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Wandern entlang der Harzer Wasserwege

Weltkulturerbe Oberharzer Wasserregal Wandern entlang der Harzer Wasserwege

Journalisten erleben im Laufe ihres Arbeitsalltages so allerlei. Aber 700 Meter in Gummistiefeln und mit einem Helm auf dem Kopf unter Tage durch einen Wasserkanal, das gehörte bisher noch nicht dazu. Dabei waren wir eher auf eine gemütliche Wanderung entlang der Harzer Wassergräben eingestellt. Doch der Reihe nach.

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Teichkaskade Hirschlerteich-Pfauenteich: in der Nähe von Clausthal-Zellerfeld.S

Quelle: Stein

Eingeladen hatten die Stadtwerke Göttingen, die mit einem kleinen Prozentsatz (sechs) an den Oberharzer Wasserwerken beteiligt sind. Die wiederum waren entscheidend daran beteiligt, dass wir seit diesem Sommer ein weiteres Weltkulturerbe direkt vor unserer Haustür haben – im Harz eben. Das „Oberharzer Wasserregal“ trägt nun, zusammen mit dem Erzbergwerk Rammelsberg, der Altstadt von Goslar und dem Kloster Walkenried (über das wir vergangene Woche berichtet haben), jenen begehrten Titel, den die Unesco, die Welt-Kulturorganisation, nur selten vergibt.

Ein Grund also, uns dies alles mal aus der Nähe anzusehen. Angefangen wird – natürlich – im Gebäude der Harzwasserwerke in Clausthal-Zellerfeld. Das man auch jedem normalen Harz-Touristen nur empfehlen kann. Denn hier gibt es ein kleines, aber sehr informatives Museum, das einen hervorragenden historischen Überblick bietet – und zumindest im Sommer täglich geöffnet ist.

Nun also: Erst einmal gibt es Geschichtsunterricht. Regal, welch merkwürdiger Name, fragt ein Journalist und wird sofort aufgeklärt. Er leitet sich von Regalien her – den Hoheits- und Sonderrechten eines Königs. Zu ihnen gehörte (1158 wurden sie von Kaiser Friedrich I. Barbarossa erstmals schriftlich festgelegt) auch die Wasserversorgung. Diese war gerade im Harz von größter Bedeutung. Denn hier wurde im Mittelalter Silber abgebaut. Was den jeweiligen Herrschern Geld einbrachte – in diesem Fall den Regenten von Hannover. Wofür man aber vor allem eines benötigte: Wasser.

Vor mehr als 800 Jahren begannen Zisterziensermönche im Harz damit, die zahlreichen Teiche, Gräben und Wasserläufe anzulegen, um Wasserkraft für den Bergbau in der Region nutzbar zu machen. Das Oberharzer Wasserregal wurde dann hauptsächlich im 16. bis 19. Jahrhundert geschaffen. Als ein System zur Umleitung und Speicherung von Wasser, das Wasserräder in den Bergwerken des Oberharzer Bergbaus antrieb. Es zählt zu den größten und bedeutendsten historischen bergbaulichen Wasserwirtschaftssystemen der Welt – daher auch die Auszeichnung mit dem Titel Weltkulturerbe.

Die Anlagen erstrecken sich über ein Gebiet von rund 200 Quadratkilometern im niedersächsischen Teil des Harzes, wobei die meisten Bauwerke im Raum Clausthal-Zellerfeld, Hahnenklee, Sankt Andreasberg, Buntenbock, Wildemann, Lautenthal, Schulenberg, Altenau und Torfhaus zu finden sind. Ein weiträumig vernetztes System, bestehend aus ehedem rund 140 Teichen, die sehr intelligent verbunden waren durch 500 Kilometer Gräben, 18 Kilometer hölzerne Wasserleitungen und 30 Kilometer unterirdische Gräben, die im Harz „Wasserläufe“ heißen. „Aktiv unterhalten“ werden heute noch 65 Teiche, rund 70 Kilometer Gräben und rund 20 Kilometer Wasserläufe. Das wiederum kostet rund 1,2 bis 1,6 Millionen Euro – getragen von einem Privatunternehmen, nämlich den Harzwasserwerken. Also nicht aus öffentlichen Geldern. Ein ziemlich ungewöhnliches Unternehmen.

Dies alles nun direkt vor der Haustür der Göttinger – und kaum bekannt. Dabei bin ich schon an den Waalwegen in Südtirol gewandert und den Levadas in Madeira. Dass ich das mindestens ebenso schön und prächtig nur wenige Kilometer entfernt hätte finden können, hatte mir niemand erzählt. Wenn man im Oberharz am Wegesrand ein kleines Schild mit Wasserrad und Richtungspfeil sehen kann, dann befindet man sich auf einem der insgesamt 22 Wasserwanderwege. Diese meist als Rundweg angelegten themenorientierten Wanderpfade wollen einem die wasserwirtschaftlichen Bauwerke des Oberharzer Wasserregals näherbringen. Das Problem ist: Auch diese Wege muss man erst einmal finden.

Selbst die Parkplätze, an denen man starten kann, sind nicht immer einfach zu finden. Also ist es nützlich, sowohl eine Landkarte also auch einen kleinen Wanderführer (siehe Kasten) dabei zu haben. Oder wie wir heute, gleich einen kompetenten Führer. Ist man dann aber unterwegs, gibt es informative Schau- und Wappentafeln, die Sinn und Zweck der einzelnen Anlagen erläutern und Zusammenhänge klarmachen.

Die Wasserwanderwege sind zwischen 450 Meter und zwölf Kilometer lang. Die Clausthaler und Buntenboker Teiche (dort hat es uns heute hin verschlagen) sind besonders reizvoll. Hier wartet ein Wagen der Wasserwerke auf uns, bestückt mit Regenmänteln, Helmen und Gummistiefeln in allen Größen. Dermaßen verkleidet, das Gekicher ist verständlicherweise laut, geht es dann auf den Weg. Wenn die Stiefel ein wenig zu groß geraten sind, wie bei mir, kein so richtig gutes Laufgefühl.

Weder über Tage noch unter Tage. Denn natürlich lässt unser Gastgeber es sich nicht nehmen, uns durch einen der unterirdischen Kanäle zu schleusen: 700 Meter (ach ja, kleine Taschenlampen sind dafür auch ausgegeben worden) waten wir durch das heute besonders hohe Wasser, dass dann über kurz oder lang hineinschwappt in die Gummistiefel, während sich die Haare unter dem Helm vom Schwitzen feuchten und von der Decke das Wasser als leichtes Rinnsaal in den Nacken läuft.

Eine Stunde später, im wunderbaren Restaurant des Landhauses Kemper in Buntenbock, ist das schnell wieder vergessen. Der Beschluss meiner Tischnachbarn jedenfalls steht fest: Demnächst wird mal wieder im Harz gewandert, entlang der Wasserwege. Und danach ab nach Buntenbock. Dort allerdings empfiehlt sich eine Reservierung, denn auf die Idee sind viele andere vor uns auch schon gekommen.

Die Stadtwerke Göttingen planen für das Frühjahr 2011 eine Fahrt zum Oberharzer Wasserregal.

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