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Wolfgang Meyer (SPD): OB für die komplizierten Fälle

Göttingens Oberbürgermeister geht Wolfgang Meyer (SPD): OB für die komplizierten Fälle

Natürlich weiß er noch ganz genau, was er damals gedacht hat, „als dieser rote Balken im Stimmenbarometer nach oben knallte“: „Das war’s! Jetzt kann es los gehen.“ Das war vor acht Jahren. Die Göttinger hatten den Sozialdemokraten Wolfgang Meyer gerade zu ihrem neuen Oberbürgermeister (OB) gewählt.

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Göttingen. Es war der Beginn seiner dritten und wichtigsten Station an den politischen Strippen der Stadt in 33 Jahren bis heute.

Am Freitag endet seine Amtszeit, Meyer hat nicht wieder kandidiert: „Ich bin 66 Jahre, das ist ein gutes Alter, um aufzuhören.“ Bereits heute, Montag, feiert Meyer seinen Abschied mit geladenen Gästen.

Punkt. Kein Satz mehr. Das ist typisch für den Juristen und Verwaltungsfachmann mit Krawatte und Sakko in nahezu jeder Terminlage. Große und ausschweifende Reden sind nicht seine Sache. Der Analytiker mit Weitsicht und Gespür für taktisch kluge wie nachhaltige Schritte bringt seine Position (und die der Verwaltung) lieber in klaren Worten und bisweilen auch flapsig auf den Punkt.

Rückkauf der EAM

Das alles hat ihm das Image eines trockenen Juristen und Verwaltungsmenschen eingebracht – zu Unrecht, sagen die, die ihn gut kennen. Und sie wissen, dass Meyers Fähigkeit, sich mit juristischer Akribie auch in sehr komplizierte Fälle einarbeiten zu können und dann eine ungewöhnliche Lösung zu präsentieren, sein Trumpf ist.

„Sonderaufträge und Sachen, die mit irrsinnig viel Geld zu tun haben, machen mir immer am meisten Spaß“, sagt er selbst und nennt Beispiele: der komplizierte anteilige Verkauf der Stadtwerke vor ein paar Jahren oder jetzt der Rückkauf der EAM.

Über solche Themen kann er auch mal länger referieren, andere Stichworte pariert er kurz und knapp: Den jüngsten Kragenbär-Streit hält Meyer für „eine überflüssige Diskussion“. Mit den umstrittenen Laternen und Bänken in der neu gestalteten Fußgängerzone „kann ich gut leben“ (nachdem er sich im Bänke-Gezerre „irgendwann doch aktiv eingemischt hat, damit das Theater aufhörte und sofort Bänke gekauft wurden“).

Ikea hat mich geärgert

Der Göttinger Weihnachtsmarkt „hat sich prächtig entwickelt, und ich gehe da gerne hin“. Die Absage der Möbel-Kette Ikea an Göttingen vor ein paar Jahren hingegen „hat mich richtig geärgert – wir hatten alles für eine Ansiedlung vorbereitet“. Im Rückblick auf seine Amtszeit wurmt es Meyer auch, dass nicht ausreichend Bauflächen für bezahlbaren Wohnraum ausgewiesen wurden. Jetzt sind die Folgeprobleme akut.

Stolz ist der ausscheidende OB allerdings darauf, dass die Stadt durch einen strengen Sparkurs und die Entschuldungshilfe des Landes schuldenfrei ist. „Das ist die wesentliche Veränderung im Vergleich zu meinem Amtsantritt. Ich hinterlasse einen gut bestellten Etat“, bilanziert er selbst, fügt aber noch andere „beispielhafte“ Entwicklungen an: Göttingen sei beim Klimaschutz und bei der Integrationspolitik weiter als andere Städte.

Die Versorgung mit Krippen- und Kitaplätzen sei „sogar spitze“. Trotz eines Sparkurses sei in Straßen und Brücken investiert worden. Auch die Modernisierung der Fußgängerzone, den Bau der S-Arena und den Ausbau der Güterverkehrszentren listet Meyer in seiner Positiv-Bilanz auf. Und mit Blick auf 33 Jahre an den Schaltstellen der Stadtpolitik die Entwicklung der Schullandschaft.

Keine Pläne für die nächsten Wochen

Gefragt nach seinem prägendsten Erlebnis während seiner OB-Zeit fällt Meyer sofort die Mission Olympic 2009 ein, „bei der so viele Göttinger einen Tag lang in Bewegung waren“. „Das war eine echte Gemeinschaftsaktion, die richtig Spaß gemacht hat“, sagt der passionierte Radfahrer und BG-Fan.

Natürlich stand Meyer nicht nur bei dieser Aktion in vorderster Reihe. Als langjähriger Politiker, Dezernent und OB kennt ihn fast jeder. Wenn er durch die Innenstadt geht („fast jeden Samstag mit meiner Frau“) wird er oft freundlich angesprochen, aber auch beschimpft. „Das muss man als Oberbürgermeister ertragen, und ich habe das nie als Last empfunden“, sagt er. „Den typischen Göttinger“ gibt es für ihn nicht.

Die Menschen hier charakterisiert er als „anspruchsvoll, neugierig, kritisch, aber auch tolerant, manchmal nörgelnd, aber immer stolz auf ihre Stadt“. Eine Stadt, die für Meyer längst Heimatstadt ist, vor allem sein Wohnort Geismar. Pläne für die nächsten Wochen hat OB Meyer nicht: „Ich werde mir ganz bestimmt nicht gleich wieder einen Terminkalender voll machen.“  

Zur Person

Wolfgang Meyer wird am 26. April 1948 geboren, wächst in Springe auf und studiert nach dem Abitur Rechtswissenschaften in Göttingen.

Sein Referendariat absolviert er in Celle, Hildesheim, Göttingen und Hann. Münden. 1976 wird er Richter auf Probe, 1979 Straf-, Zivil- und Konkursrichter am Amtsgericht Göttingen.

Er heiratet und bekommt mit seiner Frau Annette – eine Geismaranerin – drei Kinder. „Spontan“, wie er sagt, treten Meyer und seine Frau an einem Parteistand in Geismar in die SPD ein.  

1981 wird Meyer in den Rat der Stadt gewählt, wenig später ist er Fraktionsvorsitzender der SPD.

1991 wechselt Meyer in die Verwaltung: Er wird Rechtsdezernent, ist in den Folgejahren aber auch zeitweise für die Bereiche Ordnung, Feuerwehr, Umwelt, Schule, Sport und Personal verantwortlich. 2002 wird er vorzeitig und einstimmig vom Rat für weitere acht Jahre als Dezernent verpflichtet.

2006 kandidiert Meyer für  den Posten des Oberbürgermeisters. Die Stichwahl gewinnt der SPD-Bewerber (mit Unterstützung der Grünen)  mit 68,9 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Daniel Helberg. Er löst Jürgen Danielowski (CDU) als Oberbürgermeister ab.

Nach acht Jahren endet Meyers Amtszeit. Er kandidiert nicht wieder, neuer Oberbürgermeister wird Rolf-Georg Köhler (SPD).

Scheidebiere, frische Äpfel und klare Worte

33 Jahre hat Wolfgang Meyer in Göttingen politisch mitgemischt: als Ratspolitiker, in der Verwaltung und als Oberbürgermeister (OB). Dabei haben ihn viele Menschen begleitet, als Mitarbeiter oder in der Polit-Arena. Sieben Wegbegleiter verraten, welche Begegnung mit Meyer sie nie vergessen werden:  

Merit Bekedorf

Merit Bekedorf

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Merit Bekedorf , Sekretärin des OB: „An seinem ersten Arbeitstag als neuer Oberbürgermeister legt Herr Meyer einen Papiertaschenkalender auf seinen Schreibtisch. Innerhalb kürzester Zeit ist er aber doch von den Möglichkeiten moderner Bürokommunikation überzeugt, wenn anfangs auch eher theoretisch als praktisch. Herr Meyer war ein sehr fürsorglicher ‚Chef’.  Er hat zwar über die Obst- und Gemüsestückchen meiner gesundheitsbewussten Ernährung gelächelt, aber mir im Herbst oft ungespritzte Äpfel aus seinem Garten mitgebracht.“

Detlef Johannson

Detlef Johannson

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Detlef Johannson , Pressesprecher der Stadt. „Wolfgang Meyer ist irgendwie kein Typ für Anekdoten. Weil er den bei der Arbeit unvermeidlichen und oft verständlichen Ärger ebenso im Griff hat wie alle Phasen von Euphorie, die es in acht Jahren weit häufiger gab. Weil ich ihn seit über 30 Jahren kenne, weiß ich: Das ist kein Zeichen fehlender Emotionalität, sondern ein Beleg für innere Ruhe. Der Mann ist ausgeglichen wie der städtische Haushalt, den er hinterlässt.“

Hans-Peter Suermann

Hans-Peter Suermann

Quelle:

Hans-Peter Suermann , Kämmerer der Stadt: „Ich war ganz stolz, Anfang Januar 2007 erstmals zum IHK-Neujahrsempfang  mit dem Ministerpräsidenten in Hannover eingeladen worden zu sein und beantragte beim neuen OB Wolfgang Meyer eine mehrstündige Dienstreise. Angesichts der Reisefreudigkeit seiner Dezernenten erhielt ich meinen Antrag zurück mit der Notiz: ‚Für so etwas habe ich keine Zeit!’ Den Nutzen auswärtiger Beziehungspflege für unsere Stadt hat er in den Folgejahren – so glaube ich – aber doch erkannt, spätestens seit der erfolgreichen Anbahnung des Zukunftsvertrages mit 113,5 Millionen Euro vom Land für Göttingen.“

Dietmar Kampe

Dietmar Kampe

Quelle:

Dietmar Kampe , Fahrer des Oberbürgermeisters: 1992 waren wir früh morgens mit anderen zu einer Polenreise gestartet. Als wir an der Berliner Straße vorbei kamen, sahen wir das Haus der Heilsarmee brennen. Wir waren die ersten vor Ort und Meyer war als Feuerwehrdezernent noch vor der Feuerwehr da. Und er hatte auch noch Geburtstag.“

Karl Wille

Karl Wille

Quelle:

Karl Wille , langjähriger SPD-Ratsherr und Ortsbürgermeister von Holtensen: „Die schönsten Erinnerungen an Wolfgang Meyer sind die an Jahreshauptversammlungen der Feuerwehr, wenn wir mal wieder ein Scheidebier an der Theke getrunken haben. Die spannendste ist die an eine SPD-Weihnachtsfeier in Weende. Spät erst kriegten wir mit, dass schräg gegenüber Farben-Bank lichterloh brannte. Die Feuerwehr war längst vor Ort, und Meyer dann als zuständiger Dezernent plötzlich auch, obwohl ihn niemand informiert hatte. Und noch etwas ist mir in bleibender Erinnerung. Meyer hat mal gesagt, dass sich wahre Freunde immer die Wahrheit sagen können – das haben wir immer auch getan.“

Ulrich Holefleisch

Ulrich Holefleisch

Quelle:

Ulrich Holefleisch , langjähriger Ratsherr der Grünen: „Irgendwann  drohte einem jungen Mann aus dem Balkan die Abschiebung, weil er die Schule geschwänzt hatte und auch sonst auffällig geworden war. Meyer zitierte ihn in sein Büro und las ihm erst einmal väterlich die Leviten. Dann legte er ihm eine Vereinbarung über sein künftiges Verhalten vor, die er unterschreiben sollte – natürlich mit der Mahnung, dass er sonst abgeschoben wird. Der Junge war ganz kleinlaut und ist nie wieder auffällig geworden.“

Achim Block

Achim Block

Quelle:

Achim Block , früherer CDU-Ratsherr: „Wolfgang Meyer war gegen Ende der 1980er-Jahre als Fraktionsvorsitzender der SPD mein direkter Gegner. Ich konnte bei allen politischen Gegensätzen aber immer vernünftig und verlässlich mit ihm verhandeln. Wir haben es damals gemeinsam erreicht, dass die Spitzenposten der Verwaltung im Verhältnis der Ratsmehrheiten besetzt wurden – das war ein Durchbruch.“

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