Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Vier Wochen neues Busliniennetz in Göttingen „Gymnastik in Regendusche“

Busse bleiben stecken

„Gymnastik in Regendusche“

Foto: Stressfaktor für Busfahrer und ein wesentlicher Grund für Verspätungen: An Radfahrern kommen die GöVB-Fahrzeuge oft nicht vorbei.

Stressfaktor für Busfahrer und ein wesentlicher Grund für Verspätungen: An Radfahrern kommen die GöVB-Fahrzeuge oft nicht vorbei.

© Heller

Sie sind „verärgert“ und „enttäuscht“ über „diesen Schildbürgerstreich“. Sie klagen am Telefon, per E-Mail oder in Briefen über Busse, die „im wahrsten Sinn des Wortes an der Bevölkerung vorbeifahren“. Auch beim Tageblatt sind in den vergangenen Wochen Beschwerden über das neue Liniennetz der Göttinger Stadtbusse eingegangen.

Einige Beispiele:

„Ich bin wirklich sehr verärgert“, sagt Renate Knipping . Seit der neue Liniennetzplan gilt, komme sie am Abend nach einem Theater-, Konzert- oder Kinobesuch nicht mehr aus der Innenstadt ohne Umstände nach Hause beziehungsweise zur Haltestelle Leibnizstraße. Sie müsse jetzt weiter laufen – „im hohen Alter ist das beschwerlich“ – oder an der Bürgerstraße mit langer Wartezeit umsteigen.

Sie ist nicht die einzige Seniorin, die klagt: „Das neue Busliniennetz ist ein gravierender Eingriff in meine Mobilität“, schreibt Mona Meinshausen („ich gehe auf die 70 zu“). Für die Anreise zu ihrem Arbeitsplatz bei der VHS müsse sie jetzt „zwei Stunden für die An- und Abreise einplanen und trotzdem noch weiter laufen“.

Mehrere Beschwerden kommen aus Holtensen. „Sehr großzügig“ werde die Straße Unterm Hagen jetzt bedient, kritisiert nicht nur Carsten Henkel mit ironischen Ton. Im neuen Plan fahren die Holtensen-Busse alle über den Holtenser Berg. Folge: Statt früher 24 würden jetzt 140 Busse täglich an seinem Haus vorbei fahren.

Unzumutbar finden es mehrere Kunden, dass einige Linien morgens und mittags vor und nach Schulbeginn offenbar völlig überfüllt seien – besonders  die Busse aus Bovenden und Geismar. Aber auch andere Verbindungen seien offenbar überlastet.

Sein Enkel Marcel (11) sei auf dem Schulweg von Grone zur Lohbergschule im Osten der Stadt schon zweimal   an der Haltestelle stehen gelassen worden, berichtet Bernd Wolter . Am vergangenen Montag sogar auch mittags beim Umsteigen in der City. „Das ist unglaublich, das darf doch gar nicht passieren“, protestiert er. „Sehr traurig“ findet es Janina Brauer, dass dann vor allem Fahrgäste mit Kinderwagen und Rollator nicht mehr in die Busse kommen.   

Am Lohberg, Kirschberg und im Altdorf von Geismar fühlen sich Fahrgäste der  Stadtbusse eher abgehängt, weil Busse dort nicht mehr oder seltener fahren. Dass es keine Direktverbindung von Geismar zum Friedhof Junkerberg gibt, ist für Sonja Wolf „unverständlich“.

 Hans-Günther Müller nimmt schlechtere Verbindungen für den Bereich Kirschberg / Mittelbergs betont sportlich: Das neue Liniennetz bewege ihn jetzt regelmäßig zu einer „Bergtour“ zur nächsten Haltestelle oder zu viel „Stand-Gymnastik in der Regen-Dusche“, wenn er am neuen Umsteigepunkt mindestens 15 Minuten Wartezeit hat.

Dass auch andere Verkehrsteilnehmer auf einigen der neuen Strecken leiden, berichtet Erika Lohe-Saul. Geradezu „rüpelhaft“ sei das Fahrverhalten der „sicher gestressten“ Busfahrer in der viel zu engen Goßlerstraße, in der sich jetzt manch Radfahrer nur mit einem Sprung auf den Fußweg retten könne.

Im Vergleich zur großen Liniennetz-Reform vor 16 Jahren hält sich der Proteststurm jetzt allerdings in Grenzen. Damals protestierten viele Hundert Fahrgäste über verlegte Touren, abgebaute Haltestellen und neue Fahrzeiten. Die Redaktionstelefone standen tagelang nicht still, in der Innenstadt gab es eine Demonstration und bei einer Info-Veranstaltung nach der Umstellung war der Ratssaal mit mehr als 400 schimpfenden Göttinger überfüllt.

► Kommentar: 230 Klagen sind fast nichts

„Da muss sich ganz dringend etwas ändern, so geht das nicht“, sagt die ältere Dame am Telefon. Es ist ihr dritter Anruf. In jedem schimpft sie über das neue Göttinger Busliniennetz und schlechtere Verbindungen für ihr Wohnviertel.

Aber immer sagt sie auch: „Ich wundere mich, die anderen im Bus sind so zufrieden.“ Es sind genau diese beiden typischen Reaktionen, die die Diskussion zum neuen Liniennetz nach seinem Start bestimmen: Wer Liebgewonnenes verliert, fühlt sich schlecht behandelt und stellt gleich alles in Frage. Es melden sich aber nur die, die unzufrieden sind – Lob kommt selten unaufgefordert.

Dabei hat diese Reform des wohl wichtigsten Transportmittels in der Stadt Lob verdient: Der von manchen erwartete Kollaps ist ausgeblieben. Darüber hinaus sind 230 Beschwerden bei den GöVB bei mehr als 18,5 Millionen Fahrgästen im Jahr, 500 Haltestellen und 19 Linien fast nichts.

Selbstverständlich gibt es hier und da Klagen über gestrichene Streckenabschnitte und Haltestellen – die Opfer für bessere Angebote in anderen Bereichen. Und es gibt berechtigte Wut über volle Busse, vergessene Anbindungen und falsch berechnete Fahrzeiten. Aber das gehört bei so vielen Veränderungen dazu und ist vertretbar, wenn die Verkehrsbetriebe wie versprochen nachbessern.

Dass das Chaos nach der Liniennetz-Reform vor 16 Jahren dieses Mal ausblieb, hat vor allem einen Grund: Ganz anders als damals haben GöVB und Stadtverwaltung die Göttinger schon im Vorfeld gefragt und mit eingebunden – bei vielen Infoveranstaltungen, Bürgerforen und über das Internet. Auch dafür haben sie – bei mancher berechtigter Kritik – vor allem Lob verdient.

Den Autor erreichen Sie unter u.schubert@goettinger-tageblatt.de

Ulrich Schubert

Ulrich Schubert

Quelle:
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016