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Ein heißes Eisen

Wätzolds Woche Ein heißes Eisen

Der Advent ist bekanntlich die Zeit der anrührenden Geschichten. Dass ein Göttinger Busfahrer eine ausländische Familie mangels Wechselgeld nicht mitnehmen wollte, passt da nicht zu. Die Woche aus Sicht von Kolumnist Lars Wätzold.

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Quelle: CH

Göttingen. Der Advent ist bekanntlich die Zeit der anrührenden Geschichten; gerade in diesem Jahr, denn aktuell läuft doch irgendwie alles ziemlich aus dem Ruder. Aber statt Seelenlametta, lese ich in der Mittwochszeitung folgendes:

Eine ausländische Familie, die mit Baby und krankem Kleinkind in einer Pension in Bischhausen zu Gast war, wurde von einem Busfahrer des RBB stehen gelassen, weil er den Hundert-Euro-Schein der Familie nicht akzeptierte. Die Familie musste deshalb eine Stunde in der Kälte auf den nächsten Bus warten. Ob sie dann mittlerweile Kleingeld hatte, oder die Mitfahrt trotz Hunderters gelang, steht leider nicht dabei.

Dem Busfahrer wird nun vom Pensionswirt Unmenschlichkeit vorgeworfen, während ihm sein Arbeitgeber bescheinigt, völlig korrekt gehandelt zu haben. Der Mann habe den Schein einfach nicht wechseln können und auch nicht können müssen. Und tatsächlich besagt §7, Absatz 1 der RBB-Beförderungsbedingungen: „Das Fahrpersonal ist nicht verpflichtet, Geldbeträge über 10 Euro zu wechseln.“ Und in Absatz 2 heißt es ergänzend, wenn „der zurückzugebene Restgeldbetrag 10,00 Euro übersteigt, ist das Personal berechtigt, den Restgeldbetrag gegen Quittung einzubehalten“, was aber an der Sprachbarriere scheiterte, also ist dem Mann tatsächlich nichts vorzuwerfen.

Aber wie sieht es eigentlich mit der ausländischen Familie aus? Hat sie korrekt gehandelt, als sie völlig ahnungslos mit dem RBB-Bus zu fahren trachtete, ohne einen blassen Schimmer von den Beförderungsbedingungen zu haben? Oder hätte man erwarten können, dass sie vor Reiseantritt wenigstens § 7, Absätze 1 und 2 zur Kenntnis nimmt? Eine brisante Frage, die mindestens so dringend diskutiert werden muss, wie Kopftuch- und Verschleierungsverbot und zwar am besten bei Maybrit Illner. Ich sehe schon vor mir, wie die CDU fordert, dass Deutschland-Touristen gut vorbereitet sein müssen und deshalb von Tansania bis Norwegen die RBB-Beförderungsbedingungen Teil des Grundschul-Curriculums werden sollten, während die SPD meint, dass RBB-Hotspots in den Hauptstädten ausreichend seien, weil ja gar nicht jedes Grundschulkind von Tansania bis Norwegen die Absicht habe, irgendwann mal mit einem RBB-Bus zu fahren und man generell auf Freiwilligkeit setze. Die Linken fordern das Sozialticket für alle, die Grünen sind in der Frage uneins. Und die AfD findet, das Altparteienkartell führe eine Scheindebatte auf Kosten der Volksgenossen, weil Ausländer sowieso alle schwarzfahren. Und uns bliebe die Erkenntnis, dass aktuell doch irgendwie alles ziemlich aus dem Ruder läuft.

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