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Vier Jahre Haft nach tödlicher Messerattacke

Göttingen Vier Jahre Haft nach tödlicher Messerattacke

Der durch einen Messerstich verursachte Tod eines 44-jährigen Mannes in der Göttinger Innenstadt bleibt ohne strafrechtliche Folgen. Das Landgericht Göttingen sprach am Dienstag den 39-jährigen Angeklagten vom Vorwurf des Totschlages frei.

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Rechtsanwalt Hans Erik Schumann (rechts) mit dem Angeklagten.

Quelle: Mischke

Göttingen. Nach Ansicht der Kammer hatte der Angeklagte im August vergangenen Jahres in Notwehr gehandelt, weil der 44-Jährige ihn zuvor mit einem Pfeffergel-Spray attackiert hatte. In einem weiteren angeklagten Fall habe er sich dagegen des schweren Raubes und der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Der vielfach vorbestrafte Angeklagte hatte einige Tage vor dem Messerangriff eine 43-jährige Frau in einem Wohnkomplex an der Groner Landstraße attackiert und mehr als 400 Euro entwendet. Die Richter verurteilten ihn wegen dieses Gewaltdelikts zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren, außerdem ordneten sie seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Ein 44 Jahre alter Mann ist am Dienstagabend in der Göttinger Innenstadt Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Die Hintergründe seien unklar, Hinweise auf den oder die Täter gebe es noch nicht, sagte Polizeisprecherin Jasmin Kaatz auf Anfrage. Eine Mordkommission wurde eingerichtet.

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Die Kammer beurteilte den Fall deutlich anders als die Staatsanwaltschaft. Diese hatte für den Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe von 13 Jahren wegen Totschlages, schwerer räuberischer Erpressung und schweren Raubes gefordert. Sie vertrat ebenso wie die Nebenklage die Ansicht, dass keine Notwehrsituation vorgelegen habe. Der Verteidiger, der den Prozess unter anderem durch diverse Befangenheitsanträge erheblich in die Länge gezogen hatte, stellte keinen konkreten Antrag.

Es sei eine sehr schwierige Beweissituation gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Tobias Jakubetz. „Wir hatten keinen Zeugen, der den Stich gesehen hat.“ Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte der Angeklagte dem 44-Jährigen im Eingangsbereich eines Imbisses ein Messer in den Bauch gestoßen. Das Gericht geht dagegen von einem anderen Tathergang aus. Beide Männer seien zufällig am Rande der Innenstadt aufeinander getroffen. Der 44-Jährige habe sich im Eingangsbereich des Imbisses aufgehalten und beim Eintreffen des 39-Jährigen diesen mit Pfefferspray besprüht. Das weitere Geschehen habe sich dann auf dem Bürgersteig abgespielt. Der 44-Jährige habe insgesamt dreimal gesprüht, der 39-Jährige habe dadurch auch Pfefferspray in die Augen bekommen. Beim oder nach dem dritten Sprühstoß habe der Angeklagte dann das Messer gezogen, um sich zu verteidigen. Die Sprühattacken seien ein rechtswidriger Angriff gewesen, sagte der Richter. „Wir denken, dass der Einsatz des Messers in diesem Fall erforderlich war.“

Der Angeklagte habe relativ ungezielt zugestochen und sei dann mit dem Rad zu seiner Schwester gefahren. Unterwegs habe er das Messer im Leinekanal entsorgt. Durch den Messerstich war der Magen des 44-Jährigen durchstoßen worden. Der Schwerverletzte hatte sich danach noch in eine nahegelegene Apotheke begeben, wo er kurz darauf an starken inneren Blutungen verstarb.

Der 39-Jährige war noch wegen zweier weiterer Vorfälle angeklagt gewesen. Einige Tage vor dem tödlichen Messerstich hatte der drogensüchtige Angeklagte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft eine 43-jährige Frau in ihrer Wohnung bedroht und Geld gefordert. Diese habe ihm dann 200 Euro ausgehändigt. Auch in diesem Fall erkannte das Gericht auf Freispruch, weil aufgrund der widersprüchlichen Angaben der Zeugin nicht erwiesen sei, dass es sich um eine Erpressung gehandelt habe. „Es war ein aggressives Betteln“, meinte der Richter.

Beim zweiten Vorfall, der nur wenige Stunden später folgte, sah das Gericht die Anklagevorwürfe dagegen als erwiesen an. Der 39-Jährige habe abends erneut bei der 43-Jährigen geklopft und ihr dann sofort ein Metallrohr in den Bauch gestoßen. Anschließend habe er ihre Wohnung durchsucht und sei dann mit mehr als 400 Euro verschwunden.
Am Schluss der Verhandlung übte der Vorsitzende Richter noch deutliche Kritik am Verhalten von Verteidiger Hans Erik Schumann. Der Prozess habe fast fünf Monate gedauert. „Man hätte dieses Ergebnis sicher auch zügiger haben können“, sagte Jakubetz. Der Verteidiger habe den Prozess durch Anträge verzögert, „die mit der Sache wenig bis nichts zu tun hatten.“

Von Heidi Niemann

Mordkommission „Groner Tor“

Am 9. August 2016 betritt ein 44-jähriger Mann gegen 18.55 Uhr mit einer Zigarette in der Hand eine Apotheke am Groner Tor in Göttingen. Er gibt an, dass er verletzt sei und sich verstecken müsse. Kurz darauf bricht der stark blutende Mann zusammen. Die Mitarbeiter der Apotheke verständigen sofort über Notruf die Rettungsdienste und leisten Erste Hilfe. Nach rund zwei Minuten sind zwei Rettungsassistenten und eine Funkstreife am Einsatzort. Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen erliegt der 44-Jährige im Treppenhaus des Gebäudes seiner schweren Verletzung. Laut Polizeibericht stellt der Notarzt um 19.24 Uhr den Tod fest. Vor seinem Tod nennt er den Polizisten den Namen des Mannes, der ihm einen Messerstich in den Bauch versetzt hat.

Die Polizei setzt eine Mordkommission ein, die unter dem Titel „Groner Tor“ firmiert. Der Erkennungsdienst untersucht die Geschäftsräume der Apotheke. Die Spezialisten der Spurensicherung finden an einer Hosentasche des Verstorbenen ein Reizstoffsprühgerät, in seiner linken vorderen Hosentasche befindet sich ein Messer. Bis spät in die Nacht vernehmen die Ermittler erste Zeugen. Angehörige der Bereitschaftspolizei suchen in den Straßenzügen rund um die Apotheke nach möglichen Spuren, die unter anderem Aufschluss darüber geben könnten, wie und wo sich die Tat abgespielt hat.

Die Ermittler fahren zur Wohnung des Mannes, den der Verstorbene genannt hatte, treffen ihn dort aber nicht an. Der Tatverdächtige ist ein bereits vielfach vorbestrafter Drogensüchtiger, der erst wenige Monate zuvor aus der Strafhaft entlassen worden ist. Die Fahnder treffen ihn in der Asklepios Klinik, wo er sich im Rahmen einer Drogenersatztherapie seine Medikamente abgeholt hat. Der 39-Jährige ist am Tatabend zunächst zu seiner Schwester gefahren und hat sich dann in der Klinik aufnehmen lassen. Die Beamten nehmen ihn zur Vernehmung mit zur Dienststelle, wo er Ersatzmittel verabreicht bekommt. Später bringt ihm der Arzt weitere Medikamente. Am nächsten Morgen wird er dem Haftrichter vorgeführt. Dieser erlässt am 11. August einen Haftbefehl wegen Verdachts des Totschlages.

Am 7. Februar 2017 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Göttingen. Nach fünf Monaten wird am 18. Verhandlungstag schließlich das Urteil gesprochen.

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Polizei: Hintergründe noch unklar
Ein 44-jähriger Göttinger hat am Dienstagabend schwer verletzt eine Göttinger Apotheke betreten und ist dort zusammengebrochen. Am Mittwochmittag suchen Beamte der Göttinger Polizei nach der Tatwaffe. Hintergründe der Tat sind noch unklar.

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