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Verstörend

Wochenendkolumne Verstörend

Eine Woche ist es her, da brannten im Hamburg Barrikaden und Autos. G20. Die Staatschefs der mächtigsten Länder, zig Tausende friedliche Demonstranten, mehr als 20.000 Polizisten – und ein Mob, der ganze Straßenzüge zum Kriegsgebiet erklärte. Solch ein Ausmaß an Gewalt und Zerstörungswut macht Angst. Die Bilder verstören und lassen viele offene Fragen zurück.

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Wolfgang Bosbach verlässt nach einem Streit den "Maischberger"-Talk.

Quelle: Melanie Grande/WDR/dpa

Die Tage nach der Eskalation boten aber gleichermaßen verstörende Szenen, die deutlich machen, wie schwer unsere Gesellschaft an diesem Thema zu arbeiten hat. Da wäre zum Beispiel der Boulevard, der sich in einem ersten Reflex aus Wut und der vermeintlichen Gewissheit, Volkes Seele zu treffen, zur Polizei aufschwingt. Unverpixelte Bilder mit „Fahndungsaufrufen“ sind Sache der Fahnder und nicht der Medien. Es mag die Stimmung an den Stammtischen widerspiegeln, aber das geht eindeutig zu weit und schadet dem notwendigen Prozess, die richtigen Lehren aus dem Skandal von Hamburg zu ziehen.

Der Renner im Netz ist seit Donnerstag der Abgang von Wolfgang Bosbach aus einer ARD-Talkshow zum Thema G20. Und auch das wirkt verstörend. Wie kann sich ein alter CDU-Kämpe wie Bosbach mit der Erfahrung von gefühlt 1000 Talkshows ernsthaft von einer Frau wie Jutta Ditfurth dermaßen brüskiert fühlen, dass er vor laufender Kamera eine Sendung verlässt? Die Antwort lautet: gar nicht. Ditfurth war mal eine große Nummer bei den Grünen, spielt aber seit Langem keine Rolle mehr im politischen Deutschland. Der Abgang von Bosbach wirkte inszeniert, er kündigte ihn quasi Minuten vorher an und nannte als Begründung allen Ernstes Ditfurths vermeintlich beleidigende Äußerungen gegen den Hamburger Polizeihauptkommissar Joachim Lenders. Als ob sich der gebürtige Osteröder Lenders nicht selbst wehren könnte. Beim Rausstapfen aus dem Studio wirkte Bosbach wie jemand, der am liebsten seine eigene Partei gründen würde.

Und dann haben wir auch noch Wahlkampf. Das macht die Suche nach Fehlern und Schuldigen nicht einfacher. Die Reflexe der Parteien greifen, selbst in Göttingen. Die Junge Union fordert prompt, dem „Juzi“ den Geldhahn zuzudrehen, die CDU springt ihrer Jugendtruppe bei. Das kann man natürlich tun, klug ist es in der jetzigen Phase aber nicht. Die Aufarbeitung der G-20-Vorfälle hat gerade erst begonnen, es gibt noch zu viele Mutmaßungen über die Gründe für die Eskalation, da ist es ein völlig unnötiger Schritt, das Göttinger Jugendzentrum im Sog der Roten Flora zu attackieren. Und mal ehrlich: Das „Juzi“ hat schon ganz andere Zeiten erlebt als in den vergangenen drei, vier Jahren.

Die Diskussion braucht Sachlichkeit und Ehrlichkeit. Aufklärung und Konsequenzen. Aber alles in der richtigen Reihenfolge.

Ein schönes Wochenende wünscht

Ihr

Uwe Graells

Den Autor erreichen Sie unter: u.graells@goettinger-tageblatt.de

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