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„Wir verhungern ja nicht“

Junge Muslime beim Fastenbrechen in Göttingen „Wir verhungern ja nicht“

Während des Ramadans fasten Muslime von Sonnenauf- bis Untergang. Was diese „Säule des Islam“ für junge Muslime in Göttingen bedeutet, hat sich beim Fastenbrechen der Ditib-Gemeinde am Sonnabend gezeigt.

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Vor 21.47 Uhr rührt keiner das Essen an, so hat es die Ditibzentrale in der Türkei für diesen Tag festgelegt.

Quelle: CH

Göttingen. Dampfende Köfte, der pikante Geruch einer Linsensuppe und der Anblick von angerichteten Salaten, Brot und Datteln. Aber bisher bedeutet das Fastenbrechen „Iftar“ für rund 100 Jugendliche aus Südniedersachsen vor allem Gespräche über Abibälle und Ausbildungsberufe - vor 21.47 Uhr rührt keiner das Essen an, so hat es die Ditibzentrale in der Türkei für diesen Tag festgelegt.

„Natürlich ist das hart für uns, aber wir verhungern ja nicht“, erklärt Pinar Cengiz. Ein Kopftuch trägt die 19-Jährige nicht - Fasten gehört für sie hingegen schon zum Glauben: Der Ramadan biete einfach Frieden und Geborgenheit, findet sie.

Das Fastenbrechen selber ist von Religiösität durchdrungen: Kurz zuvor hat der Imam noch traditionelle Verse rezitiert, ein kurzes Tischgebet eröffnet das gemeinsame Essen. Daran nehmen auch Flüchtlinge teil - der Ramadan sei eben „der Monat, in dem man teilt“, erklärt Emre Gürcan das. Mustafa Parmuk pflichtet bei: „Ohne zu helfen, geht es nicht“, glaubt der Student der Wirtschaftsinformatik - im Ramadan seien Muslime dazu von Gott verpflichtet.

Später, nach dem Essen, entwickeln sich Gespräche: Einige eilen zum Abendgebet, andere verquatschen sich bei einem Glas Tee im Innenhof der Moschee. Der Ramadan hat für die jungen Muslime auch etwas mit der Türkei zu tun: „Türkei ist für uns Islam“, versucht Cengiz den Zusammenhang zu erklären. Was sie damit genau meint, kann sie nicht in Worte fassen. Emre Gürcan erklärt es mit Urlaubserinnerungen im Heimatland seiner Eltern: Die ganze Großfamilie komme zusammen, in den Straßen erinnern Trommler an das „nächtliche Frühstück“. Auch sei die Fastenzeit dort präsenter: In Zelten auf den Straßen empfingen Wohlfahrtsverbände Hunderte Menschen zum Fastenbrechen - „ein ganz anderes Feeling“, fasst er zusammen.

In Deutschland zu fasten, fällt ihm trotzdem nicht schwer. Selbst die Standardfrage „dürft ihr auch nichts trinken?“ höre er immer seltener. Nur in der Mittagspause lege er sich lieber schlafen - „du kannst doch nicht in die Kantine gehen und allen beim Essen zusehen“, erklärt Gürcan das.

Fastenbrechen um 21.47 Uhr

Während des Fastenmonats Ramadan verzichten Muslime bis zum abendlichen Fastenbrechen „Iftar“ auf Essen und Trinken. Die türkische Ditibzentrale gibt dafür derzeit etwa 21:47 Uhr als Zeitpunkt vor. Vor Sonnenaufgang nehmen die Fastenden außerdem ein „nächtliches Frühstück“ zu sich. Alljährlich endet der Ramadan mit dem Zuckerfest, in diesem Jahr am 6. Juli. Der Fastenmonat ist neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosensteuer (Zakat) und der Pilgerfahrt (Hadsch) eine der fünf zentralen „Säulen des Islam“, der Pflichten, an die sich Muslime zu halten haben. Die Pflicht zu fasten soll laut Mustafar Keskin, dem Vorsitzenden der Göttinger Ditib-Gemeinde, auch zu Mitgefühl mit den Armen anhalten: „Wer mit vollem Magen einschläft, während sein Nachbar hungert, ist nicht von uns“, sei ein Ausspruch des Propheten.

Ditib

Als eine von mehreren muslimischen Gemeinden in Göttingen gehört die Ditib-Gemeinde zum Netzwerk der türkischen Religionsbehörde. Die staatliche Einrichtung ist unter anderem für die Ausbildung und Entsendung von Imamen zuständig.

Von Christoph Höland

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