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Zirkusse mit Wildtieren: Proteste in jeder zweiten Stadt

Tiger, Elefanten und Co. Zirkusse mit Wildtieren: Proteste in jeder zweiten Stadt

Noch bis Mittwoch gastiert der Zirkus Charles Knie auf dem Göttinger Schützenplatz. Knie ist neben dem Zirkus Krone einer der ganz wenigen großen deutschen Zirkusse, die mit Wildtieren arbeiten. Tiger, Elefanten und Co. in der Manege: Für die Besucher sind sie eine der Hauptattraktionen, bei Tierschützern stößt das Programm auf Kritik. In jeder zweiten Stadt, in der Zirkus Knie gastiert, sehen sich die knapp 100 Mitarbeiter mit Protesten konfrontiert.

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Elefanten bei der Arbeit: Im Zirkus Charles Knie gehören sie zum Programm, Tierschüzer kritisieren das.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Jeder Zirkus, der in Stadt und Landkreis gastiert, wird von den Mitarbeitern des Veterinäramtes kontrolliert. Auch Zirkus Charles Knie. „Der Zirkus wurde am Freitag Vormittag kontrolliert. Die Tierhaltung ist vorbildlich“, so der Leiter des Veterinäramtes, Dr. Bernd Sieslack, im Anschluss an die Kontrolle zusammen.

„Zirkusse werden grundsätzlich und routinemäßig vom Veterinäramt überprüft“, so Ulrich Lottmann, Pressesprecher der Landkreisverwaltung.  Dazu gehöre eine Sichtung von Unterlagen, die Haltung, Versorgung und Behandlung der Tiere dokumentieren. „Beispielsweise sind die Größe von Käfigen, Auslauf, Futter und Impfungen in den Unterlagen festzuhalten.“ Bei dem Ortstermin wurden diese Angaben kontrolliert und der Zustand der Tiere untersucht. Dabei, so Lottmann, gehe es um den Gesundheits- und Pflegezustand der Tiere, die Futtervorräte oder das Einstreumaterial.“

Werden bei einer solchen Kontrolle durch das Veterinäramt des Landkreises Mängel festgestellt, ordnet das Veterinäramt die Beseitigung der Mängel an. „Dies ist in den vergangenen Jahren bei anderen Zirkussen schon das eine oder andere Mal vorgekommen“, so Lottmann. Bei der Nachkontrolle seien die  Mängel stets beseitigt gewesen.

Die Kritiker

„Wildtiere gehören nicht in den Zirkus“: Da sind sich Leonie Seegert und Robert Körner einig. Die beiden 18-Jährigen haben gemeinsam mit ihrem Freund Michael Tsopanopoulos (19) eine Aktion ins Leben gerufen: Eine Mahnwache vor dem Zirkus Charles Knie. Rund 90 Tierschützer sind ihrem Aufruf am Montag Abend gefolgt und haben vor dem Zirkuszelt auf dem Göttinger Schützenplatz protestiert.

„Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, sagt Seegert. Die drei Aktivisten kennen sich aus der Schule, im vergangenen Jahr haben sie Abitur gemacht. Eines haben sie auf jeden Fall gemeinsam: Ein Herz für den Tierschutz. „Ich bin Veganerin, Robert und Michael sind Vegetarier“, so die 18-Jährige. Alle drei absolvieren zur Zeit ein freiwilliges soziales Jahr. Dennoch engagieren sie sich für ihr Anliegen. Vor allem über Facebook haben sie viel über Zirkustierhaltung aber auch über andere Tierschutzprojekte erfahren, lange darüber diskutiert. „Als dann klar war, dass der Zirkus hier in Göttingen gastiert, haben wir uns überlegt, dass wir etwas machen wollen“, sagt Körner.

Also organisierten die drei jungen Leute Flyer, Plakate, riefen eine Facebook-Veranstaltung ins Leben. Mehr als 100 Personen hatten dort ihre Teilnahme an der Mahnwache zugesagt. „Es kommen aber auch Freunde, die dort nicht aktiv sind“, so Körner.

„Ein Zirkus ist wirklich eine schöne Unterhaltung, aber bitte nicht mit Wildtieren“, so Tsopanopoulos auf der Facebookseite.  Die drei Tierschützer haben sich am Freitag im Zirkus umgesehen. „Den Tieren wird der natürliche Lebensraum genommen“, sagt Seegert. Raubtiere im Käfig, Zebras auf dem Schützenplatz oder Seelöwen in einem Pool, das sei „widernatürlich“.

Die Forderung der drei Tierschützer fokussiert sich deshalb auf  einen Verzicht von Wildtieren im Zirkus. Zudem müsse man auf die Methoden schauen, mit denen die Tiere zu den Kunststücken gebracht werden. „Ein Elefant, der Handstand macht, wird sicherlich nicht nur mit Leckerli dazu gebracht“, meint Körner. Bei Pferden, Hunden oder anderen seit Jahrhunderten vom Menschen gehaltenen Nutztieren müsse man gucken, mit welchen Methoden sie im Zirkus dressiert werden.

Mit ihrer Mahnwache möchten die jungen Göttinger vor allem ein Zeichen setzen, „wir wollen die Menschen zum Nachdenken anregen“, sagt Körner. Die Resonanz, die sie erfahren haben, motiviert sie. Verbreitet haben sie ihr Anliegen vor allem im Netz. „Wir hätten nicht gedacht, dass das so gut läuft.“

Die Zirkusleute

Wenn Zirkus Knie mit seinen Tieren auf Gastspielreise geht, ist ihnen Gegenwind sicher. „Sei es Facebook gibt, ist es noch schlimmer geworden“, sagt Marek Jama, Chef-Tiertrainer im Zirkus Knie. Tierschützern ist sein Beruf ein Dorn im Auge. „Das geschieht aus Unwissenheit“, ist sich der 39-Jährige sicher. Denn: „Viele dieser Leute haben doch keine Ahnung, wie eine Tierdressur wirklich funktioniert“. Mit Gewalt und Schlägen bringe man kein Tier auf Dauer dazu, in der Manege zu zeigen, was es zeigen soll. Und Jama räumt noch ein anderes, in der Tierschützerszene weit verbreitetes Vorurteil vom Tisch: „Es gibt keine in freier Wildbahn gefangenen Tiere im Zirkus, sie stammen alle aus Nachzuchten“.
Für eine gelungene Tiernummer, so Jama weiter, brauche man sehr viel Zeit und noch mehr Geduld. „Wir zeigen, was die Tiere können“. Und dafür brauche es manchmal Jahre.

Patrick Adolph, Pressesprecher des Zirkus‘, räumt aber ein, dass es noch in den 70er und 80er Jahren mit dem Tierschutz in vielen Unternehmen nicht sehr weit her war. Damals seien Tiere noch in viel zu kleinen Käfigen gehalten worden. „Ich bin im Zirkus aufgewachsen“, sagt er. Auch Jama erinnert sich daran, wie er als Kind in einem Zirkus einen Elefanten in einem viel zu kleinen Wagen leiden gesehen hat. „Der tat mir unglaublich leid“, sagt er. Heute gibt es strenge Auflagen. „Wir sind vermutlich eine der best kontrolliertesten Branchen überhaupt“, sagt Adolph.

Aber müssen es denn die viel kritisierten Wildtiere sein? „Ja, diese Tiere gehören zu unserem Konzept“, sagt Adolph. „Neben dem Zirkus Krone sind wir der einzige große Zirkus in Deutschland, die mit solchen Tieren arbeitet.“ Pferde werden als Sporttiere genutzt, Hunde als Diensthunde: „Alle Lebewesen müssen sich in ihrem Leben anstrengen, auch in freier Wildbahn“, sagt Jama. Nichts anderes machten seine Tiere in der Manege.

„Jeder kann ja seine Meinung dazu haben“, sagt Adolph. Irgendwo sei aber auch mal Schluss. „Unsere Plakate werden abgerissen, überklebt, zerstört, das sind Schäden für viele tausend Euro“, sagt er. Auch in Göttingen sei das geschehen. Schlimmer noch ist es, wenn Tierschützer nicht nur friedlich demonstrieren. Bei einem Gastspiel seinen sie während der Vorstellung in die Manege gestürmt. Artisten seinen verletzt worden. Dennoch:  Tierschützer hätten auch viel Gutes bewirkt, der Tierschutz habe heute einen hohen Stellenwert. „Mein Wagen steht manchmal so eng, dass ich meinen  Nachbarn fast in die Suppe falle“. Und das, damit die Tiere mehr Platz haben.

Anzeige nach Mahnwache

Göttingen. Rund 90 Tierschützer haben am Montag Abend zunächst friedlich vor dem Zirkus Charles Knie gegen Wildtiere im Zirkus protestiert. „Wir sind mit dieser Resonanz sehr zufrieden“, sagt Leonie Seegert vom Mahnwachen-Organsisationsteam. Im Anschluss an die Mahnwache am Schützenplatz musste allerdings die Polizei einschreiten: Wie Pressprecher Joachim Lüther bestätigt, haben zwei 22 und 23 Jahre alte Demonstrantinnen sechs Plakate des Zirkus‘ abgerissen. Dabei sind sie von zwei Zirkus-Mitarbeitern beobachtet worden. Die Zirkusleute riefen die Polizei, die die Personalien aufnahm. „Wir haben Strafanzeige wegen Sachbeschädiging gestellt“, so Lüther. Zirkus-Sprecher Patrick Adolph ist sauer. Mehrere tausend Euro Schaden richten Randalierer, die die Plakate zerstören, jährlich an, sagt er. Seegert distanziert sich von den Täterinnen. „Wir wollen nur friedlich demonstrieren“, sagt sie.

Piraten: Gegen Wildtiere

Göttingen. Auch die Göttinger Piraten kritisieren die Haltung von Wildtieren im Zirkus. „In Ländern wie Schweden, Dänemark, Belgien, Österreich oder den Niederlanden ist die Haltung von Wildtieren in Zirkussen teils oder gänzlich untersagt. Dass sie bei uns immer noch erlaubt ist, ist ein Skandal“, erklärt Niels-Arne Münch von der Göttinger Piratenpartei. Ein Zirkus, der ständig unterwegs sei, könne den Tieren fast nie den nötigen Auslauf bieten, eine artgerechte Haltung sei fast immer unmöglich.

Nach Ansicht der Piraten haben sich in den zoologischen Gärten in Deutschland dagegen viel getan, so Francisco Welter-Schultes. Er kritisiert vor allem die Elefantenhaltung  „Asiatische Elefanten etwa leben hauptsächlich in Wäldern, sind von Natur aus dämmerungs- und nachtaktiv.“  Die Vorschrift, sie im Zirkusbetrieb von 23 bis 8 Uhr anzuketten, sei nicht nachvollziehbar.

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