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Vom Schnapsfabrikanten bis zum Banker – alle fassen mit an

Hallenbad-Genossenschaft feiert Vom Schnapsfabrikanten bis zum Banker – alle fassen mit an

Vor fünf Jahren wurde in Nörten-Hardenberg die erste Hallenbad-Genossenschaft Deutschlands gegründet. Jetzt wird gefeiert.

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Fünfter Geburtstag: Bürger feiern in ihrem Hallenbad.

Quelle: Pförtner

Irgendwann sind sie runter an die Theke gegangen, haben dort weiter diskutiert über die scheinbar verrückte Idee, eine Genossenschaft zu gründen. Genossenschaft. Das klingt nach: Sozialismus. Kommunismus. Spinnereien. „Die haben mich ausgelacht“, sagt Frank Priebe und schmunzelt bei der Erinnerung an jenen Abend im Ratskeller von Nörten-Hardenberg. Doch der Bürgermeister der 8000-Einwohner-Gemeinde blieb hartnäckig und rang den Unternehmern des Ortes – dem Schnapsfabrikanten, dem Autohändler, dem Banker – eine folgenschwere Zusage ab: „Wir prüfen mal, ob es sich rechnet.“ Ein paar Monate danach, im September 2005, haben sie gemeinsam die erste Hallenbad-Genossenschaft Deutschlands gegründet.

Fünf Jahre später hat sich der kommunale Verlustbetrieb in ein Vorzeigeprojekt verwandelt. Ortsvorsteher und engagierte Bürger aus der ganzen Republik reisen an, um das Geheimnis des Erfolgs zu erkunden. Für sie führt kein Weg vorbei an Frank Priebe. Der 54-Jährige ohne Parteibuch lenkt nicht nur seit 20 Jahren die Geschicke der Gemeinde. Er ist auch der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, der einmal im Monat am Wochenende die Lohnabrechnungen der Schwimmbad-Beschäftigten erstellt und sagt: „Man muss bereit sein, viel Zeit und eigene Gedanken zu investieren.“

Der Bürgermeister hat sich die richtigen Leute ins Boot geholt – zum Beispiel Hans-Joachim Raith. 30 bis 40 Stunden im Monat stecke er bestimmt in das Schwimmbad, sagt der 65-Jährige, der bis vor kurzem geschäftsführender Gesellschafter dreier Autohäuser war. Das hat ihn nicht daran gehindert, sich seit der Gründung ehrenamtlich um die Finanzen der Genossenschaft zu kümmern. Die Bürger schätzen Raiths Engagement: „Wenn ich etwas sage, sind viele überzeugt. Als Unternehmer hat mein Wort Gewicht.“ Auch der örtliche Schnapshersteller hilft, erstellt kostenlos die Bilanzabschlüsse für die Genossenschaft.

Heute ist das jährliche Defizit des Bades von 250 000 Euro auf 75 000 Euro gesunken. Die Zahl der Besucher hat sich mehr als verdoppelt. Das Schwimmbad ist gut ausgelastet. Seit anderthalb Jahren versorgt ein Blockheizkraftwerk das Bad mit Wärme und Strom. Es ist eine Investition, die sich rechnet: Den 50 000 Euro für den Bau stehen 15 000 Euro weniger Energiekosten pro Jahr gegenüber.

Eine Photovoltaikanlage soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen, auch das Chlor kauft die Genossenschaft billiger ein als früher die Gemeinde. Doch scheint nun, was das Sparen angeht, das Ende der Fahnenstange erreicht. „Mit einem Freizeittempel können Sie schwarze Zahlen schreiben, aber nicht mit einem Schwimmbad“, sagt Bürgermeister Priebe.
300 Bürger haben Geld in die Genossenschaft gesteckt, 150 stehen als Mitglieder des Fördervereins bereit für den jährlichen Großputz, sammeln Geld für eine neue Sauna-Tür oder Kinderspielzeug für die kleinen Badbesucher. Kürzlich erst haben sie mit großem Einsatz die Herrenduschen renoviert und die Parkplätze neu geschottert.

Am Rand des Schwimmbeckens steht Markus Rittmeyer, der wohl einzige Bademeister Deutschlands, der auch Geschäftsführer ist. Der 38-Jährige war „ein bisschen erschrocken“, als er von der Idee der Schwimmbad-Genossenschaft hörte. Er fürchtete um seinen Arbeitsplatz. Heute ist der gelernte Schwimmmeister „sehr glücklich“.
Das sind eigentlich alle Beteiligten. Daher wurde der fünfte Geburtstag der Hallenbad-Genossenschaft am Freitagabend auch ausgiebig gefeiert – und auf die nächsten fünf Jahre angestoßen.

Von Ulrich Jonas (epd)

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