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Wiedergutmachung und der „Arisierungsfall Hirsch“

Diskussion Wiedergutmachung und der „Arisierungsfall Hirsch“

Unzählige Kulturgüter wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ihren jüdischen Besitzern abgenötigt oder enteignet. Eines von bislang wenigen deutschen Museen, die sich mit der Rückerstattung – Restitution – unrechtmäßig erworbener Objekte befassen, ist das Städtische Museum Göttingen.

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Aus jüdischem Besitz: Das Ölgemälde „Hafen von Terracina“ von Hermann Hirsch erwarb das Museum 1941 für einen Spottpreis.

Quelle: EF

Vor zehn Jahren verpflichteten sich mit der „Washingtoner Erklärung“ 44 Staaten, im Nationalsozialismus entzogene oder gestohlene Besitztümer Verfolgter zurückzuerstatten. In einer „Gemeinsamen Erklärung“ bekräftigten in Deutschland Bund, Länder und Kommunen den internationalen Beschluss und forderten Museen, Archive und Bibliotheken auf, in ihren Beständen nach solchen Kunstwerken und Gegenständen zu forschen. „Deutschland steht auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende zu seiner moralischen Verantwortung für die Restitution von NS-Raubkunst“, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) 2008 anlässlich einer Ausstellung „Raub und Restitution“ in Berlin.

Für die bis zum 10. Januar laufende Sonderausstellung über den jüdischen Maler Hermann Hirsch beschäftigte sich der Historiker Rainer Driever nicht nur mit Leben und Werk des Künstlers, sondern auch mit dem „Arisierungsfall Hermann Hirsch“. Im März 1934 starb der Maler vermutlich durch Suizid. Am Fall seiner Haupterbin Marie Günther, die damals in Südafrika lebte, spürte Driever der Enteignung nach. Hirschs Besitztümer waren als „jüdisches Umzugsgut“ bei einer Spedition eingelagert. Am 28. Oktober 1941 wurden sie versteigert. Unter den Bietern das Städtische Museum, das 33 Skizzen und Zeichnungen, acht Portraitzeichnungen, 13 Stadt- und Dorfansichten, zwei Skizzenbücher und drei Gemälde erwarb, darunter etwa den „Hafen von Terracina“ (Öl auf Holz). „Es ist unwahrscheinlich, dass der Museumsleitung der jüdische Hintergrund der angekauften Bilder unbekannt gewesen ist“, so Driever. Der gezahlte Preis von zehn Reichsmark liege deutlich unter Niveau, das Museum habe vom Enteignungsvorgang profitiert und nach dem Krieg Gelegenheiten versäumt, das Unrecht wiedergutzumachen.

Nachgeholt wurde dies im Zuge der Hirsch-Recherche. Das Museum suchte Kontakt zu dessen Nachfahren, unter anderem in England und Südafrika. Ressentiments blieben aus: „Die Nachfahren haben sich über die Ausstellung gefreut“, berichtet Museumsleiter Ernst Böhme. Alle seien einverstanden gewesen, dass die Bilder auch künftig im Göttinger Museum blieben. „Uns wurden sogar zwei neue Kunstwerke geschenkt.“ Bei Durchforstung der Bestände stießen die Museumsmitarbeiter auf weitere Objekte aus jüdischen Familien: ein Biedermeier-Sofa aus dem Besitz des Antiquitätenhändlers Jacob Kahn, erworben 1939 bei einer Versteigerung des Finanzamtes. Ebenso Zeichnungen des Künstlers Friedrich Eduard Ritmüller aus dem Nachlass des Bankiers Max Frank. Diese und weitere Gegenstände hat das Museum auf der Internetseite der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste „Lost Arts“ (www.lostarts.de) zur Restitution veröffentlicht.
Ein Podiumsgespräch über Arisierung und Restitution mit Experten beginnt heute, Freitag, im Zuge der Ausstellung „Hermann Hirsch“ um 19 Uhr in der Göttinger Paulinerkirche.

Von Katharina Klocke

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