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Wenn Flaschenpfand und Pröbchen Alltag sind

Weniger als 200 Euro Arbeitslosengeld Wenn Flaschenpfand und Pröbchen Alltag sind

Am Bahnhof zieht der Mann die Plastikflaschen langsam aus den Jackentaschen. Einzeln legt er sie vor sich auf die Bank. Es sind vielleicht vier. Dann lehnt er sich weit nach vorne, die Haarsträhnen fallen ihm noch tiefer ins Gesicht, und aus der Entfernung weiß man nicht, ob er sich schlafen legen will, weil er müde ist, oder ob er nur wieder ein wenig das Gleichgewicht verloren hat.

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Quelle: Dillenberg

Göttingen. Pfandflaschen sammeln: Wenn man 14 ist und auf einer Party, die anfängt, langweilig zu werden, dreht man vielleicht eine Runde mit den Freunden. Auf die Tische lugen, nachschauen, ob jemand Flaschen oder Becher stehen gelassen hat. Dann alles schnell abgeben, Pfand kassieren, am Ende feststellen, wer aus der Gruppe am meisten verdient hat. Irgendwann hört man auf damit. Andere nicht. Andere fangen erst als Erwachsene damit an.

Nikolausparty in Göttingen. Tausende feiern hier jedes Jahr. Einmal ist auch Stefan (Name geändert) dorthin gegangen. Weil das sogenannte Jobcenter denen, die sich der „Zusammenarbeit“ verweigern, die Bezüge kürzt, zahlte man ihm weniger als 200 Euro im Monat.
Die Möglichkeit, irgendwo zu arbeiten, stand für den 31-Jährigen nicht in Aussicht. Sein Lebenslauf, der von der langen Drogenabhängigkeit erzählte, schreckte ab. 

Drogen verkaufen wollte er nicht mehr. In der Wohnung stand nichts, was man noch hätte verkaufen können. Im Bad aufgereiht: Proben von Pflegeprodukten, die ihm eine Verkäuferin geschenkt hatte. Shampoo, After-Shave und Zahnpasta in Kleinformat.

Auf der Nikolausparty konnte er Pfand einsammeln. Später verkündete er stolz, wie viel er verdient hatte: fast 20 Euro, „ganz legal“. Als er aber zwischen den Studenten stand und zum Nebenmann etwas über die Musik sagte, schaute der ihn an, fragte ihn, was er hier mache, ob er hier das Pfand einsammle, und ließ ihn stehen.

Ein paar Jahre später in derselben Stadt. Julia Bonk, 26 Jahre, hält auf dem Bundesparteitag der Linken ihre Bewerbungsrede für den Vorstand. Entsprechend engagiert tritt sie auf. Erzählt von einem Projekt, das sie durchgeführt hat: In ihrem Wohnbezirk in Dresden habe sich die Zahl der Pfandflaschensammler in den vergangenen Jahren erhöht. Habe sie herausgefunden.

Und dann ruft sie: Das könne nicht sein, dass man Menschen dazu zwinge, Pfandflaschen einzusammeln. Lebhaft. Und die Delegierten klatschen, nicht so besonders lebhaft. Denn was Bonk referiert, ist hier ja schließlich Konsens. Hier im fensterlosen Versammlungsraum der Lokhalle, wo es angenehm warm und ein wenig stickig ist.

Bonk wird in den Vorstand gewählt. Ob sich dadurch etwas für Stefan ändert, ist unklar. Er hört weder Rede noch Applaus. Aus der Stadt wollte er wegziehen. Göttingen bringe ihm kein Glück, hat er gesagt. Und ein Wort tauchte immer wieder auf, wenn er erzählte: Respekt.

Von Telse Wenzel

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