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Zurück ins Leben

Mit 13 Jahren Marihuana, mit 16 Jahren Crytal Meth Zurück ins Leben

Unweit des Gänseliesels, in einem Hinterhof, befindet sich das Drogenberatungszentrum des diakonischen Werkes, kurz „Drobz“. Dort wird Drogenabhängigen geholfen. Eine von ihnen erzählt ihre Geschichte.

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Erst Marihuana, dann wurde Crystal Meth zur Hauptdroge

Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Die junge Frau, die anonym bleiben möchte, sitzt im ersten Stock, im Büro des „Drobz“. Das erste Mal habe sie Drogen mit 13 Jahren konsumiert. Nach einem Streit mit ihrem Stiefvater sei sie wutentbrannt zu ihrem 18-Jährigen „besten Kumpel“ gegangen. Dass seine Freunde dort immer in der Ecke saßen und kifften, hatte sie nie gestört. „Eigentlich bin ich dort immer nur zum Musik machen hingegangen“, erzählt sie. An diesem Tag habe sie einem Freund ihres Kumpels „die Tüte einfach aus der Hand gerissen“. Es war ihr erster Zug Marihuana, und es war der Anfang ihrer Drogensucht.

„Es wurde zur Gewohnheit“, sagt die heute 26-Jährige. Am Anfang sei es ein Schrei nach Aufmerksamkeit gewesen, in ihrer Familie stand sie stets im Schatten ihrer drei Brüder. „Der eine leitet eine Firma, der zweite ist bei der Marine und der dritte war auf einem Sportgymnasium“, erzählt die Thüringerin. Sie selbst habe immer zur Freiwilligen Feuerwehr gewollt. Stattdessen rutschte sie ab. „Meine Eltern hat es nicht interessiert, was ich machte oder wie es mir ging.“ Auf das Marihuana folgten im Alter von 16 Jahren Pilze, LSD, Speed und Crystal Meth.

„Es gibt gewisse Partys, an die ich mich noch erinnern kann“, sagt sie, „ansonsten ist alles weg.“ Crystal Meth wurde zu ihrer Hauptdroge. Oft habe sie damals gedacht: „Wenn mir jetzt keiner mehr hilft, brauche ich nicht mehr da zu sein.“

Elf Monate „clean“

Dann wurde sie schwanger. Es war der Moment, an dem die damals 19-Jährige einsah, „dass es so nicht weitergehen konnte.“ „Da habe ich zum ersten Mal den Schritt alleine rausgeschafft“, erzählt die zweifache Mutter. Nach der Geburt war sie noch elf Monate „clean“, danach floh sie in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ aus der Wohnung, die sie mit dem Vater ihrer Tochter geteilt hatte. Ihr Partner sei hochgradig eifersüchtig gewesen und habe sie versucht zu kontrollieren. „Ich hatte keine freie Zeit mehr für mich“, erzählt sie.

Als Notlösung zog sie, trotz des schwierigen Verhältnisses, wieder zu ihren Eltern. Die Situation machte ihr zu schaffen, und „ein bisschen Speed kann ja nicht schaden“, dachte sie. Das Speed führte sie zurück zum Crystal Meth. Ihre Eltern übernahmen letztlich die Obhut für ihr Kind und setzten sie vor die Tür. Nach einer Woche auf der Straße suchte sie Hilfe beim Jugendamt und begann kurz darauf eine Entzugstherapie. Sie war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt, die Therapie dauerte ein halbes Jahr. „In mein altes Umfeld konnte ich danach nicht wieder zurück“, sagt sie.

Die Thüringerin entschied sich für ein dreimonatiges Adaptionsverfahren in Göttingen, bei dem das eigenständige Wohnen unter therapeutischer Begleitung trainiert wurde. Seit drei Jahren und vier Monaten ist sie „clean“. Mit ihren Erlebnissen möchte sie zukünftig als Sozialpädagogin ein warnendes Beispiel sein. Kinder und Jugendliche „sollen die Finger von Drogen lassen“, sagt sie und meint: „Die Leute machen sich jeden Weg kaputt.“

Von Yannick Höppner

Drogenberatungszentrum Drobz

Das Drogenberatungszentrum Göttingen „Drobz“ ist eine diakonische Einrichtung, die suchtbegleitend arbeitet. „Wir werden gut gefunden“, sagt Mitarbeiterin Corinna Hilker. „Primär kommen die Leute, weil sie Hunger haben, duschen oder Spritzen tauschen wollen“, berichtet Hilker. Im ersten Stock des „Drobz“ befindet sich der Kontaktladen. Dort werden Frühstück, Mittagessen und die Sozialberatung angeboten. „Für viele führt der einzige Gang nach draußen hierher“, sagt Hilker. Die Arbeit funktioniere klientenorientiert. Wer den Wunsch nach einer Therapie äußert, wird in das zweite Obergeschoss weitergeleitet. Vier Therapeuten arbeiten dort, zwei für die Aufgabenbereiche der Drogenberatung und ambulanten Therapie und zwei in der psychosozialen Begleitung Substituierter.

Bei Substituierten handelt es sich um Personen, deren Abhängigkeit von Opioiden, meist Heroin, behandelt wird. Der Erfolg einer Therapie hänge „absolut von der Motivation des Einzelnen ab“, sagt Hilker. Problematisch sei vor allem die Rückkehr in das konsumierende Umfeld nach der Therapie. „Wohnungen außerhalb von Szene-Treffpunkten wären wichtig“, findet die Mitarbeiterin. Sie meint, dass „deutlich mehr Geld für Prävention locker gemacht werden müsste.“ Ein Drogenkonsumraum, in dem Abhängigen gestattet wird, unter Aufsicht eines Rettungsassistenten zu konsumieren, fände sie hilfreich. „Damit die Leute nicht sterben“, sagt Hilker. yah

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