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Wenn Menschen ohne eigenes Konto leben

Förderverein verwaltet Geld Wenn Menschen ohne eigenes Konto leben

Für knapp 100 Menschen in Göttingen, die kein eigenes Konto haben, verwaltet der Förderverein der Straßensozialarbeit das Geld. Die Betroffenen kommen in die Einrichtung im Rosdorfer Weg, um Geld abzuheben oder einzuzahlen – bis hin zu Kleinstbeträgen.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Der nächste Klient kommt in das kleine Büro. Der bärtige Mann trägt militärische Tarnkleidung und einen großen Kopfhörer um den Hals. 35 Euro hat er noch auf dem Konto, 40 Euro für die Stromrechnung muss er aktuell bezahlen. Fünf Euro muss er also noch dazulegen, erklären ihm Rico Lissowski und Uwe Friebe vom Förderverein der Straßensozialarbeit.

Der Mann holt Kleingeld aus der Tasche und zählt die fünf Euro in 20-Cent-Stücken ab. Er ist einer von knapp 100 Klienten, deren Geldverkehr über ein Treuhandkonto des Fördervereins läuft. Dort gehen die staatlichen Leistungen wie Hartz IV, Kindergeld oder Rente ein, die die Betroffenen beziehen.

Die Geldauszahlung ist oft zugleich soziale Betreuung. Ein Mann in T-Shirt und Jeans holt sich 30 Euro ab. Nebenbei fragt er Friebe, ob er sich für ein rechtliches Problem einen Anwalt nehmen sollte. Friebe rät ihm dazu und sagt Hilfe bei der Vermittlung eines Anwalts zu. Auf dem Konto des Mannes sieht es – für die Verhältnisse der Menschen, die hier Geld holen – ganz gut aus. Am Monatsanfang sind noch 139 Euro auf dem Konto, und 233 Euro Rente stehen noch aus.
Das ist nicht bei allen Klienten so. Ein Mann, der während der Geldauszahlung mit seinen schmutzigen Händen auf einem Smartphone herumtippt, holt ebenfalls 30 Euro ab – das letzte Geld, das noch auf seinem Konto war. Er steht am Monatsanfang bei null Euro. Laut Friebe ist das für den Mann kein Problem. Er gehe dann betteln.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Geldauszahlung versuchen, den entsprechenden Klienten nahezulegen, nicht das ganze Geld auf einmal abzuheben. Aber sie verwehren den Menschen kein Geld, solange welches da ist. Bisweilen sei es schon ein Erfolg, wenn das Geld erst nach wenigen Tagen im Monat weg sei, so Friebe.

Die Leute kämen von sich aus zum Förderverein und erklärten, dass sie kein Konto mehr hätten, weil etwas schief gelaufen sei. Dann bekämen sie die Möglichkeit, ihren Geldverkehr über das Treuhandkonto des Vereins abzuwickeln. Es sind Menschen, die in ihrem Leben hart auf dem Boden gelandet sind. Einige sind obdachlos, die anderen wohnen fast durchweg in den Unterkünften, die immer mal wieder in den Medien auftauchen, wenn es um unhaltbare Zustände in Göttinger Mietskasernen geht. So manche, die hier Geld abholen, haben sichtbare Zahnlücken, und die Zähne, die noch da sind, sehen nicht aus wie in der Werbung.

Eine Frau kommt herein, verzweifelt, aufgelöst, überfordert mit den Überweisungen, die sie machen muss. An ihren Armen sind zahlreiche Narben von Schnittwunden zu sehen. Ruhig geht Friebe mit ihr Schritt für Schritt durch, was zu tun ist.

Für Banken, so Friebe, seien diese Klienten völlig uninteressant: Sie legen kein Geld an, sind beratungsintensiv, hantieren mit Kleinstbeträgen. Beim Förderverein haben sie trotzdem ein Konto.

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