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Warten auf Elvira

Wochenendkolumne von Christoph Oppermann Warten auf Elvira

Menschliche Nähe im Alltag hat etwas zutiefst Anrührendes. Auch wenn der Distanzmangel überhaupt nicht geplant und gewollt ist. Nahverkehrszüge eigenen sich vor allem zu Pendlerzeiten hervorragend, sich auf dem Laufenden zu halten.

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Christoph Oppermann

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Von Menschen, völlig zu Recht häufig nur vom Sehen aus dem Wohnquartier oder der Heimatgemeinde bekannt, erfährt man ungewollt die Essentials des aktuellen Tages. Dass Elvira am Vortag „um zwanzich nach neun noch nicht auffe Arbeit gewesen is“ und Doreen (Dohreehn) „die ganze Nacht gekotzt“ hat. Schön, wenn man sich so öffnen kann.

Nehmen wir zu ihren Gunsten einmal an, dass die mit solchem Vornamen und solcher Verwandtschaft Geschlagene noch erhebliche Zeit minderjährig ist, es sich bei der Nahrungsabwehrreaktion um einen für Kleinkinder nicht ganz unüblichen Vorgang handelt und sie sich den Speisezettel nicht noch einmal durch den Kopf hat gehen lassen, weil sie zuvor die Schädeldecke mit billigem Glühwein geflutet hatte. Wie der großartige Humorfacharbeiter Dietmar Wischmeyer gelegentlich ausführt: Nichts trinken, was man nicht auch bedenkenlos in den Tank seines Autos schütten würde. Gegen das Lamentieren über Elviras diffiziles Verhältnis zu Uhren und Zeiten und die detailversessene Schilderung, wie das Blag nach und mit dem Essen den Rückwärtsgang eingelegt hat, gibt es allerdings Abhilfe: Kopfhörer. Und mobile Endgeräte. Kopfhörer funktionieren in diesem Fall auch ohne angeschlossene Endgeräte. Sieht aber bekloppt aus.

Hilfreich ist das allerdings nur in der realen Welt. Im digitalen Orbit funktioniert diese Abschottungsstrategie nicht. „Besorgte Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Bürger“ kübeln ihre mal weniger, mal noch viel weniger durchdachten Ansichten immer häufiger in unsere Kanäle, unterstellen uns ein problematisches Verhältnis zu Wirklichkeit und Wahrheit, geben uns „Nachhilfe“ in Pressefreiheit, und wir müssen erkennen: Dagegen helfen weder Kopfhörer noch Argumente. Aber ein aufrechter Gang, technische Finesse und die Freude im Kollegium an kreativen Antworten.

Wenn man solchen „Besorgte-Bürger“-Kram lesen muss, freut man sich wirklich auf die nächste Zugfahrt samt Elvira-Doreen-Gossip.

Den Autoren erreichen c.oppermann@goettinger-tageblatt.de, Twitter: @tooppermann

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