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Vom Buchhalter zum Pfandsammler

Siegbert R. aus Göttingen Vom Buchhalter zum Pfandsammler

„Manche sagen, ,wie können sie so etwas machen?‘ “, erzählt Siegbert R. (Name geändert). „Darauf reagiere ich aber nicht“, sagt er. Die Reaktionen der Menschen, die ihn beobachten, sind ganz unterschiedlich. Seit sieben Jahren sucht der 60-Jährige in städtischen Abfalleimern nach Pfandflaschen. Es sei ihm aber auch schon passiert, dass ihm ein Passant fünf Euro in die Hand gedrückt habe.

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Pfand-Funde: Bei einer Runde durch die Innenstadt kommen bei Siegbert R. zwei bis drei Euro zusammen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Im Müll nach Flaschen und Dosen zu suchen, für die es zwischen acht und 25 Cent Pfand gibt – wie fühlt man sich dabei? „Anfangs war mir das peinlich“, gesteht Siegbert R.. Damals tat er noch so, als ob er etwas in den Abfalleimer herein wirft. Doch das gibt sich im Laufe der Zeit, meint er: „Auf dem Gemüt ist schon Hornhaut gewachsen.“

R. hat einmal Wirtschaftswissenschaften studiert. Als sein Vater starb, konnte er sein Studium nicht weiter finanzieren, berichtet er. Er machte eine Ausbildung zum Buchhalter und arbeitete als solcher.Als R. 53 Jahre alt war, ging sein Arbeitgeber in Konkurs und er wurde arbeitslos. Das ist er noch heute. Er beziehe nicht wie viele andere Pfandsammler Hartz IV, weil seine Frau dafür etwas zu viel verdiene. Aber das Geld sei trotzdem knapp. „Ich mache das, um etwas Geld zu verdienen“, begründet er. Ein paar wenige Euro, um sich auf seiner Runde durch die Göttinger Innenstadt in seinem Stammlokal ein Glas Wasser leisten zu können. Dabei lese er Zeitung, und nach einer Stunde setze er seine Sammelrunde fort.

Er sammelt nicht nur "lukrative Flaschen"

Viel verdienen lasse sich mit dem Sammeln von Leergut nicht, versichert Siegbert R.. Im Fernsehen sei einmal über einen Pfandsammler berichtet worden, der mit seinem Wohnmobil durch Deutschland reise, und soviel Geld mit Pfand einnehme, dass er inzwischen für seine Einnahmen Steuern zahlen müsse. „Das ist eine andere Liga“, kommentiert Siegbert R.. Außerdem gebe es in Göttingen keine Großveranstaltungen oder Fußballstadien, wo viel zu holen sei. Und so verdiene er nach seiner Tour durch die Stadt meist gerade einmal zwei bis drei Euro. „Es gibt aber auch schon mal gute Tage, das sind es vier bis fünf Euro.“ In seinem Stoffbeutel landen nicht nur die lukrativen Flaschen, für die es 25 Cent Pfand gibt, sondern auch die eine oder andere Bierflasche à acht Cent. Siegbert R.: „Manchmal geht es ganz schnell, bis ich einen Euro zusammen habe, aber manchmal ist es auch ätzend.“

Der 60-Jährige weiter: „Früher bin ich einmal durch die Weender gelaufen, da hatte ich zwei Euro Pfand beisammen. Heute muss ich dafür länger laufen.“ Das liegt in seinen Augen daran, dass es immer mehr Pfandsammler gibt, aber auch daran, dass das Wegwerfen nachgelassen hat. „Die Konjunktur ist nicht mehr so…“, ist sich R. sicher.

Es gibt keine Reviere in Göttingen

Siegbert R. ist nicht der einzige Pfandsammler in Göttingen. „Das ist ein fester Kreis von etwa zehn Leuten“, schätzt R.. Knapp die Hälfte seien Frauen. Hinzu kommen noch die Gelegenheitssammler, die oft gegen Ende des Monats zu sehen sind. „Die meisten sind Schönwettersammler.“ R. ist deshalb regnerisches Wetter lieber: „Bei schönem Wetter werfen die Leute mehr Flaschen weg, aber es sind auch mehr Sammler unterwegs.“
„Das ist schon Krieg unter den Sammlern“, sagt der 60-Jährige und nennt ein Beispiel für seine Einschätzung. Einmal hatte er bereits eine Flasche unter den Arm geklemmt und sich hinunter gebeugt, um nach einer weiteren zu greifen, die auf dem Boden unter einer Bank lag. Ehe er sich versah, zog ihm ein anderer Sammler die Flasche unterm Arm weg, erinnert sich Siegbert R.. Zwar gibt es Sammler, die ihre bevorzugten Gebiete haben, erzählt er, „aber es kann keiner sagen, ,das ist mein Revier‘ “.

„Wenn ich sehe, dass vor mir schon einer unterwegs ist“, verrät Siegbert R. seine Taktik, „dann weiche ich aus und ändere meine Route ab.“ Ein kurzer Blick in den Abfallbehälter muss reichen, erklärt der gebürtige Goslarer. Im Müll zu wühlen, kostet zu viel Zeit, ein Blick in den Behälter hinein muss daher reichen. „Im Winter leuchte ich in der Dämmerung mit einer Taschenlampe rein.“ Aber es sei nicht gut, sich länger als eine Minute an einem Mülleimer aufzuhalten, „sonst werde ich von anderen Sammlern überholt“, begründet R..
Seine Tour führt durch die Göttinger Innenstadt. „Morgens lohnt sich das aber nicht“, sagt er. Grund: Der 60-Jährige setzt auf Jugendliche, die sich nach Schulschluss noch schnell etwas zu Trinken kaufen und die leere Flasche an der Bushaltestelle wegwerfen. Überhaupt lohnt sich der Blick in die Abfallbehälter gerade an Bushaltestellen, berichtet Siegbert R.

Der 60-Jährige versucht, seine Tätigkeit als Pfandsammler positiv darzustellen: „Man geht spazieren und verdient sich ein bisschen Geld nebenher. Und man ist an der frischen Luft.“ Ganz glücklich guckt er dabei allerdings nicht. Eher wie jemand, der sich mit seiner Situation abgefunden hat.

Siegbert R. hat sich für die bundesweite Aktion „ Pfandgeben.de“ registriert. Wer sein Leergut nicht selbst wegbringen möchte, kann sich unter anderem an ihn wenden. Seine Telefonnummer findet sich auf der Internetseite der Aktion unter dem Namen „Nik“.
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