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Wie die NSDAP-Kreisleitung Göttingen versuchte, eine „Volksgemeinschaft“ aufzubauen

Illusion der Einigkeit Wie die NSDAP-Kreisleitung Göttingen versuchte, eine „Volksgemeinschaft“ aufzubauen

„Seitens der Kreisleitung Göttingen kann dem Antrage der Obengenannten auf Gewährung von Kinderbeihilfe noch keinesfalls zugestimmt werden.

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Dr. Thomas Gengler, Kreisleiter der Göttinger NSDAP von 1933 bis 1945, beim Abzeichnen einer SA-Spende.

Quelle: EF

Göttingen. In ihrer politischen Einstellung ist sie derartig lau und uninteressiert, dass ihre politische Zuverlässigkeit nicht ohne Einschränkung bejaht werden kann. Im übrigen wird sie in ihren häuslichen Leistungen, was Reinlichkeit und Pflege der Kinder anbetrifft, ebenfalls als sehr nachlässig beurteilt. Ich bitte daher, den Antrag abschlägig zu bescheiden.“

Diese Zeilen über eine Göttingerin, die eine Kinderbeihilfe beantragt hatte, stammen aus der Feder Dr. Thomas Genglers. Der Göttinger Astronom wurde 1933 als 32-Jähriger zum Kreisleiter der NSDAP bestimmt. Damit oblag ihm die Aufgabe, die Ideologisierung der Bevölkerung voranzutreiben und sie im nie erreichten nationalsozialistischen Idealzustand der „Volksgemeinschaft“ zusammenzuführen. Eine hehre Idee, deren auch nur unvollständige Umsetzung eine feine Ausdifferenzierung der Parteistrukturen in lokale Lebenswelten nötig machte.

Während auf nationaler Ebene die geeinte „Volksgemeinschaft“ propagiert wurde, waren lokale Parteifunktionäre der NSDAP bemüht, Andersdenkende zu identifizieren und durch sanktionierende Maßnahmen von der NS-Ideologie zu überzeugen – oder sie durch vielfältige Maßnahmen auszugrenzen. Die Göttinger Historikerin Dr. Kerstin Thieler hat zur Rolle der NSDAP-Kreisleitung promoviert und in ihrer Dissertation unter anderem am Beispiel von Universität und Stadtverwaltung aufgezeigt, mit welchen Mitteln ein größtmögliches Maß an Konformität erreicht werden sollte.

Thieler zeigt auch, dass die Idee eines in der Person und Ideologie Adolf Hitlers geeinten Volkes freilich ein Fernziel blieb, was die Arbeit der Göttinger Kreisleitung, deren Akten noch sehr umfangreich erhalten sind, zu immer neuen Arten der Willkür trieb – das eingangs zu lesende Beispiel aus dem Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover ist nur eines von unzähligen Belegen dafür. Eine zentrale Aufgabe der Kreisleitungen waren jene politischen Bewertungen, auf die die Bevölkerung in unterschiedlichsten Situationen angewiesen waren: Ob bei einem Ehestandsdarlehen, anderen Sozialleistungen oder beispielsweise einer Beförderung – Informationen über die politische Gesinnung der „Volksgenossen“ konnten vor allem von der Stadtverwaltung bei der NSDAP eingeholt werden.

Damit waren die Bewertungen für die Kreisleitung ein wichtiger Faktor für ihre eigene Legitimation gegenüber höheren Parteiorganen und staatlichen Institutionen. „Die Rolle der Kreisleitung als Kontrollinstanz besteht also eher in der Disziplinierung als in der Mobilisierung“, so Thieler. Das Problem: „Diese Gesinnungskontrolle rief häufig erst konformes Verhalten hervor. Somit waren die NSDAP-Funktionäre in der misslichen Lage, dass die Verhaltensweisen, die sie beobachten konnten, im Grunde kein Gradmesser für ein valides Bekenntnis zur ‚Volksgemeinschaft‘ sein konnten.“

Zumal: Wie konnte ideologische Konformität eigentlich gemessen werden? Spendenbereitschaft und Parteizugehörigkeit waren zwar wichtige, aber noch keine hinreichenden Kriterien für die Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“. Gengler versuchte wie alle Kreisleiter, diese systemischen Schwächen durch ein dichtes Netz aus Informanten und Denunzianten zu kompensieren. Der Arbeitsaufwand dieser dichten Überwachung, die sich mit dem Blockleiter bis in die kleinsten Zellen der Gesellschaft erstreckte, war enorm und sorgte so für noch mehr Willkür in den Beurteilungen – aber durch die so erzeugte Unsicherheit in der Bevölkerung auch für einen erhöhten Konformitätsdruck.

Die Machtkonstellation war in Göttingen von besonderer Natur. Gengler stand, das hat Thieler dem Briefwechsel zwischen ihm und dem Oberbürgermeister Albert Gnade (im Amt von 1938 bis 1945) entnommen, in ständigem Konflikt mit der Stadtverwaltung. Gnade, ein langjähriges Parteimitglied und SS-Sturmbannführer, „der ein ganz anderes Standing in der Partei hatte“, respektierte den 15 Jahre jüngeren Gengler nicht. Für Kreisleiter Gengler war es hingegen unverständlich, dass Bruno Jung nicht bereits 1933 ersetzt worden war. Dieser trat vergleichsweise spät in die NSDAP ein, durfte seine reguläre Amtszeit bis 1938 aber zu Ende führen und hatte überdies ein gutes Verhältnis zu Gnade, der vor seiner Zeit als Oberbürgermeister Polizeidirektor war und mit dem er auch die rassistischen NS-Gesetzgebungen willfährig umsetzte.

Auf Quellensuche begab sich Thieler für ihre Arbeit auch im Göttinger Stadtarchiv, von dem sie hofft, dass es angesichts der derzeitigen Budget-Diskussionen auch in Zukunft seinen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit leisten kann. Spuren der Zeit fand sie aber auch in der Gegenwart: Noch heute gibt es im Ostviertel einen Bruno-Jung-Weg.

Thieler stellt ihre Dissertation in der Reihe „Geschichte im Kulturwissenschaftlichen Zentrum“, Heinrich-Düker-Weg 14, am Montag, 20. April, um 19.15 Uhr im Raum 0.602 vor.

Von Jonas Rohde

Ideologisierung und Kontrolle

Adolf Hitler hat im KWP 1932 schon vor seiner Machtergreifung eine umjubelte Rede gehalten. Waren die Ausgangsbedingungen für die NSDAP in Göttingen besonders fruchtbar?
Die NSDAP hatte in Göttingen schon vor der Machtübernahme im Jahr 1933 überdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielt. Göttingen war stets nationalkonservativ, die Weltwirtschaftskrise hatte an den Wahlergebnissen auch ihren Anteil. Die NSDAP hatte gute Ausgangsbedingungen. Das gilt auch für die Universität mit einer sehr aktiven NS-Studentenschaft. Für Göttingen kann man sagen, dass es viele sogenannte „alte Kämpfer“ gab, also NSDAP-Mitglieder, die vor 1930 eingetreten sind. Der NSDAP-Kreisleiter Thomas Gengler, der 1933 sein Amt als NSDAP-Kreisleiter aufnahm, hatte es aus diesem Grund schwer, weil er nicht so lange in der Partei war wie viele seiner Kontrahenten. 

Was wissen Sie über das Verhältnis von Gengler und den Bürgermeistern Jung und Gnade?
Gengler versuchte sich ständig gegenüber der Stadtverwaltung zu profilieren und den Einfluss der NSDAP-Kreisleitung zu erweitern. Insbesondere Gnade versuchte Gengler seine Grenzen aufzuzeigen. Und doch waren beide im alltäglichen Geschäft aufeinander angewiesen. Gengler war Akademiker und in Göttingen zunächst an der Universitätssternwarte Astronom und wechselte dann zur NSDAP, wo ihm ein weiterer Aufstieg aber nicht gelang. Sein Verhältnis zur Universität war gespalten. Das merkt man schon daran, wie er versuchte, gegenüber der Universität und dem NS-Dozentenbund die Kreisleitung ins Spiel zu bringen, beispielsweise bei Personalentscheidungen.

Wie beeinflusste die Konkurrenzsituation zwischen Partei, Stadt und anderen lokalen Akteuren die Machtausübung?
Die NSDAP versuchte, über ihre Gutachten auf verschiedene Politikfelder einzuwirken, sei es die Sozial- oder die Personalpolitik. Insofern waren die Beurteilungen, die die NSDAP über Göttinger Bürger erstellte, aufgrund der Konkurrenz wichtiger als in anderen Städten. Man muss jedoch hinzufügen, dass Stadtverwaltung und NSDAP auch in der Lage waren, an einem Strang zu ziehen, wenn sie gemeinsame Interessen hatten.

Sie bezeichnen die NSDAP in Ihrem Buch als Ideologisierungsagentur und Kontrollinstanz. Hat sich die NSDAP-Kreisleitung im gesamten Machtgeflecht der Partei damit auch selbst legitimiert?
Genau, das ist ein wichtiger Punkt meiner Arbeit. Wenn man die Ideologisierung am Bereich der Sozialpolitik festmachen will: Sozialleistungen waren an politische Willfährigkeit und  Kriterien gekoppelt, die aus der NS-Bevölkerungspolitik resultierten. Insofern sorgte die NSDAP vor Ort für die Umsetzung dieser Gesetze und achtete darauf, dass beispielsweise Ehestandsdarlehen nur loyalen NS-Anhängern bewilligt wurden. Gleichzeitig waren sich die NSDAP-Funktionäre bewusst, dass sie nie zu 100 Prozent rauskriegen konnten, ob eine Person nun wirklich NS-Anhänger war oder nicht. Das heißt, dieser latente Zweifel lief ständig mit, auch in den Stellungnahmen der Partei. Er war ein steter Stachel im Fleisch der Funktionäre, weil viele Menschen auch aus Opportunismus die Mitgliedschaften eingingen, die man haben sollte, um im „Dritten Reich“ über die Runden zu kommen. Die Partei hatte weder Zeit noch Personal, die Gesinnung eingehend zu überprüfen.

Welche Informationskanäle standen der Kreisleitung für ihre Kontrollen zur Verfügung?
Denunziationen waren von der Partei offiziell nicht gerne gesehen, wurden bigotterweise aber gerne angenommen. Ansonsten zogen die Ortsgruppenleiter, Zellenleiter und Blockleiter los und haben verdeckt ermittelt. Sofern das möglich war, denn auch damals war Göttingen schon ein Dorf und die Einwohner wussten zumeist, wem gegenüber sie sich vorsichtig zu verhalten hatten. Ihre Informationen hat die Kreisleitung auch von der Stadtverwaltung bekommen. Und die Verästelung der Parteifunktionäre reichte bis in die Wohnhäuser.

Alles ordentlich zu recherchieren war angesichts der Ressourcen der Partei eine schwierige Aufgabe, die meisten NSDAP-Funktionäre machten dies nach ihrer Arbeitszeit und ohne Entlohnung. Man kann sich vorstellen, wie verlockend es war, einfach irgend etwas hinzuschreiben oder wegzulassen. Hier kommt die Willkür ins Spiel. Ein zentraler Punkt meiner Arbeit ist, dass die Gutachten deshalb so viel Wirkung entfalten konnten, weil sie in ihrem Inhalt unberechenbar waren und man nicht absehen konnte, wann ein neues Parteigutachten erstellt werden würde.

Kerstin Thieler: „,Volksgemeinschaft’ unter Vorbehalt“, Wallstein Verlag, 504 Seiten, 59,90 Euro.
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