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Geiseldrama: Göttinger Familie Wallert wird entführt

Horror überstanden Geiseldrama: Göttinger Familie Wallert wird entführt

Heute vor zehn Jahren: Am 23. April 2000 sitzen Werner und Renate Wallert mit ihrem Sohn Marc im Speisesaal des „Pulau-Sipadan-Resort“ auf der malaysischen Ferieninsel Sipadan beim Abendessen. Die drei Hobbytaucher aus Göttingen verbringen ihren Osterurlaub auf der Insel im Nordosten Borneos.

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Werner Wallert ist immer noch viel auf Reisen: Der pensionierte Geographie-Lehrer produziert jetzt Filme für den Schulunterricht. Gerade ist ein Film über Singapur fertig geworden.

Quelle: Rink/pid

Göttingen. Plötzlich stürmen schwer bewaffnete Männer das Hotel, treiben die Gäste und Angestellten zu zwei Schnellbooten und brausen mit ihnen davon. Aus dem Traumurlaub wird ein Alptraum: Monatelang halten die Entführer ihre 21 Geiseln gefangen und Politiker, Krisenstäbe und Diploma­ten in Atem.

Die Kidnapper gehörten der islamistischen Terrororganisation Abu Sayyaf an. Sie brachten ihre Geiseln auf die philip­pinische Halbinsel Jolo und trieben sie zu einem Versteck im Dschungel. Das Besondere an dieser Entführung war, dass das Drama quasi vor laufenden Kameras stattfand.

Die Terroristen gewährten mehrfach Medienvertretern Zugang zu ihrem Versteck. Die Aufnahmen zeigten, dass vor allem Renate Wallert stark unter den Bedingungen der Geiselhaft litt. Sie war die erste Geisel, die nach drei Monaten nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen wurde.

Im August kam Werner Wallert frei. Während Marc sich weiterhin in der Gewalt der Entführer befand, unterrichtete der Studiendirektor bereits wieder am Theodor-Heuss-Gymnasium. Erst nach 139 Tagen kam Marc im September frei. Die Freilassung auf Raten wurde von einem großen Medienrummel begleitet, die Wallerts wurden eine der bekanntesten Familien der Republik.

Lust am Reisen ist geblieben

Werner Wallert macht keinen Hehl daraus, dass er sich über viele Reaktionen sehr geärgert hat. „Ich sehe das mit der Pressefreiheit inzwischen etwas kritischer“, sagt der 67-Jährige heute. Nicht nur er, auch seine Frau und sein Sohn hätten die Ereignisse jedoch gut verkraftet. „Das alles ist präsent, ohne uns zu belasten. Wir sind gesund da raus gekommen und leiden überhaupt nicht darunter. Ich habe auch keine Alpträume.“

Auch die Lust am Reisen ist geblieben. Erst vor wenigen Wochen waren die Wallerts zum Tauchurlaub in Ägypten. Inzwischen ist der pensionierte Geographie-Lehrer zum Kleinunternehmer geworden: Wallert produziert Unterrichtsfilme zu geographischen Themen.

Eine Langzeitwirkung hat das Drama auf den Philippinen allerdings hinterlassen: Manchmal, so Wallert, durchströme ihn ein tiefes Glücksgefühl. „Wir genießen unsere Freiheit, weil wir wissen, was der Verlust von Freiheit bedeutet.“

Von Heidi Niemann

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