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Wann Hinweise auf bevorstehenden Kindesmissbrauch zu melden sind

Von Vertrauen, Schweigepflicht und drohender Strafbarkeit Wann Hinweise auf bevorstehenden Kindesmissbrauch zu melden sind

Muss der Therapeut schweigen, auch wenn er bevorstehenden Kindesmissbrauch fürchtet? Oder muss er melden, wenn ein von ihm behandelter Pädophiler schwerste Verbrechen an Kindern plant? An diesen Fragen haben sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion bei der Tagung „Prävention sexuellen Missbrauchs“ festgebissen. Fazit: Es bedarf konkreterer Hinweise als der Offenbarung von Gewaltfantasien.

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Die Tagung in der Asklepios-Klinik führte erstmals in Göttingen Experten zusammen, die über Missbrauchs-Prävention und die Wirksamkeit von Therapien forschen.

Quelle: Hinzmann (Symbolfoto)

Göttingen. Die Tagung in der Asklepios-Klinik führte erstmals in Göttingen Experten zusammen, die über Missbrauchs-Prävention und die Wirksamkeit von Therapien forschen. Behandlungskonzepte in Deutschland und der Schweiz wurden verglichen, Projekte aus Hamburg, Berlin, München und Göttingen vorgestellt. Alle Therapeuten eint das Dilemma: Sie erfahren in der Therapie mehr, als das Strafgesetzbuch zulässt. Meist sind es Fantasien, und die, da herrschte Einigkeit, müssten ertragen werden, seien sie auch noch so abwegig und verabscheuungswürdig.

Kein Verbrechen, erinnerte Gastgeber Prof. Jürgen Müller an ein Goethe-Zitat, das nicht in der Fantasie vielfach begangen wurde. „Wir halten uns an die ärztliche Schweigepflicht“, sagte Müller, „Wir melden nichts der Justiz, weil wir andernfalls unser Programm gefährden.“

Dieses Programm bietet seit 2001 Pädophilen Hilfe, noch ehe sie Missbrauch begehen. Denn ein Pädophiler, der von sich aus Hilfe sucht, brauche Vertrauen in den Therapeuten. Mit erfolgreicher Therapie ließen sich mehr Verbrechen verhindern als mit dem Hinweis auf eine einzelne möglicherweise bevorstehende Tat, argumentierte Müller.

Allerdings: In laufenden Verfahren, so Prof. Peer Briken aus Hamburg, könne sich kein Therapeut vor Aussagen bei Gericht schützen, wenn der Patient selber ihn von der Schweigepflicht entbindet. Mehr noch: Wenn die drohende Tat dem Therapeuten „exemplarisch vor Augen stehe“, sie sogar personalisiert, also das Opfer konkret benannt wird, könne „aus der Befugnis, das zu melden, sogar eine Pflicht werden“. Das sagte der Göttinger Strafrechtsprofessor Gunnar Duttge. Er erinnerte an den in Suizidabsicht herbeigeführten German-Wings-Absturz: Hätten die Psychiater des Piloten das Leben der Passagiere retten können, wenn sie Hinweise auf geplanten Suizid durch Absturz hatten und gemeldet hätten?

Und wie sieht es mit Aufzeichnungen über die Fantasien der Patienten aus? In einigen Kliniken werden sie getrennt von den Patientenakten erfasst, um sie dem Zugriff der Justiz zu entziehen, damit das Arztgeheimnis gewahrt bleibt. Im Landeskrankenhaus Moringen, so Direktor Dirk Hesse, verzichteten Einzeltherapeuten auch bewusst auf alle Aufzeichnungen. Zur Therapie gehöre, sich zu offenbaren, was teils Jahre in Anspruch nehme. Würden Offenbarungen bei einem einzelnen Patienten weitergetragen, würden alle das Vertrauen verlieren und die Therapie wäre insgesamt gefährdet.

Anders, wenn ambulante Therapeuten in der Behandlung von fortgesetztem Missbrauch erfahren. Dann dürfe oder müsse gar gemeldet werden.

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