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Wir müssen mal über Karneval reden

Wochenend-Kolumne Wir müssen mal über Karneval reden

Wir müssen mal reden: was im Zwischenmenschlichen schwer nach Krise klingt, sollte in der Politik eigentlich gängige Kultur sein. Geredet wird gerne stundenlang über Bündnisse, Synergieeffekte, Runde Tische, Maßnahmenpakete – Dinge, die die Welt nicht braucht. Göttingen auch nicht. Es gibt aber Themen, über die darf man nicht reden.

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Sonst ist man nicht politisch korrekt. „Wir müssen reden“: Das hatte sich offenbar Holger Welskop von der CDU gedacht, als er öffentlich vorschlug, den – immerhin eine Viertel Millionen Euro teuren – Aufzug am Alten Rathaus zur Diskussion zu stellen, sprich, die Investition zu streichen. Der Lift soll es Rollstuhlfahrern ermöglichen, auch ohne Hilfe ins Gebäude zu gelangen. Schnell wurde dem CDU-Mann mit Schlägen gedroht und die ganz große Keule Menschenrechte aus der Tasche gezogen. Eine Front von großen Emotionen und schwerer Betroffenheit. Die Ablehnung eines Fahrstuhls für behinderte Menschen, das ist sehr unpopulär. Wir müssen mal reden: In kaputten Beziehungen funktioniert das auch nicht mehr.

Politische Korrektheit kann mächtig nervig sein. Völlig unkorrekt geht es zur Zeit zum Glück in anderen Landstrichen zu. Die Nation ist wieder tief geteilt. Die einen fahren demnächst in Richtung Rheinland, um König Karneval zu huldigen. Die anderen flüchten aus Köln oder Düsseldorf, um genau dem zu entgehen. „Karneval ist was für Kinder. Son Quatsch was die da machen“ kommentierte ein Tageblatt-Leser im Internet den „Ball verkehrt“ der Göttinger Rheintreue. Kleiner Tipp von bib: Einfach mal den Straßen-Kneipen-Karneval im Rheinland ausprobieren. Das hat schon viele Südniedersachsen davon überzeugt, dass Karneval auch für Erwachsene lustig sein kann.

Prächtig unterhalten lassen kann man sich natürlich auch in Göttingen. Zurzeit sogar mit, wie Journalisten sagen, lokalem Bezug. Die Vermessung der Welt, als Buch von Daniel Kehlmann ein Bestseller, steht in dieser Spielzeit auf dem Plan im Deutschen Theater. Es geht um die jungen Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, der ja bekanntlich in Göttingen wirkte. Wirklich sehr sehenswert.

Wenn da nur nicht der Winter wäre. „Schöne Kälte“ sagte eine Kollegin neulich, als die Sonne bei minus 10 Grad zwar zu sehen aber nicht zu spüren war. „Schöne Kälte“ ist für mich so etwas wie „zu süß“, Vokabeln, die im aktiven Sprachschatz nicht vorkommen. Und die Aussicht, dass uns die sibirischen Verhältnisse wie im vergangenen Jahr fast bis April erhalten bleiben könnten, lässt die Laune nicht gerade steigen. Deshalb hier noch ein völlig politisch inkorrektes Statement: Her mir der Klimakatastrophe, Sommer rund um die Uhr und Strand am Harzrand (wenn die Polkappen schmelzen). Helau.

Von Britta Bielefeld

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