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Wie aus dem Nichts trifft ihn die Faust

Gewalt bei Jugendlichen Wie aus dem Nichts trifft ihn die Faust

Christoph Rickels war zwanzig Jahre alt, als er vor einer Dorfkneipe niedergeschlagen wurde. Ein einziger Faustschlag veränderte sein gesamtes Leben. In dieser Woche erzählte er seine Geschichte an vier Schulen in der Region.

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Christoph Rickels zu Besuch in der Bovender IGS.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Es ist andächtig still in der Mensa der Bovender IGS. Schüler und Lehrer sehen gerade die letzten Sekunden aus dem alten Leben des Christoph Rickels. Als 20-Jähriger in Jeans und weißem Pullover kommt er aus der Tür einer Dorfdisko. Mit den Gedanken vermutlich bei dem Mädchen, dem er gerade einen Drink spendiert hat. Er hatte Abschied gefeiert, wollte am nächsten Tag zur Bundeswehr nach Süddeutschland. Plötzlich wie aus dem nichts trifft ihn eine Faust an der Schläfe. Er ist sofort bewusstlos, sein Kopf schlägt hart auf dem Boden auf. Der Freund des Mädchens hatte vor der Tür auf ihn gewartet.

Christoph liegt die nächsten vier Monate im Koma, die Ärzte machen seiner Mutter damals kaum noch Hoffnung, dass er wieder aufwachen wird. Vierfache Hirnblutung und Schädelbruch lautete die beinahe tödliche Diagnose. Doch der junge Mann kämpft sich zurück ins Leben. Als er aufwacht, ist er halbseitig gelähmt, hat eine Sprachbehinderung, kann weder gehen, noch seinen gewohnten Beschäftigungen nachgehen.

Bis der Schlag ihn traf, war der heute 30-Jährige sportlich, spielte Handball und Fußball, war Schulsprecher, ein Anführer. „Ein cooler Macker“, wie er es nennt. Einer dieser durchtrainierten Typen, die im Zweifel auch zuschlagen konnten. Er grinst dabei, einige Schüler grinsen mit. Dann fügt er entschuldigend hinzu, dass er das Lachen seit dem Koma nicht kontrollieren könne. Eigentlich würde er gerne weinen, aber auch das kann er nicht mehr. Wenn er traurig oder zornig ist, lacht sein Gesicht. Das Grinsen auf dem Gesicht der Schüler verschwindet.

Christophs Schicksal macht betroffen. Aber es ist sein Kampfgeist, der beeindruckt. Und er trifft den richtigen Ton. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Gewalt nicht mehr cool ist.“ Viel besser sei es, nicht zuzuschlagen, Zivilcourage zu zeigen, sich einzumischen, „Stopp“ zu sagen, wenn andere gewalttätig sind. „Das ist das neue cool.“

Christoph Rickels hat 2012 die Initiative „First Togetherness“ ins Leben gerufen. Seither besucht er Schulen, Jugendeinrichtungen und Gefängnisse, um mit seiner Botschaft der Gewaltfreiheit möglichst viele Jugendliche zu erreichen. Bereits mehrfach wurde er für dieses Engagement ausgezeichnet. Beispielsweise ernannte ihn die Bundesregierung zum Botschafter für Demokratie und Toleranz , er erhielt den Titel „Held des Alltags“. Yvonne Catterfeld habe ihm den Preis bei einer Gala 2015 überreicht. Anerkennende Blicke der Schülerinnen. Die gibt es auch, als er seinen Starschnitt als Doppelseite aus der Bravo präsentiert.

Die vergangenen zehn Jahre seien nicht leicht für ihn gewesen. Die Schlag vor der Disko war nicht die letzte Niederlage für Christoph. Das Strafverfahren gegen den Täter endete mit einer Bewährungsstrafe. Das Opfer streitet hingegen bis heute vor den Gerichten um eine Entschädigung. In anderen Verfahren kämpft Christoph um seinen Sohn oder gegen Krankenkassen. „Mein Leben ist Kampf“, sagt er. Aber ein Kampf, den er nicht mit Gewalt ausfechten werde.

Vor dem Schicksalsschlag machte Christoph viel Musik. Er spielte Gitarre, Schlagzeug, Keyboard, er sang und rappte. Eine Woche, bevor sich sein Leben so radikal veränderte, nahm den Song „Mut zum Leben“ auf. Der Text scheint Teile seines bevorstehenden Schicksals vorwegzunehmen. Am Ende applaudieren die Schüler dem Mann mit der bewegenden Botschaft. Einzelne trauen sich, ihn anzusprechen. Er lacht. Und diesmal scheint es auch so gemeint zu sein.

Von Markus Scharf

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