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Zahlenfehler am neuen Göttinger Denkmal

1827 statt 1837 Zahlenfehler am neuen Göttinger Denkmal

Peinlicher Fehler am Denkmal für die „Göttinger Sieben“: An der Bronzeplatte auf dem Sockel ist ein falsches Datum genannt. Das Jahr der Thronbesteigung von Ernst August I. wird mit 1827 angegeben. Es fehlt ein X. Tatsächlich wurde er 1837 König. Die Künstlerin ist irritiert, die Stifter versprechen eine Korrektur.

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Quelle: Heller

Göttingen. Mit großem Tam-Tam wurde das Denkmal vor dem Göttinger Bahnhof vergangene Woche enthüllt, nach heftigen Diskussionen im Vorfeld und erneuten Protesten auch während der Veranstaltung. Das massive Objekt setzt den berühmten sieben Wissenschaftlern, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestiert hatten, ein Denkmal. Es ist eine Kopie des Reiterdenkmals am Bahnhof Hannover, allerdings ohne Reiter und mit verändertem Text auf den Granitplatten. Alle anderen Elemente sollten nach dem Entwurf der Künstlerin eins zu eins identisch sein – auch die Inschriften einer oben aufgesetzten Platte. Auf dem Original ist vermerkt, dass Ernst August im Jahr MDCCCXXXVII König wurde, in Göttingen aber fehlt ein X.

 
Der Sockel ist eine Schenkung mehrerer Kunstförderer an die Stadt Göttingen. Offiziell trat für sie die Stiftung Niedersachsen auf. „Tatsächlich ist bei der Fertigung irgendwie ein X verlorengegangen“, bestätigte am Montag Matthias Dreyer, Leiter des Künstlerhauses der Stiftung. Wo das zwischen Datenerfassung am Original, Gussformherstellung und Gießerei passiert ist, sei noch unklar. „Wir werden den Fehler aber so schnell wie möglich korrigieren lassen“, sagte Dreyer, „wir werden ihn aus-x-en“. Er gehe davon aus, dass dafür nur ein Segment der Platte herausgetrennt und ersetzt werden müsse. Wer die Kosten trage, sei noch offen.

Ernst-August-Denkmal in Hannover

Quelle: Philipp von Ditfurth

 
Die Künstlerin des Denkmals, Christiane Möbus, reagierte auf die Nachricht irritiert und erkennbar frustriert: „Was soll ich dazu sagen? Wenn das Denkmal schon falsch ist, was soll dann nicht noch alles falsch sein“, fügte sie in Anspielung an die massive Kritik an ihrem Werk an. Und: „Dann muss man halt ein X dazumalen.“ Sie sei bisher davon ausgegangen, dass die Inschrift von ihren Mitarbeitern eins zu eins übernommen worden sei. „Man kann natürlich auch Fehler machen, nicht mal der Papst macht keine Fehler.“ Bei der Endabnahme der Platte ist der Fehler nach den Angaben von Möbus nicht aufgefallen.

 
„In jedem Fall muss der Fehler behoben werden“, fordert Göttingens Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD), „alles andere wäre sinnentstellend.“ Die exakte Replik des Hannoverschen Sockels sei ein entscheidendes Element der künstlerischen Botschaft.

 
Den Fehler bemerkt hatte am Wochenende der Göttinger Architekt Jan Stubenitzky. Der promovierte Bausachverständige befasst sich schwerpunktmäßig mit Denkmalpflege. Die falsche Jahreszahl sei ihm selbst auch erst beim genauen Blick auf Fotos und in einem Tageblatt-Video von der Montage der Platte auf der GT-Onlineseite aufgefallen.

 

Kommentar: Unwürdige Provinzposse

Welch großartige Blamage. Welch herrliches Scheitern. Nun wird der "Sockel" doch noch zum endgültigen Dokument Göttinger Satirefähigkeit.

 

Unbemerkt von Fachleuten und Kritikern, von Urhebern, Schenkenden und Beschenkten, auch von Journalisten und Besserwissern hat ein zum Niederknien komischer Fehler auf dem Klotz Platz gefunden. Demzufolge müssten erhebliche Teile der britischen und hannoverschen Geschichte neu bewertetet werden. Die schwierigste Aufgabe scheint im ersten Moment zu sein, sich jeden faden Kalauer zu verkneifen, der mit Macht nach Veröffentlichung strebt.

 

Ein simples "X" fehlt in der Inschrift, und die Künstlerin antwortet leichthin, dass ja sogar der Papst Fehler mache. Christiane Möbus mangelt es bestimmt an vielem, ganz gewiss aber nicht an Selbstbewusstsein. Der König von Hannover ist sicher eine zu vernachlässigende Größe, zumindest dann, wenn man sich an den "Göttinger Sieben" und dem Bischof von Rom misst. Das stört doch keinen großen Geist. Allerdings erinnert das Ganze eher an Karlsson vom Dach als an Kunst. Tatsächlich offenbaren sich in dieser verblüffend simplen Möbus-Aussage ein Mikrokosmos an Grundannahmen der Künstlerin, der mit dem Attribut atemberaubend nur unzulänglich beschrieben ist, und das komplette Dilemma der Stadt Göttingen. Es ist nämlich ein Denkmal für die "Göttinger Sieben", das in Göttingen steht. Niemand wird diesen geschliffenen Steinbruch als "Möbus-Klotz" in Erinnerung behalten. Es muss deshalb im Interesse von Rat und Verwaltung sein, einen Weg zu finden, mit diesem PR-Debakel und Kunst-GAU umzugehen, ohne auch nur das geringste Maß an Krämerseelenmentalität und Kleingeistigkeit an den Tag zu legen. Dasselbe gilt für die Stiftung Niedersachsen. Diese hat in dieser Aufführung, die behende zwischen niedrigklassigem Volkstheater und simplem Laienspiel irrlichtert, den Mittler gegeben, um Stiftern und Geldgebern Gelegenheit zu geben, im Hintergrund zu bleiben.

 

Im Übrigen lehrt das alles eines: Nicht nur in der "großen Politik" ist kritischer Geist gefragt, auch in Debatten um Kunst und Künstler. Es spielt keine Rolle, wie oft frühere hannoversche Museumsdirektoren, amerikanische Kunsthistoriker oder gar eine ganze Stiftung wiederholen, welch großartige Künstlerin Christiane Möbus ist. Sie ist es nicht.

 

Welch unwürdige Provinzposse.

 

Christoph Oppermann

E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @tooppermann

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