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Wochenendkolumne von Markus Scharf

Frostige Familienplanung Wochenendkolumne von Markus Scharf

Bin noch ganz aufgeregt. Habe in dieser Woche ein neues Wort gelernt. „Social Freezing“ – soziales Einfrieren. Musste im ersten Moment an diesen Film mit Mel Gibson denken. Der, wo er sich aus Liebe zu seiner ins Koma gefallenen Freundin einfrieren lässt (kurz nachgeschlagen: Forever Young, 1992).

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Markus Scharf

Ein ganz großer „Social Freezer“, der Mel. Gut, er wurde dann erst einmal 50 Jahre lang vergessen und nur durch Zufall wiedergefunden. Aber die Idee war schon sehr sozial.

Apropos Freezer. Ich muss gestehen, ich persönlich habe ein sehr inniges Verhältnis zu unserer Kühl-Gefrier-Kombination. Kühli, wie ich ihn manchmal liebevoll nenne, ist so etwas wie das soziale Bindeglied zwischen der Weißen Ware unseres Haushalts und meiner Familie.

Für die Kinder durchaus so etwas wie der Ernährer im Haus. Ich überlasse ihm die Rolle, auch wenn ich tief in mir durchaus die Bedenken des Essener Folkrock-Literaten Stefan Stoppok teile, der in seiner Ode an den Kühlschrank bezweifelt, ob das Licht auch wirklich ausgeht, wenn man die Tür zuhaut. Aber das nur am Rande.

Familienplanung auf Eis

Nun kommen also Apple und Co. und ermöglichen ihren Mitarbeiterinnen, die Familienplanung doch erst einmal auf Eis zu legen. Zumindest so lange, bis der potenzielle Nachwuchs der Karriereplanung und der Beteiligung am Wertschöpfungsprozess nicht mehr im Wege steht.

Frau soll ihre Eier also in den Kühlschrank legen können, bis sie gebraucht werden. (Kurze Notiz an mich: Gerade grandiose Geschäftsidee gehabt. Unbedingt Nachbarn fragen, ob er mir ein paar seiner Hühner für eine analoge Testreihe zur Verfügung stellt.)

Apple macht nun also aus dem guten alten Kühlschrank kurzerhand einen iSchrank, nennt das „Social Freezing“ und übernimmt für dieses „familien-freundliche“ Projekt auch noch die Kosten. Dass sich gerade dieser Konzern damit hervortut, ist sicher kein Zufall.

Schließlich fing die ganze Misere mit der Erkenntnis damals bei Adam und Eva ja auch mit einem Apfel an. Und mein Bio-Lehrer hat mir mal erklärt, ein Apfel sei die beste Verhütungsmethode (als Vielfach-Vater weiß ich heute, dass das nur sehr bedingt stimmen kann).

Zeitsprung

Ob nun zukünftig die amerikanisch-kapitalistisch frostige Familienplanung erfolgreicher ist als die deutsche staatliche Fortpflanzungsförderung, wird sich zeigen. Ganz ohne staatliches Zutun liegt die USA-Familie mit 2,01 Kindern derzeit zumindest deutlich vor dem deutschen 1,36-Durchschnitt.

Und vielleicht muss Frau Familienministerin Schwesig darüber nachdenken, ob sie ihr derzeitiges Instrumentarium von bezahltem Mutterschutz, Kindergeld, Elterngeld, etc. nicht langfristig um den ein oder anderen Kühlschrank erweitern muss.

Es kann einem allerdings schon ein wenig kalt den Rücken herunterlaufen, wenn man überlegt, wie es um die eigene Existenz bestellt wäre, hätten Oma, Opa, Mama oder Papa das „Social Freezing“ schon gekannt. Vielleicht hätten wir (zumindest als biologische Eventualität) wie einst Mel Gibson für fünf Jahrzehnte vergessen in irgendeinem Regal gelegen.

Ich hätte die 70er- und 80er-Jahre verpasst, vielleicht diesen Film gar nicht gesehen. Worüber hätte ich dann heute wohl geschrieben? Moment mal, ich bin noch nicht 50. Und damit noch gar nicht hier. Dann habe ich also von diesem „Social Freezing“ noch nie etwas gehört und diesen Text auch nicht geschrieben.

Dann mussten Sie sich soeben auch nicht hindurchquälen. Das verschafft Ihnen bei der weiteren Lektüre der Zeitung ein Zeitvorsprung. Ich wünsche ein schönes Wochenende.

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