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Weihnachtsdekoration: Klassiker und knalliger Kitsch

Die Rückkehr des Lametta Weihnachtsdekoration: Klassiker und knalliger Kitsch

Kitschig oder klassisch? Das ist die Kernfrage bei der Weihnachtsdekoration in diesem Jahr. Einerseits erlebt das nahezu ausgestorbene Lametta eine Renaissance, andererseits werden herrlich bunte, schrille Glitzerkugeln an den Baum gehängt. Und warum machen wir das alles? Weil es die anderen auch machen.

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Quelle: Heller

Göttingen. Staniol: Ein Wort, das heute selten benutzt wird. Staniolpapier, das ist ganz flach gewälztes Zinn. Es erinnert schwer an Alufolie, wiegt aber viel mehr. Damit es schön stabil am Baum hängt, wird traditionelles Lametta aus Staniolpapier hergestellt. „Nach dem Abschmücken kann es dann sogar fürs nächste Jahr wieder glatt gebügelt werden“, erklärt Constanze Kahl vom Geschäft Deko Graf. Das klingt nach retro. Ist es auch und wie so viele ehemals als angestaubt aussortierte Dinge liegt Lametta plötzlich wieder im Trend. „Lametta ist wieder im Kommen, aber nur das echte aus Metall“, so Kahl weiter.

„Lange Zeit war echtes Lametta aus Staniol kaum zu bekommen“, erklärt die Geschäftsfrau. Jetzt ist es wieder da und mehr und mehr gefragt. Im Hause Deko-Graf geht es in der Vorweihnachtszeit generell eher traditionell zu. Fröbel- oder Aureliosterne zum Selberbasteln, auch das sind Klassiker, die laut Kahl nicht aus der Mode kommen. Gleiches gilt für die, besonders bei Sammlern beliebten, hölzernen Engel aus dem Erzgebirge. Seit 1915 werden sie nach dem gleichen Muster hergestellt, jedes Jahr kommen ein paar neue Modelle hinzu. In diesem Jahr ist es unter anderem ein Engelchen mit einem golden Paket im Arm.

Ohne Gold geht Weihnachten nicht – auch bei Butlers glitzert und blinkt es golden in den Regalen. Aber dort ist nicht nur gold was glänzt. „Kupfertöne sind in diesem Jahr ganz neu und sehr angesagt“, sagt Annette Wefzow. Kugeln, Schälchen, Kerzenständer, es gibt kaum etwas, was es nicht in der neuen weihnachtlichen Trendfarbe gibt. Ebenfalls neu: Schwarz. Bei Butlers steht gleich ein schwarzer Baum mit passenden Kugeln parat.

Ansonsten gilt dort: Am Baum hängt, was gefällt. Und das sind auch Weihnachtsbaumanhänger in reichlich verrückten Formen und Farben. Rosafarbene Glitzer-Pudel, metallicblaue Haie mit Hanteln in der Flosse, Cheerleader-Krokodile, Roboter, Aladin aus der Wunderlampe: Mit einer gehörigen Portion Bling-Bling verwandeln sie jede südniedersächsische Fichte in einen glamourösen Weihnachtstraum.

Kerzenständer, Kugeln oder Schleifen: Auch an der Farbe quietschgrün kommt in diesem Jahr kaum jemand vorbei. „Dieses Grün war aber schon im vergangenen Jahr verbreitet“, sagt Wefzow. Auch schon seit einigen Jahren verbreitet aber immer noch das: Hirsche in allen Varianten. Für die Wand, für den Baum, oder auf dem Teller.

Weihnachtsdeko in Göttingen. © Heller

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Tanne beliebter als Fiche

Er ist der Klassiker der Weihnachtsdekoration: Der Weihnachtsbaum. Und wie bereits in den Vorjahren ist die Nordmanntanne nach Auskunft der niedersächsischen Landwirtschaftskammer „der Favorit fürs Wohnzimmer“.  Und zu Fest gibt es eine gute Nachricht: „Die Preise haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert“, sagt Pressesprecher Walter Hollweg.

Nordmanntannen  werden dieses Jahr mit 20 bis 25 Euro pro laufenden Meter angeboten. Für Blaufichten müssen die Verbraucher zum Teil etwas mehr als im Vorjahr anlegen – zwischen zehn und 15 Euro pro Meter. Die sonstigen Fichten haben sich im Vergleich zum Vorjahr preislich nicht verändert, die Preise liegen zwischen fünf bis sieben Euro.

Ob mit Lametta oder Lichterketten: Beim Weihnachtsbaumschmuck scheiden sich die Geister. Sich möglichst lange an dem liebevoll geschmückten Baum zu erfreuen, darin sind sich viele einig. Tipps von den den Landesfortsen, damit das gelingt: 

• Den frischesten Weihnachtsbaum schlägt man selbst bei einer Aktion

• Beim bereits geschlagenen Baum erkennt man den Frischegrad an der Schnittstelle: Ist diese hell, wurde der Baum erst kurz zuvor gefällt

• Den Baum in Netz und  Folie transportieren, dann ist er vor Austrocknung geschützt

• Den angeschnitten Baum im Netz in einem Eimer mit Wasser aufbewahren. Erst kurz vor dem Schmücken positioniert man den Baum im Netz an seinem Platz – möglichst nicht vor der Heizung oder dem Kamin.

 
Ein Wettbewerb des dekorierens

Warum dekorieren Menschen in der Weihnachtszeit so gerne ihre Umgebung?

Prof. Regina Bendix, Direkttorin des Instituts für Kulturanthroplogie und Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen

Prof. Regina Bendix, Direkttorin des Instituts für Kulturanthroplogie und Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen

Quelle:

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein wesentlicher ist aber der gesellschaftliche Druck.

Druck? Wer übt denn Druck aus?
Schauen sie sich zur Zeit doch mal im öffentlichen und im privaten Raum um. Die Städte glitzern und glänzen um Besucher anzulocken und die Freundin hat bereits die neuesten und angesagtesten Glaskugeln daheim. Das kann Begehrlichkeiten wecken und regt zumindest dazu an, sich selbst ans Dekorieren zu  machen. 

 Der Druck ist also auch kommerzieller Natur?
Aber ja. Es herrscht ein Wettbewerb des Dekorierens – auch unter den Städten. Von November – manchmal schon von September – an werden wir mit weihnachtlichen Angeboten bombardiert.  Die Zahl der Weihnachtsmärkte steigt, es gibt Konkurrenz um die Kunden.

Diesem Druck kann man sich also nicht entziehen?
Natürlich gibt es auch Menschen, die das wenig berührt und die ihren Weihnachtsbaum nur mit Kerzen und frischen Äpfeln dekorieren. In der dunklen Jahreszeit sehnen sich die Menschen nach Licht. Zu Weihnachten gehören aber neben der Dekoration für das Auge auch Gerüche und Musik. Die gesamte, sinnliche Erfahrung  unterstützt die „Be-Sinnung“.

Weihnachtliche Dekoration ist doch aber älter als die moderne Konsumgesellschaft?
Weihnachten ist ein altes Jahresritual, natürlich reichen die Arten, dies auszuschmücken, weit zurück. Heute kann man die Formen des Dekorierens zwischen zwei Extremen ansiedeln. Auf der einen Seite steht die traditionelle, religiöse Dekoration, wie zum Beispiel Krippen. Die werden bisweilen auch in nicht-religiösen Familien aufgestellt. Auf der anderen Seite stehen die Farben und Formen, die eher Lifestyle ausdrücken und keine religiösen Ansprüche erheben. Dazwischen existieren natürlich alle möglichen Varianten.

 Gerät die Tradition über zu viel Bling-Bling in Vergessenheit?
Handarbeiten feiern gegenwärtig quer durch die Gesellschaft ein großes Comeback. Für viele Familien mit Kindern ist das Basteln von Weihnachtsschmuck und das gemeinsame Backen auch ein wesentlicher Teil von Advent. Es werden Adventskalender aufgehängt und Weihnachtskrippen liebevoll aufgestellt. Jeder Haushalt ist eigentlich ein kleiner Kosmos, wo Hergebrachtes und Neues sich unterschiedlich verweben.

 Ist Weihnachten nicht eigentlich das Fest der Besinnung und nicht des Konkurrierens?
Wettbewerb ist kennzeichnend für die Gegenwart, in allen Lebensbereichen, also auch im Feiern. Im Advent werden wir mit Lichterglanz, Mandelduft und Weihnachtsmusik umgeben und angeregt, zu konsumieren und Geschenke zu kaufen. Die Dekoration trägt dazu bei, dass wir das mit größerer Leichtigkeit tun.

Eigentlich brauchen wir das alles nicht, aber das Verlangen nach Tradition und das kommerzielle Angebot reichen sich hier die Hand. Die Dekoration hat mit der christlichen Botschaft aber meist wenig zu tun.

Die Dekoration ist oft nur lose an die Heilsgeschichte gebunden. Viele Menschen weltweit feiern nicht das christliche Weihnachtsfest als solches, nehmen den dekorativen Aspekt aber gerne mit. Weltweit agierenden Firmen wie Coca-Cola oder Disney bringen für diese Jahreszeit neue Produkte auf den Markt. Auch das trägt dazu bei, das Weihnachten global übermächtig ist.

Ohne Dekoration wäre Weihnachten also ein ganz schlichtes religiöses Gedenkfest?
Das ist vermutlich so. Es gibt kein anderes Fest religiösen Ursprungs, das weltweit kommerziell so erfolgreich ist.

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