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Wie ich beim ESC einmal Zweiter wurde

Schlagergruppe Wind Wie ich beim ESC einmal Zweiter wurde

Andreas „Andi“ Lebbing ist Schlagersänger. Seine Gruppe heißt „Wind“, und mit der hat er neulich einen Aufritt im „Kauf Park“ Göttingen gehabt, einem Einkaufszentrum. Es war ein Auftritt wie viele andere auch, das neue Album „Liebes Leben“ soll promoted werden. Nichts Großes, nichts Spektakuläres. Doch in jedem Frühjahr wird Lebbing von seiner Vergangenheit eingeholt.

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Andreas „Andi“ Lebbing beim Auftritt von „Wind“ im „Kauf Park“ Göttingen.

Quelle: Wenzel

Göttingen. „Es geht um den ESC, nicht wahr?“, fragt der 56-Jährige.

„Wind“ hatte zwei große Auftritte beim Eurovision Song Contest, der damals noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß“ - Europas größter Schlagerwettbewerb, das Neuschwanstein der Szene. 1985 wurde die Gruppe mit einem Hanne-Haller-Lied Zweiter, ebenso 1987, vor 30 Jahren. Dazwischen war Lebbing dazugestoßen. Als Sänger, gerade einmal 26 Jahre alt.

Sein Vorgänger habe eine Gürtelfabrik aufgemacht, glaubt sich Lebbing zu erinnern, darum wurde plötzlich die Stelle frei. Das Erfolgsgespann Ralph Siegel/Bernd Meinunger, verantwortlich für Nicoles „Ein bisschen Frieden“, schnappte sich den Grand-Prix-Act „Wind“ und schrieb für Lebbing und Co. zwei Lieder: die Ballade „Halt mich fest“ und „Lass die Sonne in dein Herz“, den späteren ESC-Song. Beide Lieder standen in der damaligen Rundfunkausscheidung zur Wahl.

„Ich hab‘ das Lied gehasst wie die Pest“, sagt Lebbing über die Sonne und das Herz. Auch seine Kollegen fanden die Ballade besser. Doch wie die Formel 1 war der Schlager-Grand Prix auch immer eine taktische Angelegenheit: „Halt mich fest“ hatte letztlich keine Chance, weil ESC-Superstar Johnny Logan aus Irland „Hold me now“ singen wollte - eine Ballade.

„Im Nachhinein war es eine richtige Entscheidung“, sagt Lebbing. Für „Wind“ ging es nun erst los, auf den jungen Sänger wartete die erste Aufregung: deutscher Vorentscheid, letzte Wertung. Sämtliche Fotografen hatten sich beim Favoriten postiert - Maxi und Chris Garden mit dem Plüschtitel „Frieden für die Teddybären“. Nur einer hatte sich für „Wind“, am zwölften Tisch sitzend, entschieden und schoss das Bild des Abends.

Für „Lass die Sonne in dein Herz“ ging es nach Brüssel. „Mister Grand Prix“ Ralph Siegel fuhr schwere Geschütze auf. Auf „Wind“ wartete ein Schnellkurs in Auftrittskunde: Eine Choreografin aus London brachte den Musikern bei, sich auf der Bühne richtig zu bewegen, bestmöglich in die Kamera zu schauen. Er habe in kürzester Zeit unglaublich viel gelernt, sagt Lebbing.

Dann Brüssel: der ESC, die größten Scheinwerfer der Szene. Einladung bei der Königin, eine Party nach der anderen und immer wieder Proben. „Die Konkurrenz ist durchaus spürbar“, sagt Lebbing, „aber jedes Land ist anders“. In Deutschland gehe es ums Gewinnen, in Dänemark um den Spaß. Er habe in Brüssel sogar einen „Riesenspaß“ gehabt: „Jeden Tag war Party, wir waren überall willkommen, es war sehr locker.“

Die Plattenverkäufe damals seien „der Wahnsinn“ gewesen, heute sind es die Hallen mit ihren zigtausenden Plätzen. Aber auch 1987 war eine ESC-Bühne für einen jungen Sänger respekteinflößend. Die Bühne stand in Messehalle 3, in Messehalle 1 wurde sich umgezogen, die Messehalle 2, dazwischen gelegen, war für die Sponsoren reserviert. „Wir sind gefühlt einen Kilometer auf einem roten Teppich gelaufen“, erinnert sich Lebbing. Begleiter war ein Kamermann, der „Wind“ und die anderen Acts auf ihrem Weg zum Auftritt unerbittlich verfolgte. „Ich bin fast kirre geworden.“

Das Lampenfieber stieg weiter an. „Wie heißt mein erster Satz?“, fragte Lebbing auf dem roten Teppich seine Kollegin Petra. Die machte große Augen, zeigte ihm den Vogel, weil sie es für einen Witz hielt: „Ach komm, du spinnst!“

Dann der Auftritt. 110 Millionen Fernsehzuschauer, die damals ebenso bekannte wie attraktive Sängerin Viktor Lazlo sagte „Wind“ an. „Ich war fasziniert von der Frau, guck‘ noch so zur Seite und hatte plötzlich meinen Einstieg vergessen“, berichtet Lebbing - dabei zählte der Dirigent schon ein. „So eine Situation ist der Wahnsinn, du kackst dich voll.“

Wer die Aufnahme genau betrachte, bemerke, dass Lebbing zu Beginn eine Zehntelsekunde zu spät dran war. Das sei aber auch alles gewesen, obwohl sämtliche Proben daneben gegangen seien: „Ich habe drei Minuten lang funktioniert wie ein Uhrwerk.“

Die großen Stars waren Johnny Logan und Umberto Tozzi, der mit Raf für Italien antrat und „Gente di mare“ sang. Dass die Deutschen Italien im Sack haben, sei ESC-Einstein Siegel bereits bei den Proben klar gewesen. „Wenn die sich nicht umziehen, schlagen wir die“, habe er gesagt. Tozzi trat in Jeans auf und wurde Dritter, „Wind“ hatte nette weiße Klamöttchen an und wurde Zweiter - der ESC ist halt mehr als Musik.

Gegenüber Johnny Logan, der damals eine Reihe von Problemen gehabt und „um sein Leben gesungen“ habe, zogen die Deutschen den Kürzeren. Aber immerhin: Rang zwei! „Der zweite Platz zählt nicht, das ist brutal“, unterstreicht Lebbing. „Jeder geht auf den ersten Platz. Du bist so einsam, das ist der Wahnsinn. Vielleicht läuft da noch ein Reporter vom Bayerischen Rundfunk neben dir hier, aber das war es auch. Und du selbst will das Ganze auch gar nicht mehr.“

An viele Einzelheiten kann sich der 56-Jährige nicht mehr erinnern, es ging alles so schnell. „Der Druck war einfach zu groß. Und wenn du Ralph Siegel kennst, dann weißt du, was Druck ist.“ Für „Mister Grand Prix“ sei die Silbermedaille ein Fiasko gewesen - Siegel wollte immer nur gewinnen.

Dann erwachte ein neuer Tag. Der Auftritt war Vergangenheit, der Frust war kleiner. Angebote für Auftritte in ganz Europa flatterten hinein. „Wind“ tourte mit Logan sowie Tozzi und Raf durch Italien, Benelux, Finnland. „Wir haben die ganzen Festivals mitgenommen“, sagt Lebbing. Es war die Zeit des großen Absahnens.

An die Teilnahme an ESC-Vorentscheidem in späteren Jahren kann sich Lebbing besser erinnern. Es war entspannter. Niemals vergessen wird er allerdings, wie er 1987 unterm Atomium saß, ein bisschen Ruhe hatte, in die Sterne guckte. Darum ist er neulich mit seiner heutigen Bandkollegin Caro hingefahren und hat ihr alles gezeigt. Den Platz am Atomium hat er wiedergefunden. Caro und er haben ein Foto von sich gemacht. Ganz entspannt.

Kann Levina Deutschlands Negativ-ESC-Serie beenden?

Von skurril bis hitverdächtig: Die „Eurovision Song Contest“ (ESC)-Beiträge decken eine große Bandbreite ab. So auch in diesem Jahr, wenn am Sonnabend, 13. Mai, im Finale 26 Nationen gegeneinander antreten. Mit Tobias Langer, Göttinger Musikproduzent und Geschäftsführer der Agentur dluxe media, der unter anderem Lieder für Schlagersänger Roland Kaiser schreibt, haben wir uns einige Halbfinalsauftritte angesehen.

Mit guten Neuigkeiten für Deutschland: „Unter Radiopopaspekten ist das eine der besten Nummern“, sagt Langer zum Lied „Perfect Life“ von Levina, die für Deutschland antritt – auch wenn Riffs daraus aus dem Song „Titanium“ von David Guetta geklaut seien. „Ich könnte mir vorstellen, dass Deutschland damit weiter vorn landet als in den vergangenen Jahren“, so Langers Meinung.

Einer seiner persönlichen Favoriten ist Portugal: Langer lobt das „schwere, tragische Intro mit schönen Streichern“ im Lied „Amar Pelos Dois“ von Salvador Sobral, einer Jazz-Nummer. Er glaubt aber nicht an den Sieg des Portugiesen mit solch einem Lied.

Gar nicht überzeugt ist er von Italiener Francesco Gabbani und „Occidentali’s Karma“. „Das ist einer der furchtbarsten italienischen Titel, die ich je gehört habe“, sagt Langer, er erinnere ihn an schlechte Italo-Dance-Hits aus den Achtzigerjahren. „Aber von der Schrillheit passt es natürlich zum ESC“, sagt er. Auf der Bühne tanzt der Italiener mit einem (nicht echten) Gorilla.

Als „klassische Trashnummer“ bezeichnet Langer das Lied „Yodel It!“ der Rumänen Ilinca und Alex Florea, ein Mix aus Jodeln und Rap. „Wenn die Leute den Titel überleben, hätte er Chancen nach vorne zu kommen“, so Langers scherzhafte Einschätzung.

Das Lied „Time“ von O.Torvald aus dem Gastgeberland Ukraine nimmt Langer als „fluffige Rocknummer“ wahr. Er sieht die „smarten Rock‘n‘Roll-Boys“ aber maximal im Mittelfeld.

Unter den Top-Ten sieht er Belgierin Blanche mit „City Lights“ – „eine Stimme mit internationalem Format“, sagt Langer.

Frankreichs „Requiem“ von Alma enttäuscht ihn: „Das fängt schön chansonmäßig an – und dann kommt im Refrain ein billiger Dance-Floor-Beat dazu“.

Von Hannah Scheiwe

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