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Zweimal Göttingen – in 47 Jahren

Goethe-Institut Zweimal Göttingen – in 47 Jahren

Von 1960 bis 1962 lebte die Bosnierin Murveta Sirbegovi´c als Gaststudentin im Göttinger Studentenwohnheim Fridtjof-Nansen-Haus, heute Goethe-Institut. Ihr Herzenswunsch, die Stadt noch einmal wiederzusehen, hat sich jetzt erfüllt: Für eine Woche lang war sie an der Merkelstraße zu Gast.

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Murveta Sirbegovi´c  am Fridtjof-Nansen-Haus.

Quelle: Jan Vetter

Ich hatte in der Schule acht Jahre Russisch gelernt, Deutsch gefiel mir aber besser“, erzählt Murveta Sirbegovi´c , warum sie sich als 25-Jährige in ihrer Heimat im ehemaligen Jugoslawien um ein Stipendium in Göttingen bewarb. „Da gab es sehr berühmte Professoren.“ Ab 1953 wurde das Fridtjof-Nansen-Haus als internationales Studentenwohnheim betrieben. Dort findet auch Sirbegovi´c  Quartier – und trifft auf Japaner, Italiener, Türken, Franzosen, Skandinavier und viele deutschen Studenten. „Zu einigen habe ich noch heute Kontakt.“

Als sie die Universitätsstadt erstmals erkundet, ist sie begeistert, „die engen Gassen, die alten Häuser.“ Immer wieder läuft sie zu Fuß durch die Stadt, erkundet jeden Winkel. „Ich kannte mich so gut aus, dass man mich ständig nach irgendwelchen Straßen fragte“, erzählt sie schmunzelnd. Einige ihrer Lieblingsplätze sind der Marktplatz mit dem Gänseliesel, die Gaststätte „Alte Fink“ („Dort war es so schön!“) und die alte Universitätsbibliothek an der Prinzenstraße. 

Neben dem Studium gibt es Ausflüge in die Region. Sirbegovi´c  erinnert sich an Fahrten nach Hannover, Goslar und Kassel: „Uns wurden die in einem Tresor aufbewahrten Seiten des Hildebrandsliedes gezeigt.“ Es geht nach Paris und Italien, „dafür habe ich in Göttinger Firmen gearbeitet“.  Im August 1961 fürchtet sie angesichts des Baus der Berliner Mauer den Ausbruch eines Krieges. „Einerseits hatte ich Angst, nicht mehr nach Sarajevo zurückzukommen, andererseits wollte ich in Göttingen weiterstudieren“, schildert sie ihre damaligen Empfindungen. Bekannte beruhigen die junge Frau – sie bleibt.

Heirat und Umzüge

Bis zu ihrer Rückkehr nach Jugoslawien 1962. Ein Jahr später lernt Sirbegovi´c  ihren Ehemann kennen. Sie lebt elf Jahre in Tuzla, zieht dann mit ihrer Familie nach Sarajevo im heutigen Bosnien-Herzegowina. Sie arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin – und wünscht sich Zeit ihres Lebens, noch einmal ins Fridtjof-Nansen-Haus und nach Göttingen zurückkehren zu können. „Aber das habe ich nie geschafft. Da war der Krieg, die schrecklichen Jahre in Sarajevo. Und nie war Geld da“, erzählt Sirbegovi´c . 

Erst als Rentnerin und mit 73 Jahren bot sich ihr jetzt die Gelegenheit, über den Kontakt zum Goethe-Institut die Universitätsstadt wieder zu besuchen. Die Kulturorganisation residiert seit 1972 im Fridtjof-Nansen-Haus an der Merkelstraße und lud die Bosnierin ein, sieben Tage lang dort zu wohnen. Sie nahm die Einladung an.

Vor einer Woche traf sie ein, heute reist sie wieder ab. In der Zwischenzeit durchstreifte sie auf den eigenen Spuren und mit dem Reiseführer von früher erneut die Stadt. Ihr Fazit: „Göttingen ist noch schöner geworden!“ Immer noch beeindrucken die Besucherin die „gut gepflegten alten Häuser,  die Gärten, das viele Grün und die Bäume“. Neu zu entdecken gab es die Fußgängerzone, „früher konnte man hier noch fahren“. Auch die Stadthalle kannte Sirbegovi´c  noch nicht. Vieles ist anders als vor 47 Jahren. In ihrem Reiseführer gibt es ein Bild vom Torturm an der Neustadt: „Das ist nicht mehr passierbar“. Was aus ihrer Sicht keine bedauerliche Veränderung ist: „Ich habe in Göttingen meinen Führerschein gemacht, und das war eine sehr schwierige Ecke.“

Von Katharina Klocke

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