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„Wenn ich zurück muss, bringen die mich um“

Flüchtlinge im Porträt „Wenn ich zurück muss, bringen die mich um“

Jeden Tag kommen Tausende Menschen nach Deutschland, in überfüllten Zügen, maroden Kähnen - und erreichen auch die Region. Einige stellen wir in loser Reihenfolge vor. Heute: Ali aus Belutschistan in Pakistan.

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Göttingen. Wenn man sich mit Ali unterhält, merkt man vor allem eins: Er hat Angst. Angst, zurückgeschickt zu werden nach Pakistan, Angst, dass ein falsches Wort seine Familie in der Heimat in Gefahr bringt. Ali ist Flüchtling aus Belutschistan, einer Region Pakistans.

Im Jahr 1947 erklärten Pakistan und das damals noch eigenständige Belutschistan ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. „Wir hatten eine eigene Regierung, bis die pakistanische Armee einmarschiert ist“, erklärt Ali. Seinen vollständigen Namen will er nicht nennen. „Der pakistanische Geheimdienst kann das zurückverfolgen und meiner Familie Probleme bereiten,“ erklärt er.

Schon in Studienzeiten war Ali in der Partei Baloch National Movement (BNM) aktiv. „Wir kämpfen für Freiheit und Unabhängigkeit“, sagt Ali. „Wir organisieren friedliche Demonstrationen.“ Ali beschreibt eine willkürliche Herrschaft des pakistanischen Militärs. „Die Regierung weiß, wer Aktivist ist und wer den Mund hält“, sagt der 43-Jährige. „Wenn du deine Stimme erhebst, kommt das Militär und nimmt dich mit. Die bringen uns alle um.“ Er erzählt von willkürlichen Erschießungen, Festnahmen und Massengräbern. „20000 Menschen sind bisher entführt worden, 2000 wurden umgebracht.“ Er hat Bilder bei sich von befreundeten Aktivisten, die unter den Opfern sind.

Ali arbeitete ein paar Jahre lang in Dubai. Als der dortige Geheimdienst mitbekam, dass er zu Treffen von Regimekritikern ging, drohte dieser ihm mit der Ausweisung. „Ich konnte nicht nach Pakistan zurück, aber in Dubai war ich auch nicht sicher“, erklärt Ali. Zusammen mit seinem 17-jährigen Sohn beantragte er an der deutschen Botschaft ein Visum für Deutschland.

Heute leben Ali und sein Sohn in einem Doppelzimmer in der Flüchtlingsunterkunft am Nonnenstieg in Göttingen. Er besucht einen Deutschkurs, hat sich beim Göttinger „Boat People Project“ engagiert und bei der Kunst-Gala seine Geschichte erzählt. In ein paar Tagen hat er einen Termin beim Asylamt. Er hat eine Mappe voll mit Unterlagen dabei, die beweisen sollen, dass er nicht zurück kann. 19 Seiten Ausdrucke von Drohungen in sozialen Medien, Fotos. „Wenn ich zurück nach Pakistan geschickt werde, bringen die mich um.“

VON FLORA HALLMANN

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