Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Zentralrat der Juden wird 65 Jahre alt

Thema des Tages Zentralrat der Juden wird 65 Jahre alt

Vor 65 Jahren wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Welche Bedeutung hat die Organisation für das jüdische Leben in Deutschland? Religionsvertreter aus der Region sagen, warum ihnen das Gremium wichtig ist.

Voriger Artikel
Studentenwerk Göttingen installiert 7500 Anlagen
Nächster Artikel
Ausschuss diskutiert über Mündener Kinderbetreuung

Delegierte in der Ratsversammlung des Zentralrates der Juden: Jacqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Seit vier Jahren ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen, Jacqueline Jürgenliemk, Delegierte in der Ratsversammlung des Zentralrates. Für sie spielt die Organisation, die ihren Hauptsitz in Berlin hat, eine wichtige Rolle als politische Vertretung. Der Zentralrat lege den Finger immer deutlich in die Wunde, wenn es in Deutschland zu antisemitischen Übergriffen komme.

 
In solchen Fällen reagiere der Zentralrat schnell und konsequent und fordere auch immer wieder die Bundesregierung auf, Stellung zu beziehen. Im vergangenen Jahr organisierte der Zentralrat die zentrale Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass“ in Berlin und gab anschließend auch eine Dokumentation dazu heraus. Achim Doerfer, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, bedauert allerdings ein wenig, dass der Impuls für die Kundgebung vom Zentralrat kommen musste. Das hätte eigentlich eine Sache der Mehrheitsgesellschaft sein müssen, meint er.

 
Auch bei der Beschneidungsdebatte habe die Organisation schnell gegen ein mögliches Verbot interveniert, ergänzt Jürgenliemk. Außerdem betone der Zentralrat immer wieder die besondere Beziehung zu Israel und fordere die Bundesregierung zu entsprechenden Stellungnahmen auf. Dabei gehe es um das grundsätzliche Bekenntnis zum Land Israel, aber nicht um die konkrete Politik des Landes, über die man durchaus diskutieren könne, erklärt Jürgenliemk.
Der Zentralrat gebe zudem jährlich ein Kulturprogramm mit Veranstaltungen heraus, die von den Gemeinden zu günstigen Bedingungen gebucht werden können. Die Organisation habe sich darüber hinaus in den vergangenen Jahren zu den liberalen Gemeinden hin geöffnet, so Jürgenliemk, deren Gemeinde liberal ausgerichtet ist. Die liberalen Gemeinden hätten lange für diese Anerkennung gekämpft. Die Ratsversammlung, die mindestens einmal jährlich tagt, beschließt zudem über den Haushalt des Zentralrates und wählt einen Teil des Präsidiums, das die Geschäfte des Zentralrats führt. Die Jüdische Gemeinde Göttingen mit ihren knapp 150 Mitgliedern gehört zum liberal ausgerichteten Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen. Der entsende per Wahl zwei Mitglieder in die Ratsversammlung, erklärt Jürgenliemk. Neben ihr sei dort Ingrid Wettberg, die Vorsitzende der rund 700 Mitglieder starken Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, vertreten.

 

„Stimme der Jüdinnen und Juden“

 

Heiner J. Willen, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Göttingen, würdigt den Zentralrat der Juden als „die Stimme der Jüdinnen und Juden in Deutschland, sowohl in der Öffentlichkeit, als auch gegenüber der Politik und Verwaltung. Wir als Göttinger Gesellschaft sind dankbar dafür, dass durch den Zentralrat die Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land verlässlich sich Gehör verschaffen mit ihren Problemen und Sorgen, aber auch mit ihren Erfolgen.“ So sei gewährleistet, dass – trotz ihrer kleinen Mitgliederzahl – die jüdischen Gemeinden nicht im Stimmwirrwarr Deutschlands untergingen.

 
Die Gesellschaft sei auch dankbar dafür, dass der Zentralrat in den 90er-Jahren den Weg dafür freigemacht habe, dass neben den traditionellen – orthodox geprägten – Einheitsgemeinden auch jüdische Gemeinden liberaler und konservativer Prägung hätten entstehen und integriert werden können. Dies sei der richtige Weg gewesen, einer drohenden Zersplitterung entgegen zu wirken und weiterhin mit einer Stimme sprechen zu können.

 
Auf Deutschlandebene gebe es eine regelmäßige und gute Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat der Juden einerseits und der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken andererseits. „Wir als christlich-jüdische Gesellschaft in Göttingen begrüßen es ausdrücklich, dass diese Zusammenarbeit auch auf der Ortsebene das Gespräch zwischen Juden und Christen fördert und uns Christen aufruft, unsere Vergangenheit nicht zu vergessen“, erklärt Willen: „Wir werden auch in Zukunft der Opfer der nationalsozialistischen Untaten gedenken. Wir werden uns weiter bemühen, die reichen Schätze jüdischen Lebens, Glaubens und Denkens zu vermitteln. Wir werden eintreten für den Staat Israel und die friedliche Gestaltung der jüdisch-arabischen Beziehungen. Und wir wollen nicht zulassen, dass Rassenhass, nationale Überheblichkeit und politisch-religiöser Fanatismus den Frieden gefährden.“ bar

 

„Unser Gesicht nach außen“

 

Evelyn Tichauer Moritz, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen, sieht den Zentralrat als „unser Gesicht nach außen in politischen Fragen“. Die konservativ ausgerichtete Kultusgemeinde mit rund 60 Mitgliedern ist über einen anderen Landesverband Mitglied im Zentralrat der Juden als die liberale Jüdische Gemeinde in Göttingen. Die Kultusgemeinde gehört dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen an.
Im religiösen Bereich werden die Gemeinden laut Tichauer Moritz entweder von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz oder von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz betreut, die vom Zentralrat finanziell unterstützt werden. Für die konservativ ausgerichtete Kultusgemeinde sei die Allgemeine Rabbinerkonferenz zuständig.

 
Der Zentralrat habe Institutionen wie den Zentralen Wohlfahrtsverband der Juden, der die Integration von Zuwanderern in den Gemeinden unterstütze, sich um Menschen mit Behinderungen kümmere und Fortbildungsangebote mache. Der Kultusgemeinde sei eine Zugehörigkeit zum Zentralrat immer wichtig gewesen: „Diese Vertretung nach außen und Unterstützung nach innen erlaubt uns eine kontinuierliche Arbeit auf fester Grundlage.“ bar

 

Geschichte des Zentralrates

 

Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Nach der Judenvernichtung während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft zeigte die Schaffung des Gremiums deutlich, dass es noch immer jüdisches Leben in Deutschland gab.

 
Zum Zeitpunkt der Gründung lebten laut Zentralrat noch etwa 15 000 Jüdinnen und Juden in Deutschland. Heute seien unter dem Dach des Zentralrats 23 Landesverbände mit 108 jüdischen Gemeinden und rund 100 500 Mitgliedern organisiert. Das religiöse Spektrum sei weit gefächert. Es reiche von streng orthodoxen über Reform- und konservative bis hin zu liberalen Gemeinden. Der Hauptsitz des Gremiums befindet sich seit 1999 in Berlin.

 
Als seine Aufgaben sieht der Zentralrat, die religiösen und kulturellen Aufgaben der jüdischen Gemeinden zu fördern und die politischen Interessen der jüdischen Gemeinschaft zu vertreten. In den Anfangsjahren sei eine Hauptaufgabe gewesen, Gesetze zur Entschädigung für NS-Opfer durch die Bundesregierung durchzusetzen. Heute sei ein Schwerpunkt, die Integration von jüdischen Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen. Darüber hinaus setze sich der Zentralrat intensiv für die gegenseitige Verständigung von Juden und Nichtjuden ein. Für die Erfüllung seiner Aufgaben erhält die Organisation von der Bundesrepublik jährlich einen Zuschuss in Höhe von zehn Millionen Euro.

 
Der Zentralrat gibt die Wochenzeitung Jüdische Allgemeine heraus. Präsident des Zentralrates und Vizepräsident des World Jewish Congress ist seit 2014 Dr. Josef Schuster. Schuster wurde 1954 in Haifa in Israel geboren. 1956 kehrten seine Eltern mit ihm in die Heimat des Vaters nach Unterfranken zurück. Schuster studierte in Würzburg Medizin und ließ sich 1988 als Internist mit einer eigenen Praxis in Würzburg nieder, wo er seit 1998 Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken ist. Der Zentralrat bilde das Dach, die Gemeinden bildeten das Fundament, so formulierte es Schuster kürzlich in der Jüdischen Allgemeinen. Frühere Präsidenten der Organisation waren unter anderem Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel.

 
Mit der Union progressiver Juden in Deutschland gibt es seit 1997 einen weiteren Dachverband jüdischer Gemeinden. Er vertritt nach eigenen Angaben 25 Gemeinden und drei jüdische Organisationen mit etwa 5000 Mitgliedern. Die Jüdische Gemeinde Göttingen ist auch Mitglied der Union. bar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016