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„Wir wissen nie, was kommt“

Studenten bieten kostenlose Rechtsberatungen an „Wir wissen nie, was kommt“

Jura-Studierende der Uni Göttingen bieten mittwochs bei der Göttinger Tafel kostenlose Rechtsberatungen an. Dabei werden sie von einem Rechtsanwalt unterstützt. Die Studenten sammeln Praxiserfahrungen und ihre Mandanten erhalten Handlungsalternativen - eine Win-Win-Situation.

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Jura-Studierende der Uni Göttingen bieten mittwochs bei der Göttinger Tafel kostenlose Rechtsberatungen an.

Quelle: wes

Göttingen. Eine ältere Dame betritt den kleinen Beratungsraum. Die Blicke richten sich gespannt auf die Frau. „Wir wissen nie, was kommt“, sagt Rechtsanwalt Tobias Weissenborn. Er lehrt an der Uni Göttingen und ist mindestens alle zwei Wochen bei den Beratungen dabei.

Der Fall scheint verfahren zu sein: Die bedürftige Frau lebt von einer geringen Rente in ihrem Elternhaus, das mit Schulden belastet ist. Das Haus ist baufällig, es gibt kein warmes Wasser und die Heizung funktioniert auch nicht mehr. Die Frau ist krank, will in eine Sozialwohnung. Die bekommt sie nicht, weil sie keine Grundsicherung erhält - die gibt es wiederum nicht, weil sie Hausbesitzerin ist. Das Haus wird sie aber wegen der ländlichen Lage nicht los, zum Verkauf steht es schon lange.

Evin Tavan und Sabaun Ishaqzay sitzen ihr kerzengerade gegenüber. Sie studieren im fünften Semester Jura an der Uni Göttingen. Die Frau ist ihr erster Fall und sie versuchen, die Geschichte zu sortieren.

Der Rechtsanwalt schaltet sich ein, weil der Fall ziemlich komplex ist. „Das könnt ihr nicht wissen“, sagt er aufmunternd zu den Studenten. Er nennt der Frau unterstützende Stellen, rät zu einer Einigung mit dem Geldinstitut und weist sie auf die Eil-Bedürftigkeit ihrer Wohnsituation hin. Der Frau fällt sichtlich ein Stein vom Herzen.

Anderen Menschen zu helfen und „ein bisschen aus dem Elfenbeinturm der Uni herauskommen“, waren für Simon Steinhof Gründe, die Initiative 2011 mit ins Leben zu rufen. In Deutschland sei dieses Projekt noch relativ neu und werde gut angenommen, erklärt Steinhof. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 30 Termine mit mehr als 100 Beratungen, Tendenz steigend. „Teilweise haben wir auf der Straße weiter beraten“, erzählt Weissenborn, wenn der Ansturm sehr groß gewesen sei. Bei den meisten Fällen gehe es um sozial- oder mietrechtliche Angelegenheiten, Trunkenheit oder Handyverträge.

Allerdings nicht beim nächsten Fall, der auf Wunsch des Mandanten anonym behandelt werden soll. Es geht um einen schweren Straftatbestand, der das gesamte Beratungsteam schlucken lässt. Die Gesichter der Studenten werden im Verlauf des Gesprächs immer angespannter. Etwas hilflos blättern sie in den Nachschlagewerken, die vor ihnen aufgebaut sind, und der Rechtsanwalt unterstützt mit kurzen Regieanweisungen. „Ich bin geschockt“, sagt die Jurastudentin nach dem Gespräch. „Man muss neutral bleiben, runterschlucken und nach einer Lösung suchen“, sagt Ishaqzay. Fast erleichtert beraten sie ihren dritten Fall: Ein Student, der als Mieter Probleme mit seiner Hausverwaltung hat.

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