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Zwei Flaschen Schnaps gegen ein Reh tauschen

Reinhard Lindner feiert 100. Geburtstag Zwei Flaschen Schnaps gegen ein Reh tauschen

Es waren andere Zeiten, als Reinhard Lindner noch als Telegraph gearbeitet hat. Er erzählt von großen Hallen in den Fernsprechämtern: In engen Reihen standen dort Hebdrehwähler, die klickend zwei Telefonleitungen miteinander verbunden haben.

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Geboren am 7. August 1910: Reinhard Lindner wird heute 100 Jahre alt.

Quelle: Hinzmann

Es roch nach Öl, und wenn man in seinem Job gut war, konnte man schon an den Geräuschen der Mechanik hören, ob es Leitungsprobleme gab. Lindner war gut. Er war damals 22 Jahre alt, im Jahr 1932 und arbeitete in Zwickau. Heute feiert er seinen 100. Geburtstag.

Fernsprechämter gibt es inzwischen lange nicht mehr, nicht in Zwickau, nicht Reichenbach oder Plauen und auch nicht in Göttingen, das waren seine großen Stationen im Leben. 1975 ging er in Rente, als technischer Fernmeldebetriebsinspektor. Auf den Zusatz „technisch“ legt er großen Wert: Denn als Techniker versteht er sich.

Geboren bei Dresden wuchs er bei seiner Mutter auf. Der Vater war 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen, da war Lindner gerade vier Jahre alt. „Ich habe keine Probleme damit, alleine zu sein“, sagt er. Heute nicht und früher auch nicht, als seine Mutter arbeiten gehen musste und er alleine zu Hause saß, oder später, als seine Frau nach 46 Jahren Ehe nach einem Sturz starb.

In Chemnitz begann er seine Lehre bei der Reichspost: Telegraphenmasten aufstellen, Telefone einbauen, später kam er bei Reichenbach im Vogtland in einen Bautrupp in dem Ort, in dem auch seine Mutter gelebt hat. Eine ziemliche Schufterei, sagt er.
Den Techniker würde man ihm sofort abnehmen, aber den Bauarbeiter? Man kann sich das nicht so recht vorstellen. Lindner ist ein kleiner Mann mit schneeweißem, schütterem Haar. Seine Augen machen ihm zwar etwas Probleme, aber ansonsten ist er fit. Auf alten Fotos sieht er dem jungen Michael J. Fox ähnlich.

Normalerweise würde man aus solch einem Bautrupp nach einem Jahr versetzt werden, und zwar in kleinere Wählämter mit Hebdrehwählern oder – etwas altmodischer – mit der „Dame vom Amt“. Er wurde nach Zwickau versetzt, zu den großen Hallen. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Lindner wurde eingezogen. Ausbildung bei den Gebirgsjägern, schließlich landete er bei der Marine und spähte den Schiffs- und Luftverkehr aus. Desertieren? „Niemals“, sagt er und schüttelt vehement seinen Kopf. „Dazu war mir mein Leben zu wichtig.“

Er erinnert sich an viel Leid und Schrecken. Und an die Odyssee nach dem Krieg: Als er bei Bauern auf Fehmarn arbeitete und über Umwege nach Plauen kam, wo eines dieser Fernsprech-Ämter stand, in denen normalerweise eine Frau die Verbindungen herstellen sollte. Die Frau war weg, sämtliche Geräte hatten die Russen abmontiert. Die Zeit war voller Entbehrungen. „Zwei Flaschen Schnaps gegen ein Reh“ hieß es dann, sagt Lindner. Er konnte aber nicht tauschen. „Man nahm sich das, was man zum Essen brauchte“, sagt er und lacht dabei. Unter russischer Besetzung arbeitete er bis 1949 in dem kleinen Amt, bis er in Göttingen eine Stelle erhielt.

Das Haus, in dem er nun wohnt hat er selbst gebaut, 1951 zog er ein. „Jetzt habe ich noch meine Tochter und eine junge Frau, die mir beim Einkaufen hilft.“ Ob er zufrieden sei? „Oh ja“, sagt er .

Von Florian Heinz

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