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Künstler in „Schockstarre“, Kulturrat fordert „zensieren, nein“

Beendete Ausstellung „Geschmackssache“ Künstler in „Schockstarre“, Kulturrat fordert „zensieren, nein“

Nach den Sexismus und Antisemitismusvorwürfen haben sich die Künstler und das Studentenwerk zur abgehängten Ausstellung „Geschmackssache“ geäußert. Auch der Deutsche Kulturrat in Berlin schaltet sich ein und fordert: „Debattieren ja, zensieren nein“.

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Die Künstlerin Marion Vina stellt sich den Fragen der Journalisten.
 

Quelle: Peter Heller

Göttingen.  In den Konflikt um die Satire-Ausstellung “Geschmackssache”, die vorzeitig beendet wurde, haben jetzt die Künstler der Gruppe “Das KomiTee” und das Studentenwerk öffentlich Stellung genommen. In einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen erklärte Studentenwerk-Chef Jörg Magull, man sei “nicht sensibel genug” gewesen.

Damit bezieht er sich auf die ausgestellte Karikatur “Schweinstein”, die Antisemitismus-Vorwürfe zur Folge hatte. “Alle Beteiligten haben in dem Bild den Menschen Einstein mit seinem Humor und Wortwitz gesehen, nicht den Physiker und nicht den Juden Einstein”, so Magull. Antisemitische Vorwürfe habe man keinesfalls vermitteln wollen. In einem Brief an Achim Doerfer von der jüdischen Gemeinde habe er sich dafür um Entschuldigung gebeten. Auch die Urheberin dieses Motivs, Ulrike Martens, stehe im direkten Kontakt mit der jüdischen Gemeinde.

Vorwurf „Sexismus“

Zudem waren einige Bilder ein paar Tage zuvor bereits als “sexistisch” kritisiert worden. Das Abhängen des Einstein-Bildes habe in der Folge dann dazu geführt, dass die Künstler am vergangenen Freitag beschlossen hatten, die Ausstellung komplett aus den Räumen der Zentralmensa zu entfernen. Das sei, so steht es in der Erklärung der Künstler, in einem “basisdemokratischen Prozess am 3. November einstimmig beschlossen” worden. Das vorzeitige Ende sei “alternativlos” gewesen. Magull sagte, die massive Kritik habe die Künstler in eine „Schockstarre“ versetzt.

Die zuvor vor allem online geführte Sexismusdebatte machte sich vor allem an den Zeichnungen von Marion Vina fest. Sie stellte sich am Mittwoch ebenfalls den Fragen der Journalisten. Nach der Tageblatt-Veröffentlichung über die Einstein-Zeichnung waren zahlreiche überregionale Medien auf die Ausstellung aufmerksam geworden. Auslöser der Sexismusdebatte waren laut Studentenwerk “einige wenige” Beschwerden. Die gingen unter anderem bei der Gleichstellungsbeauftragten Doris Hayn der Universität. Hayn und auch Silke Hansmann vom Asta forderten daraufhin die Entfernung der Bilder. Hansmann, die auch der Pressekonferenz teilnahm, findet es richtig, dass sowohl die Einstein-Karikatur als auch die erotische Motive zeigenden Vina-Bilder aus der Mensa entfernt wurden. “Es ist ein öffentlicher Raum, das geht hier nicht”, sagte sie. Ihrer Meinung nach müsse sich das Studentenwerk hinter die Studenten, nicht hinter die Künstler stellen.

Kunstfreiheit contra Betroffenheit

Studentenwerksvorsitzer Hubert Merkel sagte, es gebe mehr als 30 000 Studenten an der Göttinger Uni, wie viele Beschwerde eingelegt haben, wisse er nicht. Er nehme die Betroffenheit ernst, es gebe auch die Kunstfreiheit. Man müsse abwägen. Zudem hätte er sich einen Dialog gewünscht. “Der ist erst durch die Berichterstattung entstanden”, so Merkel.

Marion Vina, die auf Hansmann zuging und sie begrüßte, erklärte vorher, dass die Kritiker die Künstler “von oben herab angegriffen hätten, ohne dass jemand den persönlichen Kontakt mit ihnen gesucht hätte. “Das Ding ist dann so groß geworden, dass wir die Bilder abgehängt haben”, erklärte sie. Die Künstlergruppe sei “blauäugig” in die Debatte hineingestolpert. Dass Satire polarisiert, hätten die Künstler erwartet. “Abhängen kann hier aber nicht die Lösung sein”, so Magull. Und das, obwohl ihm anonym angekündigt worden war, dass sonst “Aktionen” stattfinden werden.

Wie groß die Sache geworden ist zeigt auch, dass der Deutsche Kulturrat in Berlin sich in die Diskussion eingebracht hat. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, forderte diejenigen, „die das Abhängen der Bilder in Göttingen durchgesetzt haben, zu überdenken, welche Konsequenzen eine solche Zensur letztlich hat. Die Studierenden und die Professoren sollten die Freiheiten in unserem Land, gerade auch im eigenen Interesse, mit Nachdruck verteidigen und nicht leichtfertig aufgeben. Debattieren ja, Zensieren nein“.

Wie das Studentenwerk nun künftig mit Ausstellungen in der Mensa umgehen will, darüber wolle man jetzt beraten, erklärte Magull. Er hätte gerne mit den Kritikern über die Bilder diskutiert. Magull: “Ich finde es immer noch richtig, die Studierenden mit Kunst zu konfrontieren.”

Von Britta Bielefeld

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