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Zukunft der Zelle 117: Was passiert mit dem Klingebiel-Denkmal?

Thema des Tages Zukunft der Zelle 117: Was passiert mit dem Klingebiel-Denkmal?

Lange fristete sie ein Dasein im Verborgenen – in der geschlossenen Psychiatrie. Seit Kurzem ist die Göttinger Klingebielzelle mehr und mehr in das Interesse der Medien gerückt. Es war im Gespräch, das einzigartige Kunstwerk des ehemaligen Psychiatriepatienten Julius Klingebiel ins Sprengel-Museum nach Hannover zu bringen. Das zuständige Ministerium stoppte den Plan. Sicher ist: Das beeindruckende Werk soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ende des Jahres wird das die Wandmalereien  umgebende Gebäude aufgegeben. Die Was-passiert-dann-Frage kann aber zur Zeit niemand beantworten.  

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Julius Klingebiel vor seinen Wandbildern in der Zelle 117 des damals noch „Verwahrhaus“ genannten Festen Hauses auf dem Leineberg. Der Künstler starb vor 50 Jahren.

Quelle: EF

Göttingen. Sie ist beeindruckende Kunst und sie ist gleichermaßen ein Stück Göttinger Geschichte: Die Klingebielzelle im Festen Haus des Landeskrankenhauses am Leineberg. Das Feste Haus ist eine hoch gesicherte Anlage für die Unterbringung von straffälligen Psychiatriepatienten. Doch die Zukunft der Zelle ist ungewiss: „Es gibt noch keinen festen Plan, wie es weitergehen soll“, sagt Manfred Koller, ärztlicher Leiter der Asklepiosklinik  und Kenner der Zelle. Der Psychiatrie-Patient Justus Klingebiel (1904-1965) hatte die Wände seines Zimmers in den 50er-Jahren komplett bemalt, naiv und expressiv. Er fügte immer wieder Ornamente, Landschaften, Tiere (vor allem Hirsche) und Symbole zu einer flächendeckenden Wandbemalung zusammen – ein einzigartiges Kunstwerk.

Die Zelle ist Teil des alten Maßregelvollzug-Gebäudes des Landeskrankenhauses Moringen auf dem Göttinger Leineberg – und damit eine Immobilie im Besitz des Landes. Gleich in der Nähe wird zur Zeit ein neues Festes Haus gebaut. „Wenn alles wie geplant läuft, können die Patienten Ende des Jahres umziehen“, sagt Koller. Dann steht das alte Gebäude leer.

„Wir haben große Sorge, dass das Kunstwerk in einem leerstehenden Gebäude Schaden nimmt und zerfällt“, sagt Andreas Spengler. Der Professor und Klingebiel-Experte hatte ein Forschungsprojekt initiiert und im vergangenen Jahr gemeinsam mit Koller und Dirk Hesse ein Buch dazu veröffentlicht. „Wir fordern, dass dieses Kunstwerk auf Dauer den bestmöglichen Schutz erfährt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird“, sagt Spengler. Wird das Gebäude im Winter nicht geheizt, nicht vor Feuchtigkeit geschützt und nicht bewacht, befürchten die Fachleute den Zerfall. Im Sprengel-Museum könnte sie unter optimalen Bedingungen gezeigt werden.

Zelle 117 gehört dem Land

Das Haus und damit die denkmalgeschützte Zelle 117 gehören dem Land. Deshalb sieht die Kommune auch das Land in der Pflicht, sich um die Erhaltung zu kümmern. Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) ist auf jeden Fall der Meinung, dass die Klingebielzelle nach Göttingen gehört. „Das Denkmal hat einen direkten Bezug zu Göttingen, es ist auch ein Teil der Psychiatriegeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus“, so Köhler.

Die Frage sei nur, wo es den richtigen Platz findet. Wenn man die Zelle aus dem Gebäude herauslösen würde – um sie beispielsweise im Sprengelmuseum auszustellen –  nehme man ihr einen Teil dieser Geschichte. Köhler weiter: „Eine echte Lösung liegt nicht vor, es gibt aber unterschiedliche Überlegungen.“ Sein persönlicher Wunsch sei es, die Zelle an ihrem Standort zu lassen.

Das Interesse an dem beeindruckenden Werk ist groß. Kunstmagazine und TV-Sender berichten darüber. Die Eins-zu-Eins-Kopie, so Koller, ist als Ausstellungsobjekt sehr gefragt – zur Zeit wird sie im Museum Gugging in Österreich gezeigt. Für die Kopie wurden die Klingebielschen Wandmalereien digitalisiert und maßstabgenau auf ein Gewebe übertragen. Auf ein Gestell aufgezogen können diese Wände dann transportiert und ausgestellt werden.

Bald muss etwas geschehen

Auch die wissenschaftliche und biografische Aufbereitung der Zelle und des Lebens Klingebiels läuft weiter. Spengler spricht zur Zeit unter anderem mit Zeitzeugen, die Klingebiel noch kannten. „Die möchten aber nicht in der Öffentlichkeit erscheinen“, sagt der Fachmann.

Koller und Spengler sind sich einig, dass bald etwas geschehen muss. „Es ist wohl deutlich teurer, das Gebäude zu sanieren, als die Zelle dort herauszulösen“, sagt Koller. Das Gebäude wurde 1909 als „Verwahrhaus“ gebaut. Der Flur, der zur Zelle führt, ist nicht mehr mit Patienten belegt. Bei einem Brand Anfang des Jahres wurde eine benachbarte Zelle zerstört.

Vorschläge, die Zelle zu demontieren und im Sprengelmuseum in Hannover auszustellen, hat das Sozialministerium im Frühjahr zurückgezogen. Die Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) sagte, es gebe keine Zusage der Landesregierung an das Sprengel-Museum in Hannover.  „Eine Umsetzung der Zelle wäre mit enorm hohem Aufwand und entsprechenden Kosten verbunden.“ Die beste Lösung sei folglich ein Verbleib am jetzigen Ort, der dann aber einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müsste. Nur auf das Wie – darauf gibt es noch keine Antwort.

Neuer Film über Klingebiel

Das Leben und Schaffen Julius Klingebiels ist Inhalt eines Dokumentationsfilm, den der NDR am 14. Juni um 11.30 Uhr erstmals ausstrahlt. Der Sender hat auch an Originalschauplätzen – unter anderem in der Klingebiel-Zelle im Festen Haus in  Göttingen – gedreht.

Dazu wurden historisches Filmmaterial und Fakten aus Klingebiels Stationen in Hannover,  Langenhagen, Wunstorf und Göttingen zusammengetragen, Fachleute wie Spengler kommen zu Wort, Klingebiel selbst wird von Schauspieler Peter Sikorski verkörpert.

„Erst jetzt, 50 Jahre nach dem Tod des Künstlers, wird die Zelle der Öffentlichkeit bekannt, denn das Kunstwerk befindet sich in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Zum ersten Mal durfte ein Kamerateam in der Originalzelle drehen“, so  Birgit André  vom NDR.

NDR-Fimdreh: Peter Sikorski als Julius Klingebiel im Festen Haus am Leineberg. ©NDR/Bojanowski

NDR-Fimdreh: Peter Sikorski als Julius Klingebiel im Festen Haus am Leineberg. ©NDR/Bojanowski

Quelle:
 

Mehrere Ministerien beteiligt

Göttingen. Das mit dem Denkmalschutz ist so eine Sache: „Die Klingebiel-Zelle ist laut niedersächsischem Denkmalschutzgesetz ein Einzeldenkmal und liegt damit in der Zuständigkeit des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (MWK)“, so Ministeriumssprecherin Julia Gypas auf Tageblatt-Anfrage. Das Gebäude allerdings sei kein Denkmal. Das Gebäude gehöre dem Land, aktuell werde es ja noch vom Landeskrankenhaus Moringen als Festes Haus für die Unterbringung psychisch kranker Straftäter genutzt.

Wie es Ende des Jahres weitergehen soll, dazu kann auch das Ministerium derzeit keine konkrete Aussage machen. „Für den zukünftigen Umgang mit dem Denkmal und der es umgebenden Immobilie wurden unter der Leitung des MWK Gespräche mit der Stadt Göttingen, dem Sozialministerium, dem Finanzministerium, der Landesdenkmalschutzbehörde und dem Sprengelmuseum geführt“, so Gypas weiter. Das Verbleiben der Klingebiel-Zelle in Göttingen werde seitens der Stadt Göttingen und des Landes Niedersachsen unterstützt. Eine endgültige Entscheidung könne jedoch erst gefällt werden, wenn alle Optionen geprüft worden sind. Gypas: „Diese Prüfungen sind noch nicht abgeschlossen. Valide Aussagen zu künftigen Kosten und Finanzierungen sind derzeit noch nicht möglich.“

„Das Sozialministerium hat  das Feste Haus noch nicht für entbehrlich erklärt, auch wenn dies voraussichtlich im Herbst oder Winter der Fall sein wird“,  sagt Antje Tiede vom Finanzministerium in Hannover. Eine „Nachnutzungsmöglichkeit durch das Land selbst ist zurzeit aber nicht ersichtlich“, sagt sie. Bevor das Gebäude nicht aus der Verantwortung des Nutzers entlassen ist, könne die Oberfinanzdirektion auch keine konkreten Verwertungsüberlegungen anstellen.

 
Ab 1940 in Göttingen

Hannover/Göttingen. Vieles über Julius Klingebiel ist heute bekannt, vieles nicht. Er wurde 1904 geborenen, lebte in Hannover, heiratete, war Schlosser und in der Wehrmacht. Vier Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er zum Psychiatriepatienten und blieb es bis zum Ende seines Leben 1965 in Göttingen.

Nach heutigen Erkenntnissen litt Klingebiel vermutlich unter einer Psychose. Nach Klinik-Aufenthalten in Langenhagen und Wunstorf (wo er 1939 zwangssterilisiert wurde) kam er 1940 nach Göttingen. Obwohl er auf einer entsprechenden Liste stand, entkam er der Tötungsmaschinerie der Nazis, überlebte allen Vorschriften zuwider.

In Göttingen zog er 1951 in seine Zelle. Dort fertigte er, zunächst mit Kohle, später mit verschiedenen Farben, die flächendeckenden Bilder an. Neben den Zellenwänden malte er auch einige Bilder, zwölf davon sind heute noch erhalten. Klingebiels Werke zählen zur so genannten Outsider-Art, Kunst, die beispielsweise von psychisch Kranken erstellt wird.

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