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Unfalltod: Wenn die Nachricht überbracht werden muss

Polizisten und Notfallseelsorger Unfalltod: Wenn die Nachricht überbracht werden muss

Knapp 4000 Menschen sind in Deutschland im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen gestorben. Der Polizei und Notfallseelsorgern fällt die Aufgabe zu, den Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen. Wie macht man so etwas? Ein Blick auf einen schweren Gang.

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Wenn der Tod plötzlich kommt: Es gibt nicht viel zu sagen, es gilt, die Situation mit den Angehörigen auszuhalten, sagt Torsten Thiel.

Quelle: Hinzmann

Bovenden . Fast jeder Polizist kann sich an seine erste Todesnachricht erinnern oder an eine, die ihn besonders beschäftigt hat“, sagt Polizeiseelsorger Torsten Thiel. Das Überbringen von Todesnachrichten sei eine der Situationen, die die Beamten am meisten belasteten. Thiel selbst war schon öfter in solchen Situationen dabei.

Als Notfallseelsorger wird er bei plötzlichen Todesfällen von der Polizei angefordert. Die eigentliche Todesnachricht überbringt die Polizei. Das sei, so Thiel vermutlich die einzige Institution, der in einer solchen Situation das Unglaubliche geglaubt werde: dass ein geliebter Mensch plötzlich tot ist.

Beim Überbringen der Todesnachricht stünden die Polizisten unter einer enormen Spannung, so Thiel. Auf der einen Seite seien sie weiter Beamte in Uniform, auf der anderen Seite müssten sie sich auch als Mensch zeigen. Erst wenn die Todesnachricht von den Polizisten überbracht ist, wird Thiel wichtig. Er ist dafür da, mit den Angehörigen die Situation auszuhalten – auch einfach schweigend.

Es gebe oft erst einmal nichts zu sagen, so Thiel. Es gelte nicht zu agieren, sondern auf das zu reagieren, was von den Betroffenen kommt. Der Notfallseelsorger sei dafür da, Struktur ins erste Chaos zu bringen, eine Brücke zu schlagen zwischen dem ersten Schock und dem Wirken des familiären oder freundschaftlichen Netzwerkes.

In der Polizeiausbildung, in der Thiel auch tätig ist, weist er darauf hin, dass es wichtig ist, den Angehörigen nicht mit Verlegenheitssätzen oder billigem Trost zu kommen, weil das Schweigen nicht zu ertragen ist. Polizisten sollten nur auf das reagieren, was die Angehörigen in der Situation wissen wollen. In der Ausbildung rät Thiel den Polizisten zu überlegen, wie sie selbst in einer solchen Situation behandelt werden wollten.

Es gibt auch Merkblätter, was beim Überbringen einer Todesnachricht zu beachten ist. So sollte die Nachricht erst nach Betreten der Wohnung überbracht werden, möglichst wenn die Angehörigen sitzen. In der Ausbildung wird das Überbringen einer Todesnachricht simuliert und auch vermittelt, wie man aus einer solchen Situation wieder herausgehen kann. Dies alles könne jedoch nur eine grobe Orientierung sein, meint Thiel.

Denn in der Wirklichkeit entstehe eine „hochintime Situation“ mit fremden Menschen, in der man nur individuell reagieren könne. Es komme dabei jedoch nicht auf große Worte an, sondern darauf, einfühlsam zu handeln und Mitgefühl zu zeigen, so Thiel. Er habe einmal eine Frau ein Jahr später gefragt, ob sie sich noch an die Worte der Polizei beim Überbringen der Todesnachricht erinnern konnte. Sie verneinte, aber sie konnte sich noch darin erinnern, dass eine Beamtin selbst eine Träne im Augenwinkel hatte.

Er ziehe oft den Hut davor, wie die Polizisten ihre Aufgabe in dieser Situation erledigten. Die entscheidende Nachricht müsse jedoch klar, entschieden und ohne Umschweife ausgesprochen werden.

In rund 25 Fällen war Thiel schon dabei, als Angehörige Todesnachrichten verarbeiten mussten. In einem Drittel der Fälle waren das Todesnachrichten nach einem Unfall. Die anderen zwei Drittel entfallen auf Suizide. Das entspricht in etwa dem bundesweiten Verhältnis bei diesen unvermittelten Todesarten: Im vergangenen Jahr gab es knapp 4000 Verkehrstote, und in den vergangenen Jahren nahmen sich jeweils um 10 000 Menschen selbst das Leben.

Wenn möglich sollten die Kollegen, die die Todesnachricht überbringen nicht diejenigen sein, die vorher schon den aufreibenden Einsatz an der Todesstelle hatten, sagt Thiel.  Denn diese Beamten hätten selbst noch zu viele Eindrücke, um sich den Angehörigen zu stellen. Beim Überbringen der Todesnachricht könne es von Vorteil sein, antworten zu können, dass man nicht am Einsatzort war. Es sei zudem gut, wenn ein Mann und eine Frau die Nachricht überbringen.

Wenn die Polizisten gegangen sind, sei er meist noch eineinhalb bis zwei Stunden bei den Angehörigen, sagt Thiel. Manchmal betet er mit den Menschen oder zündet eine Kerze an. Danach sucht er in der Dienststelle noch das Gespräch mit den Kollegen. Bevor er wieder in den Alltag zurückgekehrt, sucht Thiel noch einmal die Stille einer Kirche, um sein Anliegen vor Gott zu bringen.

Thiel räumt ein, dass die Einsätze als Notfallseelsorger auch ihn an die Grenzen seines Glaubens bringen, die Frage nach dem Warum auch bei ihm aufbricht. Manchmal bleibe erst einmal nur die Klage über das Geschehen und durch diese Klage weiter im Gespräch mit Gott zu bleiben.

Darüber hinaus, sagt Thiel, sei ihm auch der Austausch mit den Kollegen der Notfallseelsorge wichtig. Diese ist in der Region Göttingen ökumenisch organisiert. Lutheraner, Katholiken und Reformierte wirken daran gemeinsam mit.Die Notfallseelsorge ist ein Bereich, den die Pastoren und Diakone zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben übernehmen.

Deswegen sind die Dienste manchmal schwierig zu organisieren. Thiel verweist jedoch auf die besondere Nähe Jesu zu den Leidenden. Für Thiel ist die Notfallseelsorge deshalb eine für die Kirche eine unverzichtbare Aufgabe: „Wo die Not am größten ist, sind wir gefordert.“

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