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Vom „dumpfigen Stadtthurm“ zur Universitätsklinik

Geschichte der medizinischen Fakultät Vom „dumpfigen Stadtthurm“ zur Universitätsklinik

Von einer kümmerlichen Örtlichkeit bis zu einem modernen Universitätsklinikum – so verläuft die Geschichte der medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen.

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Das Ernst-August-Hospital in der Geiststraße: Farbige Lithographie von Friedrich Besemann, um 1852.

Quelle: Universitätsverlag

Diese rasante Entwicklung hat Volker Zimmermann nun in einem Buch dargestellt.

Mit der Gründung der Universität 1737 sollte auch „eine medicinische Facultät in Flor“ gebracht werden. Der erste Professor dieser Fakultät war der Anatom, Physiologe und Botaniker Johann Wilhelm Albrecht, der noch vor der offiziellen Gründung der Universität im November 1734 aus Erfurt berufen wurde. Er wirkte im ersten Domizil der Anatomie, dem Turm am Albanitor. Doch laut Zimmermann standen weder „die recht kümmerliche Örtlichkeit“ noch die Tätigkeit in der Göttinger Bevölkerung in hohem Ansehen: „Der erste Professor der Anatomie Albrecht musste sich gefallen lassen, mit seinen Cadavern in einen alten dumpfigen Stadtthurm sich zu begeben. Selbst für Geld konnte er keinen bekommen, der ihm dazu nur Wasser trug“, zitiert Zimmermann einen älteren Kommentator. Jungen auf den Gassen hätten Albrecht als Menschenschinder verspottet. Albrecht war nur ein kurzes Wirken beschieden: Er starb bereits 1736 an Tuberkulose.

Auf Albrecht folgten Georg Gottlob Richter und Albrecht Haller. Richter, der ehemalige Leibarzt des Fürstbischofs von Lübeck, wurde erster Dekan der medizinischen Fakultät, Haller, der in seiner Göttinger Zeit geadelt wurde, gab der Universität und vor allem der medizinischen Fakultät während der Aufbauphase entscheidende Impulse. Seine Ankunft in Göttingen am 30. September 1736 war jedoch von einem Unglück überschattet: Bei der Einfahrt in die Stadt stürzte die Kutsche in einen Graben. Hallers Frau starb vier Wochen später an den Folgen des Unfalls.

Haller arbeitete zunächst noch im Turm des Albanitores, doch bald konnte die neu errichtete Anatomie am botanischen Garten, dessen Ausbau ebenfalls Hallers Werk war, bezogen werden. Die nach Hallers Vorstellungen entworfene Anatomie war laut Zimmermann „bis dahin einmalig in Deutschland“. Nach eigenen Angaben präparierte Haller in seiner Göttinger Zeit bis 1753 fast 350 Leichen selbst. Die Leichen aller im Großraum Göttingen Hingerichteten mussten in die Anatomie gebracht werden. Dazu kamen unter anderem tödlich Verunglückte und alle Armen, die kostenlos beerdigt werden mussten.

Der Universalgelehrte von Haller war allerdings ein schwieriger Charakter. Nach Spannungen in der Fakultät verließ er 1753 Göttingen, und die medizinische Fakultät verlor zunächst an wissenschaftlichem Glanz. Mit dem Amtsantritt Jacob Henles 1852 erreichte die Anatomie im 19. Jahrhundert in Göttingen ihren Höhepunkt. Zuvor war 1829 die neue, klassizistische Anatomie an der heutigen Berliner Straße eröffnet worden, die 1945 bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde in der medizinischen Fakultät wirklich praktisch-klinischer Unterricht gegeben. 1773 richtete Ernst Gottfried Baldinger das „Collegium clinicum“ ein, es folgten unter anderem das im ehemaligen Gasthaus „Zu den sieben Türmen“ eingerichtete akademische Hospital und das nach dem hannoverschen König benannte Ernst-August-Hospital. Es wurde 1851 in Anwesenheit des Königs offiziell eröffnet.
Eine wesentliche Forderung, die die medizinische Wissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts an einen universitären Krankenhausbetrieb stellte, war die Zusammenführung der unterschiedlichen Teilkliniken an einem zentralen Ort. Der Ankauf eines großflächigen Grundstücks von etwa acht Hektar Größe zwischen der Goßlerstraße und dem Kirchweg – der heutigen Humboldtallee – schuf dazu die Voraussetzungen. 1889 eröffneten die Chirurgische, 1891 die Medizinische und 1896 die Frauenklinik ihren jeweiligen Neubau, 1906 folgte die Augenklinik. Das ebenfalls neu errichtete pathologische Institut begann seine Arbeit bereits 1891. Die vier Teilkliniken mit ihren gelben Klinkersteinen zeichneten sich durch ein einheitliches Erscheinungsbild aus. Heute befinden sich vor allem geisteswissenschaftliche Seminare der Universität in den Gebäuden.

Die Frauenklinik hatte schon eine lange Tradition, als sie am Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet an der heutigen Humboldtallee angesiedelt wurde. Sie war 1751 als erste Krankenanstalt der Universität im Armenhospital St. Crucis am Geismartor eingerichtet worden. Das St.-Crucis-Hospital wurde später abgerissen und durch das 1791 eröffnete Accouchier-Hospital (von französisch accoucher = niederkommen, entbinden) mit seinem beeindruckenden Treppenhaus abgelöst. Heute ist in dem Gebäude das musikwissenschaftliche Seminar untergebracht.

Mit der zunehmenden Ausbildung medizinischer Spezialfächer entstanden weitere Kliniken. 1911 eröffnete an der heutigen Ecke Kreuzbergring/Humboldtallee die Kinderklinik, 1928 die Hautklinik am Steinsgraben. Bereits 1878 war die „königliche Universitäts-Poliklinik für Ohren- und Nasenkrankheiten zu Göttingen“ eröffnet worden, noch früher 1866 die „provinzialständige Landes-Irrenanstalt“ auf dem Leineberg, mit der sich die wissenschaftliche Psychiatrie weiter etablierte.

Die Zahnheilkunde führte auch in Göttingen lange Zeit ein Außenseiterdasein. Erste private Kliniken für Zahnkranke um 1900 wurden zunächst mit Skepsis betrachtet. Erst 1919 erfolgte die Neugründung eines zahnärztlichen Instituts.
Die Gegner eines Frauenstudiums waren auch in der medizinischen Fakultät zahlreich. Friedrich Benjamin Osiander, 1792 bis 1822 Leiter des Accouchier-Hospitals, bestritt, „dass beim Unterricht characterloser Weiber und Mädchen viel Erfreuliches herauskomme. Sie sind wie ein Rohr, das der Wind hin und her wehet, und vollends zur Auctorschaft verdorben. Das Schwangerwerden steht ihnen auf jeden Fall besser an, als über Schwangerschaften zu schreiben.“ Doch es gab unter den Medizinern auch Befürworter wie Wilhelm Ebstein, Direktor der medizinischen Klinik und Poliklinik am Ernst-August-Hospital. 1908 wurde das Frauenstudium in Preußen und damit auch in Göttingen zugelassen.

Eine düstere Phase macht die medizinische Fakultät während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten durch. Allein in der Frauenklinik wurden knapp 800 Frauen zwangssterilisiert. An der Stelle der Indikationen stand „angeborener Schwachsinn“ mit rund 60 Prozent, an zweiter Stelle folgte „Schizophrenie“ mit 22 Prozent. Drei Frauen starben an den Folgen der Sterilisation. 238 psychisch kranke Menschen wurden im Rahmen der Euthanasie umgebracht. Zwangsarbeiter wurden an den Kliniken ausgebeutet und zu medizinischen Zwecken missbraucht. Doch Zimmermann führt auch einzelne Fälle von Zivilcourage an. Sein Fazit: „Die medizinische Fakultät spiegelt die typischen Merkmale der NS-Zeit wider. Als Abbild der gesamten Universität schwankt sie zwischen ,Selbst-Gleichschaltung‘, Gehorsam und ansatzweisem punktuellem Widerspruch.“ Nach 1945 habe sich die Fakultät schwer getan, sich mit den Naziverbrechen auseinanderzusetzen.

Eine Zäsur in der jüngsten Geschichte stellt der Bau des Universitätsklinikums an der Robert-Koch-Straße dar. 1977 begann der Umzug der einzelnen Kliniken dorthin, 1988 fand er seinen Abschluss – vorläufig. Denn Veränderungen gibt es ständig. So zog erst vor kurzem ein Teil der Hautklinik in der Von-Siebold-Straße in das Uni-Klinikum um. Die Universitätsmedizin Göttingen ist heute einer der größten Arbeitgeber der Region. Unter ihrem Dach sind das Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät zusammengefasst.
Vier bedeutende Sammlungen sind im Verlauf der Geschichte der medizinischen Fakultät entstanden: die human­embryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt, die kulturgeschichtliche Sammlung Heinz Kirchhoff „Symbole des Weiblichen“, die Sammlung zur Geschichte der Geburtshilfe und die Blumenbachsche Schädelsammlung, die 850 Schädel und Abgüsse enthält.

Volker Zimmermann: „Eine Medicinische Facultät in Flor bringen“. Zur Geschichte der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. Universitätsverlag Göttingen, geb., 139 Seiten, 36 Euro.

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