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Verhalten: "Total daneben"

Aus dem Landgericht Verhalten: "Total daneben"

Am Ende hatte Richter Tobias Jakubetz sicherlich gute Gründe, so zu entscheiden, wie er es gemeinsam mit den Schöffen des Landgerichts tat. Es hätte aber auch gute Gründe gegeben, ein anderes Urteil zu fällen.

Die zwölfte kleine Strafkammer saß über die Entscheidung des Göttinger Amtsgerichts vom 19. August vergangenen Jahres zu Gericht. Laut Urteilsspruch hat der Angeklagte aus Wut darüber, dass zwei zehn Jahre alte Kinder mit ihren Fahrrädern den Gehweg entlang fuhren, sich ihnen in den Weg gestellt und mit einer Armbewegung einen der Jungen zu Fall gebracht. Bei dem Sturz verletze sich das Kind schwer. Es schlug mit dem Kopf gegen eine Mauer am Wegrand: Ein gebrochener Finger, zwei ausgeschlagene Zähne, eine tiefe Risswunde im Mund, die genäht werden musste sowie diverse Schürf- und Platzwunden waren die Folge.

Anschließend musste das Kind psychotherapeutisch behandelt werden. Nach dem Unfall ging der Mann nach Zeugenaussagen einfach weiter seiner Wege und ließ das schreiende Kind zurück. Der Angeklagte behauptete damals wie heute, dass er die Schwere des Sturzes nicht bemerkt habe: „Ich dachte, dass er so ein bisschen weggerutscht ist, vielleicht ein paar Schürfverletzungen hat.“ Vor dem Amtsgericht sagte er noch: „Vielleicht hat er dadurch etwas gelernt.“

Damals sagten die Polizisten, die den Unfallverursacher auf dem Wochenmarkt stellten, aus, dass sie einen „amüsierten und lächelnden“ Beschuldigten antrafen, der sich im Recht wähnte: „Ständig kommen einem Fahrräder auf dem Fußweg entgegen, da macht keiner was“, beschwerte er sich bei der Festnahme.

In der Urteilsbegründung sprach der Amtsrichter in erster Instanz von einer „absoluten Ungeheuerlichkeit“ und verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten und zwei Wochen – zur Bewährung ausgesetzt. Verteidiger Bernd-Michael Weide ging in Berufung, jetzt wurden die Zeugen erneut gehört, Arztberichte ein weiteres Mal eingeführt, ein rechtsmedizinisches Gutachten ein zweites Mal erstattet. Einzig neu in der Beweisaufnahme: Richter Jakubetz verlas zwei Einträge aus dem Vorstrafenregister, die inzwischen getilgt sind. 2002 hat sich der Angeklagte in einer Göttinger Kneipe vorsätzlich in einen beachtlichen Rausch (3,3 Promille) getrunken und der Bedienung einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem zu lesen war: „In den nächsten fünf Minuten geht hier eine Bombe hoch.“ Störung des öffentlichen Friedens nennt das der Jurist. Ein Jahr später erhielt der Angeklagte einen Strafbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung – er hatte eine Bedienung mit einem Aschenbecher attackiert und am Knie getroffen. 2,9 Promille hatte er im Blut.

Damit war die Beweisaufnahme geschlossen. Verteidiger Weide erhob sich von seinem Platz und eröffnete sein Plädoyer mit einer Feststellung, die man beinahe als Anteilnahme werten könnte. Die „nicht ganz leichten Verletzungen“, die der Junge bei dem Zusammenprall erlitten hat, seien „äußerst bedauerlich“. Aber: „Man darf nicht aus Mitleid mit dem Opfer urteilen.“ Der Unfall sei schließlich von dem Kind verursacht worden, habe es doch laut Straßenverkehrsordnung am Tattag seit elf Tagen nicht mehr den Bürgersteig befahren dürfen. Weide beantragte eine „geringe Geldstrafe“ wegen Unfallfluchts, „da kommt man wohl nicht drum rum…“

Die Staatsanwältin bezeichnete das Verhalten des Angeklagten nach der Tat als „total daneben“, hielt aber eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro für ausreichend. Die Kammer verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe in Höhe von 300 Euro. Dass der Mann das Kind bewusst verletzen wollte, sei nicht zu beweisen. Für den kleinen Nebenkläger war das zu viel. Er brach in Tränen aus, die Mutter verließ erbost mit ihrem Sohn den Gerichtssaal. Jakubetz konnte die Reaktion verstehen, warb aber um Verständnis für die Entscheidung der Kammer: „Wir haben nichts“, was eine Verurteilung rechtfertige.

Von Lukas Breitenbach

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