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Was die Modedroge Flex aus Menschen macht

Im Affenkostüm durch die Stadt Was die Modedroge Flex aus Menschen macht

Zwei Schüsse hallen am Morgen des 15. März 2013 durch das Polizeipräsidium. Ein ausgeflippter Drogenabhängiger hat in den Räumen der Wache einem Polizisten die Dienstwaffe entrissen, hat abgedrückt und zwei Polizisten jeweils ins Bein getroffen. Das war der Moment, als die Droge Methylendioxypyrovalerol schlagartig in Göttingen als Problem bewusst wurde.

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Einer von vielen Fällen: Der Mann, der in der Innenstadt einen Laster stürmte, gilt als Flex-Konsument.

Quelle: Heller

Göttingen. Methylendioxypyrovalerol, kurz MDPV, hat viele Namen. In Göttingen sagen jene, die das Zeug missbrauchen,  „Flex“ dazu.

In den USA wurde das weiße Pulver, das meist geschnupft, gelegentlich auch geraucht oder gespritzt wird, als „Badesalz“ bekannt. Ursprünglich wurde es als Ritalin-Nachfolger entwickelt, entpuppte sich aber um ein Vielfaches potenter und dadurch gefährlicher. Besonders eine Überdosierung kann unvorhersehbare Folgen haben. Das kann von harmlosen Starrezuständen der Patienten bis zu extrem gefährlichen Ausrastern reichen.

Die Göttinger Polizei und Staatsanwaltschaft haben vor allem ehemals Heroinabhängige als Nutzer der relativ neuen Droge ausgemacht. Als Hochburgen gelten Wohnkomplexe wie die Wohnanlage Groner Landstraße. Oft wird die Droge, die lange legal als „Experimentiermaterial für Erwachsene“ über das Internet zu bestellen war (Preis pro Einheit: drei und 13 Euro), auch als getarnter Konsum genutzt, wenn man gerade in der Drogentherapie ist.

Denn der Missbrauch lässt sich bisher kaum nachweisen. Teststreifen etwa, wie bei Crystal-Meth, das, laut Polizei, in Göttingen gar kein Problem darstellt, gibt es für MDPV nicht.

Genaue Anzahl der MDPV-Fälle freilich lässt sich nicht ermitteln

Dabei wird das Zeug besonders beim regelmäßigen Konsum unberechenbar. MDPV führt zu Wachheit und Euphorie, mindert Hunger und Durst, verbessert die Konzentration. Es verleitet aber auch leicht dazu, nachzudosieren – bis zum Ausflippen. Weil man mit dem Stoff mehrere Tage ohne Schlaf auskommt, kann das zu Drogenpsychosen führen. Weil auch das Kälteempfinden nachlässt, drohen Konsumenten im Winter Erfrierungen.

Drogenfahnder können viele Fälle aufzählen, bei denen jeweils eine Überdosis des schlecht zu dosierenden Stoffs zu Ausnahmezuständen führte. Das reicht vom stundenlang nackt in die Gegend stierenden Patienten bis zu solchen, die im Affenkostüm durch die Fußgängerzone rennen oder zu Hause mit dem Fleischklopfer ihre Wohnung zerschlagen.

Eine genaue Anzahl der MDPV-Fälle freilich lässt sich nicht ermitteln. Das gibt die Kriminalstatistik nicht her – im Gegensatz zu Crystal Meth.

Die Fahnder hätten den Eindruck, so teilt die Göttinger Polizei auf Anfrage mit, dass der Konsum des Stoffs „auf hohem Niveau stagniert“. Das erzeuge die drogentypische Begleitkriminalität, zum Beispiel Fahrrad- oder Ladendiebstahl. Von Einsätzen, um Ausgeflippte einzufangen, einmal ganz abgesehen.

Apathisch, hysterisch oder einfach nur orientierungslos

Das Drogen-Fachkommissariat der Polizeiinspektion hat dem Tageblatt ein paar Fälle aus dem Jahr 2014 geschildert, bei denen die Horror-Droge MDPV im Spiel war:

10. Januar : Der Bewohner eines bekannten Wohnkomplexes ruft den Rettungsdienst, der alarmiert die Polizei. Ein Mitbewohner sitzt seit Stunden, von Krämpfen geschüttelt und unansprechbar in seiner Wohnung. Gemeinsam hatte man MDPV geraucht. Es besteht akute Lebensgefahr. Der Patient wird auf die Intensivstation gebracht.

15. Mai : Gegen Mitternacht muss die Polizei einen 32-Jährigen überwältigen, der mit dem Fleischklopfer nicht vorhandene Einbrecher in seiner Wohnung bekämpft und dabei um sich schlägt. Er hatte Heroin in Kombination mit Flex konsumiert.

30. Mai : Am Maschmühlenweg randaliert ein junger Mann. Eltern haben den Notruf abgesetzt. Unter Wahn- und Angstzuständen zerstört er das Inventar der Wohnung. Rastlos berichtet er, Flex geraucht zu haben und nun durchzudrehen.

Im Jun i: Die Rettungswagen-Besatzung hat die Polizei gerufen, weil ein Patient seit Stunden nackt vor seinem Computer sitzt und unansprechbar ist. Er muss mit Gewalt in die Klinik. Auch er hatte die Droge genommen.

31. Oktober : Ein Mensch, barfuß und im Affenkostüm, verfolgt und bedroht morgens in der Fußgängerzone Passanten. Die Polizei bringt ihn schließlich in die Klinik. Es ist ein 32 Jahre alter Hotelgast, der sich in Göttingen MDPV verschafft hat und nach dem Konsum bis zum nächsten Morgen die Kontrolle verliert.

8. November : Gegen 23.15 Uhr versucht eine Frau, aus dem elften Stockwerk des Wohnkomplexes Groner Landstraße zu springen. Rettungskräfte treffen eine hysterisch weinende und kreischende Frau an, die sich einbildet, die „Liebe meines Lebens“ sei gestorben. Immer wieder kreischt sie, „Er ist tot!“. Unkontrolliert schlägt und tritt sie gegen den Beton. Sie muss fixiert in eine Klinik gebracht werden.

28. November : Im vorerst jüngsten Fall muss ein pöbelnder Mann auf dem Weihnachtsmarkt vom Dach eines Lastwagens geholt werden. Er droht Helfern Prügel mit einem Stock an und damit, sich vom Dach zu stürzen. Der 44-Jährige aus dem Kreis Northeim stand offenbar unter Drogen. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Besitzes der Droge MDPV.

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