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Wenn Frau, Kind und Nachbar für Vater vor Gericht lügen

Im Auto auf Menschen zugerast Wenn Frau, Kind und Nachbar für Vater vor Gericht lügen

Kinder vor Gericht sind ein Problem. Kinder als Entlastungszeugen der eigenen Eltern hört kein Richter gern, schon gar nicht, wenn sie für die Eltern lügen. Als klar war, dass der 14-Jährige in der Berufungsverhandlung gegen den eigenen Vater vor dem Landgericht die Unwahrheit sagt, brach Richter Tobias Jakubetz ab.

Der Vater wurde wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verurteilt: drei Monate Gefängnis und Führerscheinentzug, weil er mit durchdrehenden Reifen auf einen Menschen zugerast war.

Dabei war es um engagierten Einsatz des Vaters für den jüngsten der Söhne gegangen. Dieser war völlig überzogen und brachte andere in Lebensgefahr.
Passiert war dies: Am 1. Juni 2009 hatte ein angetrunkener 26-Jähriger den auf dem Kettkar fahrenden jüngsten Sohn der Familie zur Rede gestellt: Er solle nicht immer andere Kinder ärgern. Der Junge rannte heulend zum Nachbarn, rief zu Hause an und die Eltern auf den Plan. Der 26-Jährige war seinerseits zu den Eltern gegangen. Vor dem Haus traf man sich. Ein Wort gab das andere. Dann stieg der Vater ins Auto und fuhr mit kreischenden Reifen auf den Mann zu. Die Vollbremsung stoppte einen halben Meter vor dessen Beinen; neun Meter Bremsspur. „Wenn ich dich das nächste Mal erwische, fahre ich dich platt“, habe der Angeklagte gerufen.

Schon im Amtsgericht wies der frühverrentete Kraftfahrer diese Darstellung weit von sich. Seit einem Unfall im Oktober 2008 könne er überhaupt nicht mehr Auto fahren, behauptete er. Am fraglichen Tag habe seine Frau am Steuer gesessen. Das könnten Frau und Kinder bezeugen. Die Geschichte mit dem Draufzufahren habe sich der 26-Jährige ausgedacht. Außerdem habe er einen Zeugen, der bestätigen könne, dass der ihn später zu erpressen versucht habe. Er habe „drei Riesen“ gewollt, damit er die Wahrheit sage, andernfalls werde er bei der belastenden Aussage bleiben.

Verschwörungstheorien dieser Art sind bekannt von dem 42-Jährigen. Bis heute stellt er seinen Unfall, als er auf einem Parkplatz bei Northeim zwischen seinem und einen anderen Lastwagen beinahe zerquetscht wurde, als Anschlag der Mafia dar. Dabei hatte ein Sachverständiger geklärt, er habe vergessen, die Bremse anzuziehen.

Bei der Polizei ist er von unzähligen Anzeigen bekannt. Vor allem Beamte hat er immer wieder angezeigt. Einer beschreibt seine Ausfälle als „legendär“. In einem Fall soll er auf der Polizeiwache getobt haben, bis der Tisch umfiel. „Ich war ganz ruhig“, behauptet er selbst.

Im Berufungsverfahren gibt der angebliche Zeuge der Erpressung dann nichts her. Die Ehefrau, gegen die bereits wegen Falschaussage ermittelt wird, will trotzdem aussagen und behauptet, sie sei gefahren. Der älteste Sohn ist schlau genug, die Aussage zu verweigern. Nur der 14-Jährige sagt wie auswendig gelernt: Mutter sei gefahren, Vater habe daneben gesessen. Was der 26-Jährige gesagt habe, kann er wortgetreu wiedergeben. Nur von dem, was die Eltern erwiderten, will er kein Wort mehr wissen.

Am Ende kommt es indirekt doch auf die Aussage des Kindes an: Der 14-Jährige will gesehen haben, wie die Bremsspuren, die dem Vater zugeschrieben werden, einen Tag vorher der Nachbar mit seinem Fiesta gemacht habe. Der bestätigt das sogar. Das hätte den Vater gerettet – führe der nicht ein Auto mit anderer Spurbreite. Ein Kfz-Sachverständiger klärte, dass ein Fiesta nie und nimmer eine solche Bremsspur mache, das Auto des Angeklagten aber schon.
Es folgte die Verurteilung – ohne Bewährung, denn der Adelebser ist Bewährungsversager. Der Führerschein bleibt zum Schutz der Allgemeinheit entzogen. Und gegen Frau, Sohn und Nachbarn laufen jetzt Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage. Natürlich wurde Revision eingelegt.

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