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Von Bohrmaschinen, Sexfotos und Barry-White-CDs

Ein Tag mit einer Sperrmüllkolonne Von Bohrmaschinen, Sexfotos und Barry-White-CDs

Müll: Jeder verursacht ihn, die meisten wollen ihn loswerden. Ein Tag mit einer Sperrmüllkolonne der Göttinger Entsorgungsbetriebe. Und die letzte Reise einst heißgeliebter oder praktischer Dinge.

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Konsterniert: Michael Götting vor dem gefledderten, durchwühlten Sperrmüll. Dass sich hierin ein volles Panini-Fußballbilder-Album von 1998 verbirgt, konnte er noch nicht ahnen.

Quelle: Westermann

Am Vorabend der Sperrmüllabfuhr der Tour Innenstadt und Ostviertel fährt ein weißer Transporter an der Paulinerstraße vorbei, bremst abrupt, setzt zurück und fährt zielstrebig auf die Sperrmüllhaufen am Straßenrand zu. Ein Sessel, zwei Schränke, ein Sofa, ein Kühlschrank sowie drei Tische. Diese aussortierten Gegenstände sollten hier eigentlich stehen, jedenfalls laut Sperrmüllanforderung. Auf wundersame Weise hat jedoch eine Vermehrung stattgefunden. Ein Fahrrad, ein zweiter Sessel, einige Regalbretter im Spätherbst ihres Lebens.
Der Mann Mitte 30 mit den pechschwarzen Haaren, der dem leicht zerdellten Transporter entsteigt, ist hier, um diesen Missstand zu beheben. „Willst du?“, fragt er mich und zeigt auf den Fahrradrahmen, der an der Wand lehnt. Ich schüttele den Kopf. Behende packt er das nackte Rad auf die Ladefläche seines bereits halb gefüllten Fords. Auch die Gartentische scheinen seine Zustimmung zu finden. Woher er denn so schnell weiß, dass hier Sperrmüll steht? „Weiß ich halt“, ist seine vage Auskunft. Dass er eine Ordnungswidrigkeit begeht, die mit bis 5000 Euro geahndet werden könnte, behalte ich lieber für mich.

Auch bei den Müllstöberern in der Theaterstraße oder der Bürgerstraße würde diese Information wohl nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Jeden zweiten Haufen verlassen Menschen mit zufriedenen Gesichtern, bepackt mit Brettern, Volieren oder Sesseln. Ob nur die Hälfte davon bei Licht betrachtet brauchbar ist, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Die Kolonne

6 Uhr am nächsten Morgen. Die Dunkelheit liegt noch wie ein Mantel über der Stadt und dem Recyclinghof der Göttinger Entsorgungsbetriebe in der Rudolf-Wissell-Straße. Mit zwei großen Wagen – einer für Sperrmüll, der andere für Holzabfälle, beide erst zweieinhalb Jahre alt – startet die Kolonne auf ihre Tour. Ein dritter Wagen, zuständig für Metall- und Elektroschrott, nimmt seine eigene Route.

Ein Fahrer und ein Werker pro Auto. Für den Werker heißt das: aussteigen, einsteigen, alle paar Meter. Bis zur Frühstückspause gegen 11 Uhr wird das rund sechzig Mal so sein. Der Fahrer macht, wenn nicht besonders viel Müll an einer Stelle liegt, nichts anderes als eben fahren. Was sich aber in der zum Teil sehr engen Innenstadt nicht eben immer als Vergnügen herausstellt. Trotzdem sagen Achim Becker und Stefan Waldmann, seit einigen Jahren ein Team: Es ist ein guter Job. Jedenfalls im Sommer. Und solange die Menschen ihren Müll nicht auf die Grünstreifen legen, in die Hundehaufen.

Die gelben Blinklichter der zehn Meter langen Sperrmülllaster spiegeln sich in allen Scheiben. In der Paulinerstraße herrscht Chaos, jedenfalls in Sperrmüllhinsicht. Es steht nur noch die Hälfte der Sachen an ihrem Platz. Neben dem freundlichen Müllbereiniger von gestern Abend haben wohl noch andere Passanten etwas Brauchbares entdeckt. Ein Mülleimerdeckel steht offen. Doch der Müll wandert in den Schlund der Presse am Hinterteil der Wagen. Ein Schrank wird krachend zermalmt. Der Wagen schaukelt wie der weiße Wal, der ein weiteres Schiff in den Abgrund reißt.

Dass „die Hälfte des Mülls fehlt und eine neue Hälfte dazukommt“ ist völlig normal, meinen die beiden. So richtig schlimm scheinen sie es auch nicht zu finden – solange die Leute nicht Gefahrgut dazustellen. Altöl beispielsweise, im Zehn-Liter-Kanister, versteckt in einer Plastiktüte. Das sei keine Seltenheit, meint der 41-jährige Waldmann, der, bevor er zum Sperrmüll-Sechserteam stieß, auf dem Bau arbeitete. Bei einem Sack benutzter Spritzen habe er es mit der Angst zu tun bekommen.

Pöbelnde Autofahrer

Langsam graut der Morgen.In der Innenstadt geht es geschäftig zu, Kehrmaschinen sausen sirrend durch die Fußgängerzone und bereiten den Boden für die Kaufwilligen. Doch was die Menschen manchmal so wegschmeißen, findet der sonst schweigsame Achim Becker doch befremdlich: Voll funktionsfähige Maschinen, eine Flex habe man bereits gefunden, Bohrmaschinen oder Schweißgeräte. Der ehemalige Tischler schüttelt den Kopf. Der Kontakt mit den Autofahrern hingegen, die in engen Gassen an den breiten Wagen nicht vorbei kommen, ist nicht immer freundlich. „Ich muss auf einen Termin“, spuckt ein Mercedes-Fahrer den Männern entgegen. „Das muss man sportlich sehen“, findet Waldmann, während Becker aufwändig Platz macht.

So langsam wird es richtig unangenehm, es ist kalt, es regnet. Stefan Waldmann wechselt auf Gummihandschuhe. „Das hat dann mit Spaß nichts mehr zu tun, das ist nur noch Lebenserhaltung“, stellt Waldmann fest. Er hustet – Asthma. „Das ständige rein und raus“. Viel Zeit bleibt pro Halt nicht. Sechs Minuten ist die vorgegebene Bearbeitungszeit pro Haufen. Doch die Erinnerung an die abstrusen Funde sorgt wieder für Heiterkeit. Besonders die Erinnerung an den Koffer mit den Sexfotos löst Gelächter aus. Sachen, die man sich nur mit einer galoppierenden Fantasie vorstellen kann, waren da zu sehen. „Und das haben die Leute noch bei Schlecker entwickeln lassen“, amüsiert sich Waldmann grienend.

Der nächste Stop ist ein Großeinsatz, bei dem alle mit anfassen. Ein drei Meter langer, mit Wasser vollgesogener Teppich wird in die Presse gewuchtet. „Keine Ahnung, ob da die Oma noch mit drin ist“, stöhnt einer. Doch am Boden des Müllriffs, unter Fernsehgeräten, Trimm-Dich-Rädern, Farbeimern, direkt neben einer Barry-White-CD, ist ein echter Schatz, den ich schnell an meine Brust drücke: ein volles Album mit Panini-Fussballbildern von 1998. Jetzt bin ich auch ein Müllfledderer.

Sperrmüll

Die offizielle Definition: „Alles, was nicht in die Mülltonne passt“. So erklärt Maja Heindorf, Sprecherin der Göttinger Entsorgungsbetriebe, den Leitfaden. Das Gewicht darf 75 Kilogramm nicht überschreiten, eine Kantenlänge von 2,20 Meter ist das Maximum. Es wird darum gebeten, die einzelnen Müllsorten (Metallschrott, Elektrogeräte, Holz und sperrige Abfälle) getrennt an die Straße zu stellen. Die „Beraubung“ des Mülls nehme zu, meint Heindorf. „Früher gingen die Sachen zum Antiquitätenhändler“, heute werde zumeist Metall entwendet. Auf lange Sicht erhöhe das die Müllgebühren, da den Entsorgungsbetrieben die Erlöse aus dem Schrottverkauf fehlten. Im vergangenen Jahr fielen 3500 Tonnen reiner Sperrmüll im Stadtgebiet an. In Göttingen erfolgt die Abholung seit 1989 auf Anforderung, seit 1998 per Internet oder per Postkarte. Die Zahl der Abholungen pro Haushalt ist unbeschränkt, nur die Menge ist jeweils auf vier Kubikmeter begrenzt. Im Landkreis gibt es hingegen festgelegte Sperrmülltage.

Von Erik Westermann

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