Enkel und vier Urenkel neben vielen Freunden und Nachbarn mit von der Partie. 80 Gäste werden erwartet – und ein Fotograf. Neben dem Bild an der Wand im Wohnzimmer ist schließlich noch genügend Platz.

Von Andreas Fuhrmann

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