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Am Zeitschriftenregal

Wochenendkolumne Am Zeitschriftenregal

Es ist vermutlich eine Berufskrankheit. Zeitschriftenregale ziehen mich an – egal ob Tankstelle, Supermarkt, Drogerie oder Kiosk. Die papiernen Reihen müssen abgeschritten werden. Wie die meisten anderen potenziellen Leser will ich gar nicht kaufen, will nur mal gucken. Dabei ist das Vorgehen seit Jahren gleich.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Erst wird der Tageblatt-Stapel gesucht, inspiziert und – an besonders zwanghaften Tagen – ordentlich aufgefächert. Andere sortieren Bleistifte nach Größe oder treten nicht auf Fugen im Straßenpflaster, ich fächere Tageszeitungen. Anschließend schweift der Blick weiter über Sport- und Boulevardzeitschrift, vorbei an Lifestyle, TV und Klatsch, demonstrativ schnell vorbei an den glänzenden Nacktheiten hin zu den ebenfalls glänzenden Motorrädern. Hier darf Mann verweilen, ohne rot zu werden.

 

Aber auch nicht zu lange, denn der parallele Kontrollgang des mitgereisten weiblichen Nachwuchses verkündet jetzt den Fund eines dieser Werke, die so rosa glitzern, dass Männeraugen sie nicht wahrnehmen können. „Guck mal. Mit Prinzessinnen-Bausatz!“ Micky Maus und Donald haben seit unserem letzten Einkauf ebenfalls so viel erlebt, dass seither drei neue Hefte erschienen sind, die sich dem schwer Comic-süchtigen Ältesten im unteren Teil des Regals auf Augenhöhe anbiedern. „Guck mal. Mit Lupe und Fingerabdruck-Set.“ Die Macher all dieser Zeitschriften sind gut. Keine Zielgruppe, die sie nicht zumindest versuchen, mit einem eigenen Periodikum zu versorgen. Egal ob „Küstenfischer“ für Angler mit kurzen Ruten, „Monster Gardening“ für Hausfrauen mit großem Garten, „Chewing-Gun“ für den Waffennarren mit Vorliebe für Kaugummi oder „Kochen mit altem Gemüse“ für Hobbyköche mit paleo-veganem Lebensstil. Jedem sein Heftchen.

 

Und ich? Kennen Sie dieses Gefühl der Einsamkeit, wenn man offenbar durch alle Zielgruppen-Raster zu fallen scheint? All die „Fit, schlank und jung“-Hefte rufen mir schrill entgegen, dass ich weder fit noch schlank und am wenigsten jung bin. Alles aus der Rubrik „Benzingeschwängert auf zwei Reifen“ erinnert mich schmerzhaft an den dringenden Sanierungsbedarf des eigenen fahruntauglichen Oldtimers. Auch „Friede“, „Freude“ und „Eierkuchen“ – oder wie die Dinger alle heißen mögen, halten wahrlich nichts für mich bereit. Wo ist die Zeitschrift für den Fast-schon-alt-genug-für-ne-BMW-Ex-Motorradfahrer, den frustrierten Freizeit-Sportler, Beinahe-Musiker, Familienvater und Nichthobbykoch ohne Angel oder Segelschiff. Am liebsten mit beiliegenden Ohrstöpseln? Und weil die klugen Zeitschriftentitel-Erfinder natürlich auch diese Zielgruppe längst als Markt erkannt haben, liegt die Antwort darauf bereits im Regal. In Form der „Men‘s Health Dad“. Quasi eine Art gedruckte Ü-40-Party. Während das Original des US-Fitness-Magazins mit seiner deutschen Übersetzung bereits seit 20 Jahren auf den knackigen Leser abzielt, kümmert sich der Ableger jetzt um Leute wie mich, eher knackend als knackig.

 

Der Auftrag: Gib den Pfeifen da draußen endlich eine Anleitung zum Vater-sein. Lag in den 70ern noch die „Eltern“ für die gemeinsame Mama-und-Papa-Lektüre auf dem gutbürgerlichen Wohnzimmertisch, wird jetzt getrennt fortgebildet. Botschaft: Vergiss Mama. Du bist mit deinem Kind auf dich allein gestellt, inklusive voller Windel, totaler Ahnungslosigkeit, schwerer Depression und der Gewissheit, dass deine Kumpels gerade alle da draußen wilde Partys feiern. Also haben wir hier die Anleitung für Aktivitäten, die Mann mit seinem Nachwuchs machen sollte. Von Arschbombe zünden bis Zwille basteln, kündigt das Blatt an. Und das mit – Achtung! – „Nochmal Papa“-Garantie. Ich bin grundsätzlich offen für diese Art der Lebensweisheitenvermittlung. Zumal ich von Aufzucht und Pädagogik auch nach drei Versuchen noch immer wenig Ahnung habe und mich die jährlich verteilten ministerialen Flugblättern über die Probleme meiner Kinder in totale Ratlosigkeit stürzen. Kaum glaubt man, alles läuft prima, schreiben die staatliche bestellten Besorgniserreger beispielsweise, dass man die Aggressionen der gestörten Kleinen unbedingt kanalisieren müsse. Jetzt ist das kein Problem mehr. Zwille und Haftpflichtversicherung eingepackt und raus in den Park. Welcher Park es sein und in welcher Stadt er liegen sollte, verrät die „Dad“ auch gleich. Ein Ranking listet die 30 väterfreundlichsten Städte Deutschlands auf. Sieger ist Augsburg. Ich stehe am Zeitschriftenregal, die „Dad“ in der Hand und überlege. Dieses Blatt richtet sich an Männer, die eine Anleitung für Zwillen brauchen. Und es empfiehlt mir und meinen Kindern den Umzug nach Augsburg. Ich lege sie ordentlich zurück, lasse den Blick noch mal schnell über die Nackten schweifen und gehe zur Kasse. Mit Micky Maus und Prinzessinnen-Bausatz. Ein schönes Wochenende wünscht M. Scharf

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