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Windkraft-Investor EEV verlässt Göttingen

Thema des Tages Windkraft-Investor EEV verlässt Göttingen

Ist die Göttinger Erneuerbare Energie Versorgung AG (EEV) in schwere See geraten? Geschäftsberichte fehlen, seit 2014 ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Anlagebetrugs. Über 2400 Anleger bangen nun um etwa 25 Mio. Euro.

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Die Erneuerbare Energie Versorgung AG hat ihren Standort Göttingen klammheimlich verlassen.

Quelle: Hinzmann

Groß Ellershausen. Die Adresse verspricht nichts Gutes: Dransfelder Straße 7. Hier sind Milliarden verschwunden, das Kapital der insolventen Göttinger Gruppe, dessen Rechenzentrum einst hier residierte. In den vergangenen Jahren wirtschaftete in dem repräsentativen Gebäude die Erneuerbare Energie Versorgung AG (EEV). Jetzt stehen die Räume leer, der Zierteich trocknet aus. Die EEV ist verzogen.

 
2411 Anleger haben in den vergangenen Jahren rund 25 Millionen Euro bei dem Göttinger Unternehmen EEV angelegt. Damit sollen ein Biomasse-Großkraftwerk in Papenburg und ein Windpark (Skua) in der Nordsee verwirklicht werden. Das Kraftwerk läuft – wieder, muss man sagen, denn 2014 gab es einen monatelangen Ausfall. Mit dem Offshore-Windpark gibt es riesige Probleme, denn er wurde in einem Schießgebiet der Bundeswehr projektiert.
Und weil das Unternehmen seit zwei Jahren (2013 und 2014) keinen Jahresabschluss vorgelegt hat, bangen die Anleger nun um ihr Geld, zumal seit September 2014 die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Anlagebetruges (falsche Versprechen im Prospekt) ermittelt. Damals waren nach Medienveröffentlichungen in Göttingen und Braunschweig diverse Strafanzeigen eingegangen. Über den aktuellen Stand gibt die Strafverfolgungsbehörde keine Auskunft, bestätigt aber, dass weiter ermittelt werde.

 
In dieser Situation hat das Unternehmen den Hauptsitz verlagert und den Vorstand ausgetauscht, ohne seine Kapitalgeber auch nur zu informieren. Schon vor Monaten zog die EEV zunächst nach Hildesheim, danach an den Sitz des Kraftwerkes in Papenburg. Auf der Internetseite steht seit 22. April Papenburg als Sitz. Am 5. Mai legte der bisherige Vorstand Heinz Lucas sein Amt nieder. Als Nachfolger benannte der Aufsichtsrat den Leipziger Rechtsanwalt Bernhard Faber. Einen Monat dauerte es, bis das dem Handelsregister mitgeteilt wurde. Erst am Freitag ging der Antrag ein. Da hatte das Registergericht bereits ein Verfahren eingeleitet, weil Registereintragung und öffentliche Darstellung auseinander klaffen.

 
Als Grund des Wegzugs aus Göttingen gibt der neue Vorstand Einsparmaßnahmen an. Allerdings wird die EEV wohl noch gut ein Jahr lang Miete für leere Räume zahlen müssen. Zu den laufenden Ermittlungen gibt es von der EEV keine Auskunft. Sie beträfen den früheren Vorstand. Aber natürlich werde der Ausgang der Ermittlungen den Geschäftserfolg des Unternehmens stark beeinflussen, sagt Nachfolger Faber.

 

Sorge ums Ersparte

 

Göttingen . Er wollte „ethisch einwandfrei investieren“. Deshalb hat Paul P. (Name geändert) sein Erspartes in grüne Energie gesteckt. Mehrere zehntausend Euro hatte er 2012 übrig. Da erschien ihm das Angebot aus Göttingen, in Windparks in der Nordsee und in Biokraftwerke zu investieren, eine gute Möglichkeit. Jetzt bangt der Ostwestfale um sein Erspartes. Seit vier Wochen sucht er verzweifelt danach, wo sein Geld geblieben ist.

 
Als er sich 2012 entschied, habe er nur Gutes über die Göttinger Erneuerbare Energie Versorgung AG (EEV) gehört, sagt er. Auch seine Bank habe ihm dazu geraten. Dass Genussscheine ein hohes Risiko beinhalten, habe er inkauf genommen. Genussschein-Inhaber erhalten ihr Geld im Falle einer Gesellschafts-Auflösung oder Insolvenz erst zurück, wenn alle anderen Gläubiger befriedigt sind. Anfangs bot die EEV offenbar neun Prozent Zinsen, Paul P. wurden sechs Prozent zugesagt. 2014 erhielt er auch die zugesagte Verzinsung. „Überwiesen und versteuert“, sagt er. Zusammen mit 25 anderen Anlegern fuhr er sogar nach Papenburg und sah sich an, wo sein Geld steckt: in der für ihn überzeugenden Biokraftwerk-Anlage.

 
Dass seit September 2014 die Staatsanwaltschaft gegen die EEV ermittelt, dass jene ihren Hauptsitz in Göttingen aufgegeben hat, dass der alte Vorstand abgelöst wurde – das alles hat man P. nicht mitgeteilt. Als er Anfang Mai nachfragte, wann in diesem Jahr gezahlt wird, wurde er vertröstet. Danach gab es keinen Kontakt mehr: nicht in Göttingen telefonisch, nicht per Mail, nicht per Rückruf-Service auf der Homepage, nicht in Papenburg, wo der neue Sitz sein soll. Dort sei er, wenn er überhaupt einmal Kontakt bekam, abgewimmelt worden. Man dürfe ihn mit dem Geschäftsführer nicht verbinden, hieß es. Und erst, als er Journalisten um Recherche-Hilfe bat, erfuhr er: Der Göttinger Hauptsitz steht leer, der alte Vorstand hat ein Mandat niedergelegt, der neue ist im Handelsregister noch nicht eingetragen, weder der eine noch der andere sind direkt erreichbar, selbst bei der Mutter-AG in Wien weiß man angeblich nicht, wer aktuell verantwortlicher Geschäftsführer ist. Versucht man es über ein Tochterunternehmen in Hamburg, landet man in einer Telefonvermittlung – ausgerechnet auf der Reeperbahn. Und im Hintergrund ermittelt die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Braunschweig weiter wegen Anlagebetruges. cl

 

„Da ist ein Leck entstanden“

 

Göttingen . Nach Tagen mühsamer Recherche hat das Tageblatt am Freitag doch noch Kontakt zum neuen Geschäftsführer der EEV AG erhalten. Bernhard Faber räumt ein, dass die Unterrichtung der Kapitalgeber über Umzug und Umstrukturierung schief gelaufen sei. „Da ist ein Leck entstanden“ nach dem Rückzug seines Vorgängers, räumt er ein. Das Registergericht sei inzwischen informiert, was dieses am Freitag auch bestätigte. Er werde sich nun sofort um die Information der Gesellschafter kümmern, versprach Faber. „Ab Montag sind wir wieder erreichbar.“

 
Vor Übernahme der Verantwortung habe er sich über die Finanzsituation des Unternehmes informiert: „Die Zahlungsfähigkeit ist vollständig gegeben“, sagt er. Es seien „alle prospektierten Ziele erreichbar“. 2014 seien mit dem montatelangen Ausfall des Kraftwerks, hoher Revisionskosten und dem Streit um die militärische Nutzung des projektierten Windpark-Gebietes schwere Rückschläge erfolgt. Das habe die Kostenreduzierungen veranlasst – unter anderem die Aufgabe des Hauptsitzes in Göttingen und des Vertriebs. An den Jahresabschlüssen werde gearbeitet. 2014 sei sogar Dividende gezahlt worden, ohne dass die Voraussetzung dafür (ein Plus im Jahresabschluss) testiert worden sei. Zu den strafrechtlichen Ermittlungen äußert sich Faber nicht. Bezüglich des Windpark-Standortes hofft der neue Geschäftsführer auf „eine politische Lösung“. Juristisch fühle sich die EEV nach wie vor im Recht.     ck

 

Risiko in der Schusszone

 

Göttingen . Die EEV AG hat mit zwei Projekten um Anleger geworben: ein Biomasseheizkraftwerk in Papenburg sowie die Erschließung eines Offshore-Windparks in der Nordsee.

 
Das 2003 errichtete Biomasseheizkraftwerk wurde 2012 für etwa 15 Mio. Euro gekauft und hat eine Leistung von 20 Megawatt elektrisch – womit nach Angaben von EEV etwa 50000 Haushalte versorgt werden – und eine Wärmeleistung von 70 Megawatt. Betrieben wird das Kraftwerk von der EEV BioEnergie GmbH & Co. KG, einem EEV-Tochterunternehmen.

 
Während die Stromproduktion läuft, scheint nach wie vor ein tragfähiges Wärmekonzept für die sinnvolle Nutzung der entstehenden Wärme nicht zu bestehen – seit etwa Mitte 2014 ist es still geworden um die entsprechenden Bemühungen. Das Kompetenzzentrum Niedersachsen Nachwachsende Rohstoffe weist darauf hin, dass solche Wärmenetze technisch anspruchsvoll seien – und dass die zu erwartenden Einnahmen höchst individuell ausfallen.  Auf der anderen Seite steht die Erschließung des Offshore-Windparks „Skua“, die über die EEV Offshore-Windpark Skua GmbH geschieht. Hier sollen sich die anfänglichen Investitionskosten auf 11,5 Mio. Euro belaufen, zu denen noch weitere 3 Mio. Euro für die weitere Planung und Entwicklung des Windparks kommen sollten. Seit 2008, so EEV, befindet sich „Skua“ im Genehmigungsverfahren. Die EEV plante, die bis 2015 zur Genehmigungsreife entwickelte Offshore-Windpark Skua GmbH weitgehend zu verkaufen. Bei einer Anzahl von 80 Windkraftanlagen ging EEV von einem Verkaufserlös von etwa 50 Mio. Euro aus.

 
Hier jedoch taten sich 2010 Probleme auf, denn die Bundeswehr nutzt das „Skua“-Gebiet für Marine- und Luftübungen und weigerte sich, „umzuziehen“. Hintergrund ist, dass es in der ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands in der Nordsee, aber auch jenseits davon, kaum Flächen gibt, die groß genug für Schussübungen sind – die Verkehrsdichte zur See und in der Luft ist dort zu hoch. Das Verteidigungsministerium hat daher erhebliche Bedenken für die Aufrechterhaltung der Landesverteidigung, sollte „Skua“ gebaut werden. Ende 2014 wurden zwischen den Parteien noch einmal Gespräche geführt, nun muss das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie entscheiden. Derzeit wird die Angelegenheit geprüft. Ausgang offen. sg

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