Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Viel Frust und Katerstimmung in Göttingen

Wahlpartys Viel Frust und Katerstimmung in Göttingen

Entsetzen, trübe Stimmung und Frust haben die Stimmungslage bei den Wahlpartys der zur Bundestagswahl angetretenen Parteien am Sonntagabend in Göttingen beherrscht.

Voriger Artikel
Oppermann Sieger im Wahlkreis 53
Nächster Artikel
Zwei Dramen

Frust bei der SPD (von links: Ratsherr Tom Wedrins, Gabriele Andretta) bevor der Sieg von Thomas Oppermann sicher ist.

Quelle: Arne Bänsch

Göttingen. Entsetzen, trübe Stimmung und Frust haben die Stimmungslage bei den Wahlpartys der zur Bundestagswahl angetretenen Parteien am Sonntagabend in Göttingen beherrscht. Selbst die CDU-Mitglieder konnten sich nicht wirklich darüber freuen, dass ihre Partei stärkste Kraft bleibt. Und die Genossen jubelten verhaltener als sonst über den Sieg ihres Direktkanidaten Thomas Oppermann.

Die CDU-Party: Bangen um Güntzler

Wahlparty der Göttinger CDU am Parteihaus an der Reinhäuser Landstraße: Das Büffet und Getränke ließen, anders als die Wahlergebnisse, bei der CDU keine Wünsche übrig. Frisch gegrillte Steaks, Salat, Bratwurst vom Rost, gezapftes Bier und Bowle ließen das Treffen wie eine unbeschwerte Gartenparty wirken. Das Catering kam aus professionellem Haus: Das Freizeit In war dafür verantwortlich. Dessen Chef Olaf Feuerstein, auch CDU-Ratsmitglied, feierte natürlich mit. Eine schöne Party. Wären da nicht die Wählerstimmen. Die Wahl-Ergebnisse drückten den meisten Gästen mächtig auf die Stimmung, zumal das Bangen um die Erststimme lange andauerte. Viele Mitglieder der Jungen Union, aber auch die Landtagskandidaten, Kreistagsabgeordneten und Stadtratsmitglieder bangten gemeinsam mit Güntzler um das Direktmandat.

Sigrid Jacobi, Eichsfelder CDU-Frau mit Vorliebe für farbige Kleider, hatte vorausschauend und passend zum Wahlergebnis ein gelbes Kostüm für den Abend gewählt. Jeder Zusammenhang mit einer Jamaica-Koalition sei rein zufällig, sagte sie lachend. Das blaue Kleid von Güntzlers Büromitarbeiterin Tina Brakemeier war ebenfalls Zufall. „Bis heute mochte ich Blau immer gerne“, sagte sie. Das war, bevor das Ergebnis der blauen AfD bekannt wurde. Dass vor der Wahl gleich wieder nach der Wahl ist, zeigten Alexander Schneehain und Harm Adam, die mit einem Wahlplakat für den Bovender Landtagskandidaten bereits auf Werbetour für Adam gingen.

Die SPD-Party: Entsetzen und aufkommender Optimismus

Entsetzen, Fassungslosigkeit und eine Spur Wut bei der Göttinger SPD - schon vor der ersten Hochrechnung zum bundesweiten Ergebnis ahnten viele „Böses“. Danach folgte langes Schweigen, dann Kommentare wie „schrecklich, schrecklich“ und „wie ein Schlag in die Magengrube“. Viele Genossen hatten zwar mit einem schlechten Ergebnis für die SPD gerechnet, dass es aber so desaströs ausgehen wird, wollte niemand vorhersagen.

„Das ist ein bitterer Tag für Deutschland“, kommentierte die Landtagsabgeordnete und Kandidatin zur Landtagswahl in drei Wochen, Gabriele Andretta, das Ergebnis. Der SPD-Stadtverbandsvorsitzende Christoph Lehmann wertet es als „große Zäsur für das parlamentarisch-demokratische System, mit der jetzt rechtsnationalsozialistische Tendenzen in den Bundestag einziehen werden“. Zugleich zeige das Wählervotum gegen die Große Koalition, dass der SPD-Kurs hin zur politischen Mitte falsch gewesen sei.

Ein Fazit, das der Göttinger Direktkandidat und Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag, Thomas Oppermann, kurz darauf im TV indirekt mit der Aussage bestätigte, dass die SPD jetzt in die Opposition gehen und ihr Profil stärker schärfen werde: kräftiger Applaus bei den etwa 80 Genossen im Monro’s Park. Ein Applaus, den Andretta mit einer sehr kämpferischen Rede dann noch steigern konnte. Tenor: Jetzt erst recht komme es bei der Landtagswahl in drei Wochen darauf an, zu zeigen, „dass Göttingen nicht Berlin und die SPD in Niedersachsen eine stabile Kraft ist“. Als gut eine Stunde später sicher war, dass Oppermann den Wahlkreis Göttingen klar gewinnt, war der Frust über das Bundesergebnis fast vergessen und der Jubel – wenn auch verhaltener als bei früheren Siegen – groß. Damit hatten viele auch nicht gerechnet.

Die Grünen und die FDP: Viele „Ahhs und Ohhs“

Grüne und Technik, dies sind, wenn Jürgen Trittin nicht im Lande ist, zwei Paar Schuhe. Die Wahlparty am Göttinger Wilhelmsplatz litt ein wenig unter einem Informationsdefizit. Die Präsentation wollte nicht so recht auf die Leinwand. Pads wurden schnell ausgepackt und die neusten Ergebnisse via nicht ganz so stiller Post kommuniziert. „Ahhhs und Ohhhs“ gab es bei den Parteimitgliedern, die ins Intii gekommen waren. Das Stadtverbandsmitglied Marie Kollenrott klärte auf. „Die ‚Ahhhs’ stehen für ein fantastisches Ergebnis für die Grünen, wir haben stark gekämpft, und unsere Themen haben eine hohe Relevanz. Ich glaube, dass Jürgen Trittins Positionen einen sehr großen Anteil an unserem guten Wahlergebnis haben und dass wir in der Bevölkerung als Gegenpol zur AfD gesehen werden.“ Die „Ohhs“ seien für das erschreckende AfD-Ergebnis abgegeben worden. „Die Partei liegt über 13 Prozent und in Ostdeutschland bei über 20 Prozent. Alle demokratischen Parteien müssen weiterhin und beständig für die Demokratie werben“, forderte Kollenrott. Auch Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel war vorbeigekommen. „Das Ergebnis macht Mut für die kommende Landtagswahl“, sagte er, war aber auch über das Ergebnis der AfD „not amused“.

Trotz eines überzeugenden Wiedereinzugs in den Bundestag wollte bei den Freidemokraten im Göttinger Kartoffelhaus eine Jubelstimmung nicht so recht aufkommen. Und das, obwohl auch der Göttinger FDP-Kandidat Konstantin Kuhle in den Bundestag einziehen wird. Auch hier Startschwierigkeiten mit Beamer und Leinwand. Als Bild und Ton liefen, wurde der Auftritt von Wolfgang Kubicki im Fernsehen von den Parteifreunden beklatscht, bei einer Großaufnahme von Thomas Oppermann (SPD) kam so etwas wie Mitgefühl auf. Erste Glückwünsche trudelten auf den Smartphones ein. „Als FDP sind wir mit dem Ergebnis natürlich sehr zufrieden“, sagte der Stadtverbandsvorsitzende Achim Doerfler. „Aber als Demokrat und freiheitsliebender Mensch ist das hohe AFD-Ergebnis eine Katastrophe. Die rechte Gesinnung wird nun mit Millionen Euro unterstützt werden“, sagte Doerfler. Es werde einen Paradigmenwechsel in der Politik geben. Wohl sei ihm dabei nicht, sagte der Stadtverbandsvorsitzende. Die Koalitionsbildung werde nun richtig spannend. Die erste Runde auf den künftigen Bundestagsabgeordneten Konstantin Kuhle wurde geordert, und noch immer blickten die Freidemokraten ungläubig auf die Leinwand. Dass die AfD so viele Stimmen bekommen würde, damit hatte hier niemand gerechnet.

Linke, Piraten und Die Partei: Partystimmung sieht anders aus

Partystimmung sieht anders aus: Bei der gemeinsamen Wahlparty der Linken, Piraten und der Partei herrschte um 18 Uhr mit der ersten Prognose äußerst verhaltene Stimmung. Das lag weniger an den leichten Zugewinnen für die Linke als an dem starken Abschneiden der AfD. „Nur sieben Prozent zwischen der SPD und den Nazis, das ist krass“, kommentierte ein Besucher. Das Ergebnis der Linken wurde im Kadenz an der Jüdenstraße eher beiläufig zur Kenntnis genommen.

„Die Linke hat zulegen wollen. Wir wollten zweistellig werden. Das hat nicht geklappt. Schlimmer sind aber die mehr als 13 Prozent für die AfD“, sagte Konrad Kelm, Göttinger Direktkandidat der Linken. Die Linke werde nun „gute Oppositionsarbeit“ machen. Angesichts einer sich anbahnenden Jamaika-Koalition mutmaßte Kelm: „Das wird die Grünen zerreißen.“

Dana Rotter, Piraten-Direktkandidatin, hat trotz des zweistelligen AfD-Ergebnisses noch ein wenig Hoffnung. „Vielleicht beziehen die anderen Parteien jetzt deutlicher Stellung zur Flüchtlings-, Einwanderungs- und Europapolitik.“ Eine Anbiederung der Bundestagsparteien an die Positionen der AfD hält Rotter hingegen für nicht akzeptabel. Sie hofft zudem, dass die Piraten bundesweit ein Ergebnis einfahren, das sie nicht von der Parteienfinanzierung abschneidet.

„Oppermann! Oppermann!“ schallte es durch das Kadenz, als auf dem Nachrichtensender Phoenix SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz vor die Kameras trat und der SPD-Direktkandidat Thomas Oppermann kurz zu sehen war. Er war im Wahlkampf einer der politischen Lieblingsgegner der Partei Die Partei und ihrem Direktkandidaten Christian Prachar. Der gab sich ganz unbescheiden: „Wir haben die SPD auf 20 Prozent gedrückt.“ Wer das „sozial“ aus „sozialer Gerechtigkeit“ streiche, verdiene es nicht besser. Selbstkritisch merkte er an, dass es der Partei trotz ihrer Aktionen gegen die AfD nicht gelungen sei, diese klein zu halten. Eine Jamaika-Koalition hält Prachar für eine Chance für die Demokratie. „Mehr jedenfalls als die Fortführung einer großen Koalition.“

War es gegen 18 Uhr noch proppenvoll im Kadenz, leerte es sich kurz vor 19 Uhr zusehends. Zumindest vorübergehend. Um 19 begann eine Demonstration am Waageplatz gegen den Einzug der AfD in den Bundestag. Diese verlief nach Polizeiangaben friedlich.

Von Ulrich Schubert, Britta Bielefeld, Michael Brakemeier, Frank Beckenbach

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Anzeigenspezial
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Wo kann man hin, was kann man machen? Hier werden Sie fündig: Das Tageblatt hat die wichtigsten Freizeittipps für Sie zusammengestellt