Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Wie man 18 Nobelpreisträger bekochen kann

Unter uns Wie man 18 Nobelpreisträger bekochen kann

Unter uns leben viele interessante Menschen. Heute erzählt der Göttinger Koch Klaus Sperlich (73) seine Geschichte. Der gebürtige Schlesier, der in der Nähe eines Konzentrationslagers aufwuchs, fuhr als junger Mann zur See. Später leitete er 36 Jahre lang die Kantine der Max-Planck-Gesellschaft.

Voriger Artikel
Führung für Kinder und Römerschiff auf der Werra
Nächster Artikel
Herzzentrum wird erweitert

Mit Zeitungsausschnitten, Programmen und Fotos von Kreuzfahrten: Klaus Sperlich.

Quelle: Christoph Mischke

KZ-Häftlinge gab es bei uns im Dorf fast täglich auf der Straße zu sehen“, erinnert sich Klaus Sperlich an seine Kindheit. Der heute 73-Jährige, der im Mai 1945 zehn Jahre alt wurde, wuchs 60 Kilometer von Breslau entfernt im schlesischen Dorf Groß-Rosen auf. Seine Eltern arbeiteten dort als Erzieher in einem evangelischen Heim für 250 Kinder, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammten. 

Die SS richtete 1940 zwei Kilometer vom Dorf entfernt in einem Steinbruch ein Außenlager des KZ Sachsenhausen ein. Durch den Unternehmer Oskar Schindler, der Häftlingen aus Groß-Rosen das Leben rettete („Schindlers Liste“), ist das Lager bekannt geworden. Sperlich beschloss, seine Erinnerungen an diese Zeit aufzuzeichen.

„Eine Kindheit in aufregenden Zeiten“ heißt das 79-seitige Buch, das er im Selbstverlag herausgebracht hat. Aus der Perspektive des unbefangenen Kinds, das er damals war, schildert er seine Erlebnisse. Der Fünfjährige nahm das KZ zuerst einmal positiv wahr. Es gab dort nämlich eine Militärkapelle, die nun bei verschiedenen Gelegenheiten im Dorf spielte. Der KZ-Arzt behandelte auch Dorfbewohner, darunter Sperlichs wilden Bruder, der das Talent besaß, sich beim Spielen zu verletzen. 

Das Grauen, das im Lager herrschte, wurde dem Jungen an einem heißen Sommertag bewusst. Die SS trieb erstmals Frauen und Kinder vom Bahnhof durch das Dorf zum KZ. Die Häftlinge bettelten um Wasser. Als Dorfbewohner ihnen Kannen reichten, schlug die SS sie ihnen aus der Hand. Zornig brüllte ein SS-Mann: „Das sind Partisanen.“ Sie verdienten kein Mitleid. Eine Dorfbewohnerin stellte dagegen fest: „Das sind Frauen.“ Der SS-Mann darauf: „Noch ein Wort und sie können denen Gesellschaft leisten.“

Im Februar 1945 mussten die Häftlinge Panzersperren aus Granit errichten. Dann wurden sie fortgetrieben. Einige brachen vor Erschöpfung zusammen. Die SS erschoss sie in aller Öffentlichkeit. Auch die Bewohner des Dorfes mussten gehen. Die Front rückte näher. Sperlich konnte sich mit der neuen Situation anfreunden. Die Schule fiel aus. „Für mich war das ein großes Abenteuer“, erzählt er. 

Nach der Kapitulation im Mai 1945 kehrte die Mutter mit ihren vier Söhnen in das nun polnisch verwaltete Dorf zurück. Es hatte vier Fünftel seiner Einwohner verloren. In den letzten Kriegsmonaten war dort erbittert gekämpft worden. Viele Häuser waren zerstört. Sperlich fand beim Spielen Waffen und immer wieder Leichen gefallener Soldaten.  

Nahrung war knapp. Die Mutter kochte aus Brennesseln Suppe und aus Rübenschnitzeln Sirup. Sie versuchte gereinigtes Maschinenöl zum Braten zu verwenden. Soldaten kamen mehrfach zum Plündern vorbei. Deutsche, die das Dorf verließen, mussten eine weiße Armbinde tragen. Die polnische Regierung siedelte im Dorf Flüchtlinge aus dem nun sowjetisch besetzten Ostteil des Landes an. Bei Familie Sperlich wurde eine polnische Mutter mit ihrem 14-jährigen Sohn einquartiert. 

Die Zustände wurden immer unerträglicher. „Meine Mutter war erleichtert, als dann im August 1946 die Aussiedlung aller Deutschen aus dem Dorf erfolgte“, berichtet Sperlich. Die Vertriebenen mussten acht Kilometer bis zum Bahnhof des Nachbarorts laufen. Unterwegs verloren viele Teile ihres Gepäcks. Soldaten beschlagnahmten Wertgegenstände.  

Stelle im Durchgangslager

Das Unrecht nahm Sperlich hin. Einen tiefen Groll hegte er dagegen lange auf die reichen niedersächsischen Bauern, die sich gegenüber den Heimatvertriebenen schäbig benahmen. Sein Vater lebte damals in einem Dorf in der Nähe von Hannover. Dorthin holte er die Familie. Dann bekam er eine Stelle im Grenzdurchgangslager in Friedland. 

Der junge Sperlich hatte Mühe, den Schulstoff nachzuholen. Er beschloss, Koch zu lernen. Sein Lehrbetrieb war die Taberna Academica, die zur Mensa der Uni gehörte. Anfang der 50er Jahre gehörte es zu den besten Restaurants der Stadt. Dort trafen sich die Schauspieler und Regisseure der Filmstadt Göttingen. 

Nach ein paar Gesellenjahren ging Sperlich zur See. Den Sommer über kochte er auf einem Linienschiff, dass zwischen Rotterdam und New York verkehrte. Den Winter über arbeitete er auf Kreuzfahrtschiffen. 1959, zwei Tage nach der Revolution, war er auf Kuba. Die bärtigen Guerilleros kamen an Bord. Angesichts der Fülle an Lebensmitteln gingen ihnen die Augen auf. Sie wollten ihre Pistolen gegen Toastbrot tauschen. 

Nachdem Sperlich 33-mal in New York gewesen war und Häfen rund um die Welt gesehen hatte, ging er nach Göttingen. Dort lebten seine Eltern inzwischen. Er bewarb sich bei der Max-Planck-Gesellschaft auf die Stelle als Kantinenleiter. Man bat ihn, das Essen für den Senat zu kochen. Danach erhielt er den Zuschlag. Bis zu 20 Mitarbeiter waren unter seinem Kommando tätig. Als die Gesellschaft aus der Bunsenstraße auf den Faßberg zog, konnte er an der Planung der Küche mitwirken. Seine Gäste waren illuster. „Während einer Tagung kochte ich für 18 Nobelpreisträger“, erinnert er sich. Er machte das Essen, wenn Otto Hahn oder Manfred Eigen ihre Geburtstage feierten.   

Bei der Max-Planck-Gesellschaft lernte Sperlich seine Therese kennen. Die Hauswirtschaftsleiterin kam als Praktikantin zu ihm. Das Ehepaar zog zwei Söhne groß, die beide Mathematik studiert haben. Der eine ist heute Lehrer in Hildesheim, der andere Professor in Göttingen. 

                                                                                                                                                                                                                                                   Von Michael Caspar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Landtagswahl: So feiern die Parteien in Göttingen und der Region