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Wie der König von England: Der Kampf gegen das Stottern

Göttinger Selbsthilfegruppe Wie der König von England: Der Kampf gegen das Stottern

Der Herzog von York steht im Londoner Wembley-Stadion an einem Mikrophon und soll eine Rede halten. Aus nächster Nähe sehen die Zuschauer des aktuellen Kinofilms „The King’s Speech“ wie der spätere König von England mit sich und seinem Sprechen kämpft. Auch wenn sie nicht so im Rampenlicht stehen wie George VI., der von 1936 bis 1952 englischer König war: Die Teilnehmer der Göttinger Stotterer-Selbsthilfegruppe haben alle ähnlich erniedrigende und frustrierende Erfahrungen gemacht. Und sie haben wie George VI., dem ein unkonventioneller Sprachtherapeut hilft, den Kampf gegen die Sprechblockaden aufgenommen.

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Warmsprechen zum Auftakt der Selbsthilfegruppe: Reinhard Winter liest vor.

Quelle: Hinzmann

So zum Beispiel auch Reinhard Winter. Wenn man hört, wie er zu Beginn des Treffens der Göttinger Selbsthilfegruppe flüssig aus einem Buch vorliest, kann man kaum glauben, was er über sein früheres schweres Stottern berichtet: Als Kind sollte er auf eine Sonderschule, während seiner Ausbildung zum Feinmechaniker ist er nur mit Zettel und Stift umhergelaufen, noch vor acht Jahren hat er überhaupt nicht telefoniert, immer wieder absolvierte er Sprechtherapien und immer wieder gab es auch Rückschläge. Doch vor einigen Jahren hat Winter – auch durch die Selbsthilfegruppe – den Umschwung geschafft.

Jeder Betroffene stottert anders. Doch Stottern ist gar nicht so selten. Nach Angaben der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe kämpft ein Prozent aller Erwachsenen mit einem stockenden Sprechfluss. Danach stottern bundesweit etwa 800 000 Menschen und sind allein in Göttingen knapp 1300 Menschen betroffen. In der Selbsthilfegruppe findet sich nur ein sehr kleiner Teil davon zusammen. Von Beginn an seit der Gründung im November 1999 ist der 49-jährige Frank Witzel dabei.

Stottern von Erwachsenen sei normalerweise nicht heilbar, sagt er. Allerdings könne man lernen, die Angst vor dem eigenen Stottern und vor Sprech­ereignissen abzubauen und das eigene Stottern zu modifizieren. Ohne jahrelang regelmäßig Sprechtechniken einzuüben und über die eigene Befindlichkeit beim Sprechen nachzudenken, können laut Witzel erwachsene Stotterer ihr Sprechen nicht verbessern. Genau dabei unterstütze die Selbsthilfegruppe.

Die Teilnehmer berichten dort, wie es ihnen mit ihrem Stottern ergangen ist. Um sich warm zu sprechen, lesen alle, die Lust dazu haben, eine Seite aus einem Buch vor. Außerdem werden Therapien vorgestellt und Sprechtechniken geübt. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe probieren Situationen aus, die Stotternde gern vermeiden, zum Beispiel im Restaurant noch einmal den Kellner an den Tisch zu bestellen oder sich am Telefon nach freien Zimmern im Hotel zu erkundigen.
Die Bedeutung der Selbsthilfegruppe betont auch Logopädin Julia Flinker. Sie sei bei ihrer Arbeit trotz aller Empathie doch immer in der Rolle der nichtstotternden Therapeutin. In der Selbsthilfegruppe könnten Erfahrungen noch anders geteilt werden. Zudem sei die Therapie immer eine Zweiersituation, in der Gruppe könne eine ganz andere Vortragssituation hergestellt werden. Das bestätigt auch Winter. In der Therapiestunde könne man häufig gut sprechen, aber es sei etwas anderes, wenn man danach wieder in die Welt hinausgehe.
Die Ursachen des Stotterns sind bis heute ungeklärt. Vermutlich gibt es eine genetische Komponente. Jungen sind deutlich häufiger betroffen. Das Stottern beginnt, nachdem ein Kind schon eine Zeit lang flüssig gesprochen hat, meist im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. Bei fünf Prozent aller Kinder entwickelt sich zunächst Stottern. Von diesen Kindern sprechen 80 Prozent bis zur Pubertät wieder flüssig – Mädchen verlieren das Stottern häufiger.

Stottern kann sich in verschiedenen Formen zeigen: durch auffällige Blockaden im Redefluss, Wiederholungen oder Dehnungen. In diesem Moment weiß der Stotternde genau, was er sagen möchte, er kann es jedoch nicht störungsfrei herausbringen. Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe versucht auf ihrer Internet-Seite mit einer Reihe von Vorurteilen aufzuräumen. Stotterer seien nicht ängstlicher, nervöser oder weniger intelligent als andere Menschen. Stottern sei eine körperlich bedingte Sprechbehinderung und keine psychische Störung. Wohl aber könne Stottern zu Schüchternheit, Angstgefühlen oder Rückzugsverhalten führen. Eltern treffe keine Schuld am Stottern ihrer Kinder. Stottern entstehe aus drei Faktoren: einer Veranlagung, einem Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen, die dafür sorgen, dass das Stottern bestehen bleibt und sich weiterentwickelt. Deshalb sei eine möglichst frühe Diagnose und qualifizierte Behandlung nötig. Bei der Behandlung von Stottern bei Kindern gehe es auch viel um die Beratung der Eltern, so Flinker. Denn vieles, was Stotterer zu hören bekommen, ist für sie demütigend: „erst reden, dann sprechen“, „nur ruhig“, „hol tief Luft“, „langsam sprechen“. Genauso verletzt es, wenn Sätze oder Wörter für den Stotterer zu Ende gesprochen werden. Die Selbsthilfe-Bundesvereinigung rät, Blickkontakt zu halten und gelassen zuzuhören.

Der mit dem Oscar ausgezeichnete Colin Firth spielt nur einen Stotterer. Aber es gibt auch Schauspieler, die in Wirklichkeit unter der Sprechbehinderung gelitten haben oder noch leiden – Bruce Willis und Emily Blunt zum Beispiel. Zu den Prominenten, die stottern oder gestottert haben, zählen auch der Fußballer Hamit Altintop, der Politiker Winston Churchill und der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin. Ob prominent oder nicht: Die Göttinger Selbsthilfegruppe zeigt, das Stotterer mit ihren Sprechproblemen nicht allein sind.

Die Göttinger Stotterer-Selbsthilfegruppe trifft sich montags um 19.30 Uhr in der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (Kibis), Lange-Geismar-Straße 82. Die Bundesvereinigung im Internet unter bvss.de.

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