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Wie erlebten Sie die Wiedervereinigung und Einheitsfeier?

Thema des tages Wie erlebten Sie die Wiedervereinigung und Einheitsfeier?

Punkt Mitternacht in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990: In Berlin läutet die Freiheitsglocke. Vor dem deutschen Reichstag wird die deutsche Einheitsfahne gehisst. Die DDR ist nach Paragraf 23 des Grundgesetzes der BRD beigetreten. 

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„Wenn ich an die Nacht zum 3. Oktober 1990 denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut“, erzählt Rolf Berend, damals Abgeordneter der am 18. März 1990 ersten und einzigen frei gewählten DDR-Volkskammer.

Gemeinsam mit den Politikern aus Ost und West feierte er diesen bedeutenden Moment der deutschen Geschichte vor dem Reichstag. „Endlich waren wir vereint. Auf dem Gelände vor uns sahen wir ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Tausende Menschen sangen die deutsche Nationalhymne: Einigkeit und Recht und Freiheit.“

Er selbst habe ebenfalls laut mitgesungen. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Und in diesem Moment drehte sich Norbert Blüm um, nahm meine Frau in den Arm und sagte: Gell, Mädchen. Heute brauchen wir uns unserer Tränen nicht zu schämen.“

Doch um diesen Moment genießen zu können, hatten vor allem die Abgeordneten der Volkskammer harte und arbeitsreiche Wochen hinter sich. „Schließlich hatten wir alles daran gesetzt, uns möglichst schnell überflüssig zu machen und die Teilung Deutschlands zu überwinden“, sagt Berend.

„Es war zwar das kürzeste Parlament in der deutschen Geschichte, dafür aber, wie Historiker bestätigen, das fleißigste.“ Nie habe ein anderes Parlament in sechs Monaten so viele Gesetze auf den Weg gebracht oder besser gesagt, bringen müssen.

„Und dann kam am 23. August 1990 die Nacht der Nächte“, erklärt Berend die Bedeutung dieses Datums, „als weit nach Mitternacht, schon im Morgengrauen, um 3.30 Uhr von dieser frei gewählten Volkskammer der Beschluss gefasst wurde, die deutsche Einheit am 3. Oktober nach Artikel 23 des Deutschen Grundgesetzes zu vollziehen.“

Mit dem 3. Oktober 1990 endete aber nicht nur die Zeit der deutschen Teilung, sondern auch die Nachkriegszeit. „Der in kürzester Zeit ausgehandelte 2+4-Vertrag war zugleich auch ein Vertrag, der die Kriegsfolgen endgültig und einvernehmlich regelte“, sagt Berend und berichtet von einem Gespräch mit Lothar de Maizière.

„Er erzählte mir kürzlich von einem Treffen mit dem damaligen sowjetischen Botschafter Valentin Michailowitsch Falin in Moskau, in dem dieser beklagte, dass die DDR in den 2+4-Verhandlungen zu billig verkauft worden wäre. De Maizières Antwort: ‚Ja, wenn Sie die DDR zehn Jahre früher abgetreten hätten, hätten sie in der Tat sicherlich mehr bekommen.

Da war sie noch nicht so bankrott und die Sowjetunion auch nicht so geschwächt.‘ Und ich vergesse nicht weitere Worte de Maizières, als er Anfang der 90er-Jahre sagte, es wäre ein Alptraum gewesen, die deutsche Einheit nach dem Zerfall der Sowjetunion zu verhandeln. Dann wäre mit allen entstandenen Sowjetrepubliken aus dem 2+4 plötzlich ein 2+19 geworden.“

Die folgenden Jahre blickten die übrigen osteuropäischen Staaten, die 40 Jahre mit der DDR eine Schicksalsgemeinschaft im Warschauer Pakt durchlebten, neidisch auf Ostdeutschland, erzählt der langjährige Europaabgeordnete Berend aus Gesprächen im Europäischen Parlament. Denn mit der Einheit sei die ehemalige DDR zu einem Vollmitlgied der Europäischen Union geworden - mit allen Vorteilen wie den Zugriff auf milliardenschwere Fördertöpfe.

„Die Wiedervereinigung Deutschlands erlebten wir unter Freudentränen. Es war der Wille zur Freiheit – und es war der Wille, dass nie wieder Sozialismus mit allen seinen schlimmen Begleiterscheinungen entstehen möge“, so Berend abschließend.

Von Rüdiger Franke

Ronny Thalmeyer , Jahrgang 1964 , geboren in Bad Saarow. Heute Schauspieler am Deutschen Theater Göttingen:

„Meine wichtigste Erinnerung geht zurück auf den 10. November 1989. Das war ein Freitag. Ich war damals Schauspielstudent. Die Nachricht von der Grenzöffnung verbreitete sich am Vorabend während wir im Studentenklub „Bratpfanne“ relativ schnell das „Potsdamer Rex“ inkubierten. Aber niemand unternahm ernsthafte Bemühungen sich in Richtung Grenze zu bewegen. Da die Filmhochschule Babelsberg ja im direkten Grenzgebiet lag, waren wir ohnehin dicht dran.

Wenn dem also wirklich so war, dann würde die morgen sicher auch noch auf sein. Die Nacht war kurz, der Unterricht ging nur bis Mittag, unser Schauspieldozent hatte sich schon in den Westen abgesetzt. Also ging ich zur Meldestelle und hab mir ein Visum besorgt. Ich stieg aufs Motorrad, eine MZ natürlich, und fuhr auf die Autobahn. In Zehlendorf Kurzstop eingelegt, Telefonzelle: „Ja is ja n Ding wa, also du fährst wie folgt. . . “

Ich legte auf. Mir war klar, ich finde das nie, einmal quer durch ganz Westberlin. Keine Ahnung, ich hatte weder Navi oder Karte, aber das nächste Mal hielt ich am Bahnhof Spandau und fand mich wieder in den Armen meiner Eltern.

Die Teilung gehört zu mir wie die Einheit, und zwar zeitlich mittlerweile zu gleichen Teilen.  Ich bin halb vor, halb nach der Wende. Ich kann das nicht ändern und möchte es auch nicht. Ich bin glücklich hier in Göttingen für das beste Publikum das ich kenne auf der Bühne zu stehen. Tausend Dank dafür!

Holger Frase , Jahrgang 1978, geboren in Magedburg. Heute Bürgermeister in Adelebsen:

Meine Familie wurde 1945 aus Danzig vertrieben. Während meine Großeltern mit meinem damals dreijährigen Onkel nur bis Magdeburg flüchteten, zog der Rest der Familie nach Bochum. Dann wurde eine Grenze durch Deutschland gezogen und unsere Familie getrennt. Durch die Einheit und dem Mauerfall konnte ich meine Familie besuchen, die ich bis dahin größtenteils nur von Fotos kannte.

Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen der Bevölkerung im Westen und der im Osten. Genauso gibt es Unterschiede zwischen der norddeutschen und süddeutschen Bevölkerung. Diese Unterschiede finden sich vor allem in der Mentalität wieder. Doch nach meiner Einschätzung sollten wir uns vom Bild eines typischen Ossis oder Wessis verabschieden. Derartige Stereotypen gibt es quasi nicht und werden der tatsächlichen Wahrnehmung in keiner Weise gerecht.

Hans-Dieter Dethlefs , 66 Jahre, geboren in Westerode, heute Stellvertretender Kreisvorsitzender des NFV Kreises Göttingen-Osterode

Es gab gleich nach der Grenzöffnung zahlreiche Fußballfreundschaftsspiele zwischen den Vereinen aus dem Unter- und Obereichsfeld, vor allem im Grenzbereich. In den ersten Jahren wurde ein Eichsfeldpokal zwischen der besten Mannschaft aus dem Altkreis Duderstadt und den Kreisen Worbis und Heiligenstadt ausgespielt.

Bei meiner damaligen Tätigkeit bei der Stadt Duderstadt bleibt die Auszahlung des Begrüßungsgeldes sehr gut in Erinnerung. Die Auszahlung erfolgte im November und Dezember 24 Stunden Tag/Nacht. An einem Sonntagmorgen um 2 Uhr in der Eichsfeldhalle ging das Geld aus und Bürgermeister Wolfgang Nolte besorgte in Göttingen bei den Banken neues Geld.

In dieser Zeit befanden sich über 1000 Erwachsene und Kinder in der Eichsfeldhalle und warteten sehr geduldig über zwei Stunden bis die Auszahlung weiterging. Bemerkenswert war das disziplinierte Verhalten. Dabei gab es viele emotionale und unvergessliche Begegnungen.

Ja, die gibt es sicherlich auch noch nach 25 Jahren und zwar in vielen Bereichen. Auch im Fußball gibt es Unterschiede. In der ersten Fußball Bundesliga gibt es keinen Verein aus den neuen Bundesländern und in der zweiten Bundesliga sind es mit 1. FC Union Berlin und RB Leipzig nur zwei Vereine.

Dominik Rossmann , Jahrgang 1984, geboren  in Dresden heute Ingenieur bei derCoherent LaserSystems in Göttingen:

Zwei Familien aus meiner Verwandtschaft sind vor dem Mauerfall in den Westen gezogen und zur Zeit der Wiedervereinigung war ich sechs Jahre alt. Auch wenn ich Besuche bei Ihnen in den alten Bundesländern in den 90er Jahren als Kind für selbstverständlich erachtete, weiß ich sie heute weit mehr zu schätzen. Derartige Situationen für alle Beteiligten zu einer guten Lösung zu bringen funktioniert leider nicht immer, wie man selbst in der heutigen Welt feststellen muss.

Sicher gibt es vereinzelt noch Unterschiede zwischen Wessis und Ossis, aber genauso gibt es Unterschiede zwischen den Menschen im Norden und im Süden. Meiner Meinung haben viele Unterschiede aber in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Vor allen bei den jungen Generationen.

Detlef Johannson , Jahrgang 1951, gebören in Mölln, heute Pressesprecher der Statdverwaltung Göttingen.

Die stammt aus Zeiten, als die Einheit schon spürbar, aber noch nicht vollzogen war. März 1990: 600 Göttinger fahren mit dem Luther-Express nach Wittenberg. Drei Tage Adrenalin pur. Deutsch-deutsche Dialoge, Diskussionen, Erzählrunden oder Gesprächskreise reihten sich aneinander. Man redete, bis die Zunge pelzig wurde.

Beantwortete Fragen, schürte oder dämpfte Hoffnungen, erwiderte auf Vorurteile, bis die Stimmbänder im Keller waren. Im Lotossitz auf den harten Böden von Zwei-Raum-Wohnungen oder auf dem Gestühl des Kulturhauses Maxim Gorki. Unsere tollen Wittenberger Gastgeber wussten schon viel, aber wollten noch viel mehr wissen:

Von der Rentenversicherung bis zur Bundesliga. Am Ende dieses ganz persönlichen Austauschmarathons war ich fix und fertig: Zu wenig Schlaf, zu viel bulgarischer Rotwein. Aber ich war glücklich, ja beseelt  wie selten. Jetzt hatte ich eine Idee, was Einheit und der Weg dahin bedeuten könnten. Das werde ich nie vergessen.

Ja, die gibt es noch als Menschen mit jeweils besonderen regionalen Eigenheiten. So wie sich auch Nord- und Süddeutsche voneinander unterscheiden und manchmal auch auf die eine oder andere Weise auf die Nerven gehen können. Aber als politische oder gar charakterliche Kategorie? Derartiges Schubladendenken hat ausgedient.

Das ist meine Beobachtung. Wer auch nach 25 Jahren in solchen Vorurteilen herumkramt, dem ist nicht zu helfen;  der stigmatisiert vermutlich auch ganz andere Menschengruppen. Als vermeintlicher Wessi sage ich: Von denen, die es brauchten, haben die meisten von uns einen Auffrischkurs in Demut absolviert. Und das war auch gut so.

Paul Schneegans , Geschäftsführer des Grenzlandmuseums Eichsfeld in Teistungen

Wenn ich an den 3. Oktober denke: Das Bild vor dem Brandenburger Tor im Fernsehen zu sehen, war schon eine sehr emotionale Angelegenheit, insbesondere, als die Nationalhymne gesungen wurde. Wir haben in diesen Tagen vor 25 Jahren innerhalb der Familie viele Gespräche geführt über das Zusammenwachsen Deutschlands.

Heute zeigt sich: Es gab Höhen und Tiefen. Aber insgesamt kann man sagen: Es handelt sich um eine Erfolgsgeschichte. Unterschiede bestehen noch in wirtschaftlichen Entwicklungen und im Bereich der Infrastruktur. Aber, je mehr Zeit vergeht, desto mehr nähern sich die Menschen an.

Für das Grenzlandmuseum war das genau der Punkt, eine Neukonzeption anzugehen: Die junge Generation hat keine eigenen Erinnerungen an die DDR, die Grenze und die Konsequenzen daraus. Da braucht es neue Ansätze, die Geschichte verständlich zu machen.

Johannes Ballhausen ,  Jahrgang 1961, Nesselröden. Heute Fertigungs-Leiter bei Schneider Kreuznach ISCO  Göttingen und  Basketball-Fachwart beim FC Hertha Hilkerode.

Wenn ich an die Grenzöffnung zurückdenke,  bin ich als erstes mit meinem Schwiegervater bei Neuendorf mit dem Fahrrad über die Grenze gefahren. Von der sportlichen Seite her gesehen war die Zusammenlegung der Basketball-Abteilungen von Hilkerode mit Birkungen und Leinefelde schon ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich.

Es klappt super mit allen, und es gibt kaum Unterschiede zwischen Ost und West. Es passen sich alle immer mehr an, und ich persönlich finde das sehr gut.

Nico Dietrich , Jahrgang 1979, geboren in Brandenburg, Intendant des Jungen Theaters Göttingen

Der Wendeprozess ist nicht nur ein politischer, er ist auch ein sozialer, der bis hinein in die Familie gekrochen ist. Väter verließen die Mütter. So war das auch bei mir. Mein Vater ist über die Grenze gemacht. Und: Institutionen wie Polizei oder Schule wurden nicht mehr ernst genommen. Deren Autorität war schlagartig weg.

Die Renten auf jeden Fall, nach wie vor.

Wolfgang Nolte , heute Bürgermeister in Duderstadt

Was war die innerdeutsche Grenze doch für eine menschenverachtende Anlage. Selbstschussanlagen, Minen, Hundelaufanlagen, ein fast unüberwindliches Bollwerk – gerichtet gegen die Menschen in der früheren DDR.     Umso größer war meine Freude über die Deutsche Einheit. Deshalb habe ich voller Begeisterung daran mitgearbeitet, dass wir hier im Eichsfeld schnell auf allen Ebenen zusammengearbeitet und Zukunft gestaltet haben. Bis heute.

Danke an alle, die an die Deutsche Einheit geglaubt und sich ehren- und hauptamtlich verdient gemacht haben. Jetzt gilt es, die leidvollen Erfahrungen aus der Kommunistischen Diktatur auch an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

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