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Von der Leine an die Ufer des 扬子江

Am Jangtsekiang Von der Leine an die Ufer des 扬子江

Flüsse haben es ihm offensichtlich angetan. Erste Spuren als Schreiber hinterließ er an der Elbe, den „journalistischen Freischwimmer“ absolvierte er Anfang der 80er-Jahre an der Leine. Und bereits vier Jahre nach dem Beginn seines Volontariats übernahm Michael Grabicki die Position des Lokalchefs beim Göttinger Tageblatt.

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Gespräche mit Pionieren und Politikern in China geführt: Michael Grabicki auf der Chinesischen Mauer.

Quelle: EF

Nun hat ihn sein beruflicher Lebensweg an die Gestade des 扬子江 geführt, zu Deutsch Jangtsekiang und mit 6   380 Kilometern längster Strom Chinas. „Eine lange Reise“ heißt Grabickis Buch, das der 63-jährige Journalist auf der Leipziger Buchmesse vorstellte und das auf mehr als 400 Seiten die Geschichte der BASF in China von 1885 bis heute dokumentiert.

Davon träumt wohl jeder Journalist: Ein großes Projekt realisieren zu können – und dabei von allen lästigen Alltagsjobs entbunden zu sein. Und etwas zu schaffen, das die Zeitung von gestern überdauert. Traum erfüllt: Seit 1998 Chef der Wirtschafts-Pressestelle beim Ludwigshafener Global Player, beauftragte die BASF Grabicki 2012 mit den Recherchen zu dem Buch, das in diesem Jahr anlässlich des 150-jährigen Unternehmens-Jubiläums erscheint. Hintergrund: Als größter ausländischer Chemie-Investor beschäftigen die Ludwigshafener mehr als 8    000 Mitarbeiter in China und erwirtschaften dort zehn Prozent des Konzern-Umsatzes. Die lange Unternehmens-Reise begann vor bereits 130 Jahren; damit ist BASF so lange im China-Geschäft tätig wie kaum ein anderes Unternehmen.

„Faszinierender als diese Zahlen waren aber die Aufzeichnungen von Mitarbeitern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in dem Land tätig waren, das von Aufständen und Bürgerkriegen zerrissen war und von Kolonialmächten unterdrückt wurde“ ,blickt Grabicki zurück. „Noch spannender waren die Gespräche, die ich mit BASF-Pionieren geführt habe, die dort vor einem Vierteljahrhundert gearbeitet haben. Ich hatte Zugang zu chinesischen Politkern und Wirtschaftsführern, konnte in Unternehmenszentralen und Parteiresidenzen recherchieren. Für mich war die zweijährige Arbeit an dem Buch so etwas wie Rückkehr in den Journalismus und an die Uni zugleich“.

Rückkehr? Einer wie Grabicki dürfte auch in den Pressestellen-Jahren die Grundregel nicht verlernt haben, dass erst „human interest“ jeder gut recherchierten Story die nötige Spannung und Farbe verleiht. Göttingen hat ihm damals ein breites Experimentierfeld geboten, die Illusionen waren noch frisch in den Achtzigern: „Zeitungskrieg“ im Eichsfeld, ein Uni-Kommilitone (Jürgen Trittin, mühte sich damals noch nicht um das Elder-Statesman-Image), der als junger Wilder „den Rat zum Tanzen brachte“,  wie sich Grabicki an die „Talentschmiede GT“ erinnert. Ob Rockmusik-Rubrik „Ohrensause“, Rebellion gegen verkarstete Doppelmoral, Klatschspalte oder die tägliche lokale Glosse, nicht selten sehr bissig: „Darauf bin ich immer noch stolz; wir wollten damals den Journalismus neu erfinden“, meint Grabicki. „Ist aber nur zum Teil geglückt.“

Dass er 1989 Göttingen verlassen hat, ohne sich dem Jahrhundert-Thema „Fall der Grenze“ widmen zu können, bedauert Grabicki noch heute. Dafür hat ihn allerdings sein weiterer Weg reich beschenkt: Einstieg bei der BASF („von der ich nicht mehr wusste, als dass sie Audio-Kassetten herstellt“), verantwortlich für die Werkszeitung, Kommunikation für den Standort Ludwigshafen mit damals noch 45   000 Mitarbeitern, Aufbau das werkseigenen Fernsehens im Kabelnetz. Später dann Aufstieg zum Leiter der Wirtschaftspressestelle: „Besonders gefallen hat mir an diesem Job, dass er absolut international war, ich also ein ordentliches Stück von der BASF-Welt gesehen habe: Börsengang an der New York Stock Exchange, Entwicklung neuer Erdgasfelder in Westsibirien, Aufbau eines Verbundstandortes in Nanjing, Inbetriebnahme neuer Anlagen in Mexiko. Dazu mediale Vorbereitung freundlicher Akquisitionen und auch mal einer feindlichen Übernahme“, so Grabicki. Das Thema Asien-Pazifik habe dabei von Jahr zu Jahr an Wichtigkeit gewonnen. Und jetzt das China-Buch, mit dem sich Grabicki vom Leiden aller Pressesprecher befreit hat: „Etwas Längeres und Nachhaltigeres zu produzieren als kurzlebige Mitteilungen“.

Und die Zukunft? Noch „ein paar Projekte im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr“ will Michael Grabicki schultern, danach will er sich aus dem aktiven Berufsleben verabschieden. Wer ihm das glaubt…

Von Andreas Stephainski

Michael Grabicki: „Eine lange Reise – Die Geschichte der BASF in China von 1985 bis heute“. Hoffmann & Campe, 404 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, 16,50 Euro.
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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016