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Wie Seniorenheime dem Notstand entgegentreten

„Pflege kann nicht jeder“ Wie Seniorenheime dem Notstand entgegentreten

Die Menschen werden älter, gleichzeitig werden weniger Kinder geboren. Dem wachsenden Anteil an pflegebedürftigen Menschen stehen immer weniger junge Fachkräfte gegenüber – ein Mangel droht. Wie gehen Göttinger mit dieser Herausforderung um?

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Zeit zum Vorlesen könnte auch im Göttinger Seniorenzentrum Luisenhof bald knapp werden.

Quelle: Hinzmann

Göttingen/Duderstadt. In den nächsten 15 Jahren droht ein massiver Pflegenotstand in Seniorenheimen. Schon jetzt, so Michael Eisenberg, Chef des Luisenhofs in Göttingen, sind nicht alle Fachkräfte-Stellen  in seinem Seniorenzentrum besetzt. „Wir könnten 30 Bewohner mehr aufnehmen, wenn wir alle Stellen besetzt hätten.“ Die medizinische Versorgung wird immer besser, die Menschen leben länger, brauchen längere und intensivere Pflege. „In zehn, 15 Jahren wird es richtig hart, wenn die Politik nicht reagiert“, sagt er.

Elf Einrichtungen aus dem Landkreis Göttingen wollen dem entgegentreten. Mitarbeiter der Häuser nehmen derzeit  an einem Projekt der Göttinger Volkshochschule teil. Unter Leitung von Inge Mörz erarbeiten Führungskräfte aus Pflegeeinrichtungen weitere Strategien, um zukunftsfähig zu bleiben und dem Personalmangel zu begegnen.

Neben dem Göttinger Luisenhof ist auch das Duderstädter Pflegeheim der Hollenbach-Stiftung dabei. „Uns fehlen vor allem Pflegehelfer“, sagt Leiterin Bettina Wüstefeld. „Bei den examinierten Kräften haben wir alle Stellen besetzt. Im Luisenhof ist es genau umgekehrt. „In Göttingen sind 15 stationäre Pflegeeinrichtungen am Markt“, sagt Eisenberg. Zudem, da sind sich Eisenberg, Mörz und Wüstefeld einig, greifen auch der Medizinische Dienst, Medizinproduktefirmen und ambulante Dienste immer mehr ausgebildete Kräfte ab.

Betriebsklima und Mitarbeiter-Zufriedenheit entscheidend

Welche Strategien haben die beiden Häuser also, um gutes Personal zu halten und neue Mitarbeiter zu gewinnen? „Wir haben viele Mitarbeiterinnen in der Familienphase“, sagen Eisenberg und seine Pflegedienstleitung Gudrun Wernecke. Beispielsweise Frauen, die ihre Kinder alleine erziehen, könnten nicht uneingeschränkt im Drei-Schicht-System eingesetzt werden. Das Team Luisenhof hat darauf bereits reagiert und neben dem Seniorenheim eine neue Kindertagesstätte gebaut. „Wir haben dort ein festes Kontingent an Plätzen, geöffnet ist von 6 bis 18 Uhr“.

In Duderstadt setzen Wüstefeld und Pflegedienstleiter Frank Riechel auf einen möglichst passenden Dienstplan für junge Mütter. Geteilte Dienste, also morgens arbeiten, mittags nach Hause und abends wieder arbeiten, das habe man abgeschafft. „Außerdem muss der Dienstplan zuverlässig sein“, sagt Wüstefeld.

Überhaupt: Das Thema Betriebsklima und Mitarbeiter-Zufriedenheit sei entscheidend, so Mörz. „Das Verhalten der Führungskräfte sorgt für das Arbeitsklima“, sagt sie. „Die Ideen und Wünsche der Kollegen müssen auf- und ernst genommen werden – auch in der Praxis“, sagt Wernecke. Im Luisenhof werden deshalb jährliche Mitarbeiterbefragungen initiiert. Für ältere Mitarbeiter versucht Wernecke, verträgliche Dienstzeiten zu organisieren, ab 60 Jahren fallen keine Nachtschichten mehr an.

Anreize dringend nötig

In Duderstadt sorgt die Leitung dafür, dass ihre Gruppenleiter aus der allgemeinen Pflege herausgenommen werden, und so beispielsweise Zeit haben, sich um die Auszubildenden zu kümmern. „Das ist viel entspannteres Arbeiten und sorgt für ein gutes Klima“, sagt Riechel. Und weiter: „Entspanntes Arbeiten ist das A und O.“

Die physischen Belastungen seien heute nicht das größte Problem – dank moderner Betten und Hilfsmittel. Größer sind die psychischen Belastungen. „Rund 60 Prozent unserer Bewohner sind dement, der Umgang mit ihnen ist nicht immer leicht“, sagt Eisenberg. Deshalb werde jedem Mitarbeiter professionelle Hilfe und externes Coaching angeboten.

Anreize, um neues Personal zu gewinnen, sind dringend nötig. „Die Mitarbeiter bewerben sich heute nicht mehr bei uns, wir bewerben uns bei den Mitarbeitern“, sagt Eisenberg. Neben einem unbefristeten, festen Haustarifvertrag bekommen Pflegekräfte sechs Wochen Urlaub. Nur über einen Gehaltszuschlag sei keine langfristige Zufriedenheit zu erreichen.  „Wir geben unseren Führungskräften stattdessen ein I-Phone sechs und vielen Mitarbeitern, die von außerhalb kommen, Tankkarten.“

Motivation ein weiteres Problem

Motivation der langjährigen Mitarbeiter ist das eine, aber Menschen zu motivieren, überhaupt eine Ausbildung in der Altenpflege zu beginnen, ein weiteres Problem. Eine Ausbildung zum Altenpfleger steht bei jungen Leuten nicht gerade ganz oben auf der Wunschliste. Statt auf die Verpflichtung von Langzeitarbeitslosen oder die Anwerbung im Ausland setzt der Luisenhof auf Ausbildung aus dem Team heraus.

Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, eine dreieinhalbjährige Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Und:  „Wir bilden immer wieder Pflegehelfer, die bei uns gut arbeiten, zu examinierten Pflegern aus“, so Wernecke.  Zur Zeit hat sie sogar eine 52-jährige Pflegehelferin im Team, die jetzt zur Pflegefachkraft ausgebildet wird. Eisenberg: „Was die Pflege ausmacht, ist das menschliche Miteinander. Pflegen kann einfach nicht jeder.“

Ein Fachtag zum VHS-Projekt Altenpflege findet am 11. Februar von 14 bis 18  Uhr in den Räumen der VHS Göttingen in der Bahnhofsallee statt.

Titel des Fachtages ist „Gesund führen in der Altenpflege“ .

     
Das bekommt eine Pflegekraft   Arbeitsmarkt ist „angespannt“

Göttingen. Im Luisenhof bekommen Pflegefachkräfte  zwischen  2250 und 3500  Euro brutto im Monat. „Die Personalkosten werden mit den Pflegekassen verhandelt.

Ich plädiere dafür, dass wir Fachkräften aufgrund der verantwortungsvollen Aufgabe als Startgehalt 3000 Euro zahlen sollten, das wäre sicherlich ein Mittel, um dem Fachkraftmangel in der Pflege zu begegnen“, sagt Michael Eisenberg, Chef des Luisenhofs.

In seinem Haus verdienen Berufsanfänger direkt nach der Ausbildung zunächst 2150 Euro monatlich. 

Das, so Eisenberg weiter, sei aber  nur das Grundgehalt. Dazu kommen Zuschläge  für Wochenenddienste, Nachtdienste, oder Feiertage.

Im Luisenhof werden zudem Zulagen wie vermögenswirksame Leistungen, betriebliche Altersvorsorge und Tankkarten gezahlt.

Bei besonderen Aufgaben  wie einer Wohnbereichsleitung  oder nach einer besonderen Weiterbildung  – beispielsweise Wundexpertin – kann der Verdienst ebenfalls höher ausfallen.

 

Göttingen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt bezeichnet Christine Gudd, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Göttingen, als „angespannt“.

Im laufenden Jahr seien im Arbeitsamtsbezirk Göttingen auf eine offenen Stelle als examinierte Altenpflegekraft statistisch 0,6 arbeitslose Kräfte gekommen. Im Jahr zuvor waren es 0,5.

Gudd: „Die Situation ist also nach wie vor kritisch, die Nachfrage kann aus den Reihen der Arbeitslosen nicht ausgeglichen werden“. Entspannter sei der Markt im Bereich der Pflegehelfer. Allerdings geht Gudd davon aus, dass wegen der angespannten  Situation die eine oder andere Stelle für examinierte Kräfte gar nicht mehr bei der Arbeitsagentur gemeldet wird.

„Aufgrund der fehlenden Bewerber gehen alternative Suchstrategien davon aus, dass die sich auf dem Papier ergebene minimale ‚Entspannung‘ außerdem nicht eingetreten ist.“

Vielmehr ist die Situation den Arbeitgebern bekannt, so dass die eine oder andere Stelle für examinierte Kräfte nicht mehr bei der Arbeitsagentur gemeldet wird, und aufgrund der fehlenden Bewerber alternative Suchstrategien zum Einsatz kommen.

 
Klage in Karlsruhe gegen Pflegenotstand

Karlsruhe. Mit dem drohenden  Pflegenotstand  muss sich nun auch das Bundesverfassungsgericht beschäftigen: Sieben Betroffene gehen mit einer im November eingegangenen Klage in Karlsruhe gegen den Pflegenotstand vor – der Sozialverband VdK unterstützt sie dabei.

Die Kläger sehen die im Grundgesetz garantierte Unantastbarkeit der Menschenwürde verletzt. In Pflegeheimen komme es viel zu oft zu Verstößen gegen dieses Grundrecht, erklärte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. „Dem können und wollen wir nicht länger zusehen.“

Die sieben Beschwerdeführer gehen davon aus, dass sie selbst in absehbarer Zeit in ein Pflegeheim ziehen müssen und dann von den Missständen betroffen sein werden, ohne sich noch dagegen wehren zu können.

 
56 Vietnamesen lernen in Göttingen Pflege

Göttingen. Unbesetzte Stellen in der Altenpflege, drohender Pflegenotstand: Um zumindest einige der Stellen in Zukunft besetzen zu können, dafür werden Kräfte aus dem Ausland angeworben. In Göttingen haben jetzt 29 junge Vietnamesen eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen.

„Im Dezember startet der nächste Kurs mit weiteren 27 Teilnehmern“, sagt Birgitt Klinker von der Akademie für Pflege- und Sozialberufe (F+U) in Göttingen.

Die jungen Leute im Alter von 19 bis 27 Jahren wurden über eine Partnerorganisation in Hanoi angeworben. Den Flug und einen halbjährigen Sprachkurs, der in Erfurt stattfindet, müssen die Bewerber selbst finanzieren. Anschließend bekommen sie ein Ausbildungsgehalt.

„Wir kooperieren mit Seniorenwohnheimen in der weiteren Region, von Pattensen bis Wolfhagen“, so Klinker weiter. In Göttingen ist das Haus Carpe Diem bei der dualen Ausbildung der Vietnamesen mit im Boot. Ein Vierteljahr lang müssen die Schüler zunächst Theorie erlernen, dann geht es das nächste Vierteljahr in den Ausbildungsbetrieb. Das Schulgeld wird vom Land Niedersachsen übernommen.

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