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Zehn Frauen und jede Menge Erdbeeren

Werderhof Zehn Frauen und jede Menge Erdbeeren

Als Hofladen-Inhaber Heino Rabe aussteigt, um die Tür des Vans zur Seite zu schieben, wirkt es kurz, als würde jemand Damen beim Ausstieg aus der Limousine helfen wollen. Aber der Wagen mit den Kisten für die Erdbeeren ist keine Stretch-Limo und das zwei Hektar große Feld vor dem Werderhof in Geismar nicht der rote Teppich.

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Erdbeerernte: Ewelina Walczuk, Wanda Pasteczka, Elzbieta Jedrszczyk, Barbara Kuc, Izabela Bogdan und Lidia Chabinska (v.l.) beim Markieren ihrer Schalen.

Quelle: Heller

Göttingen. Hinten im Wagen haben sich Ewelina Walczuk und Wanda Pasteczka zwischen die aufgestapelten blauen Kisten gequetscht.

Die sollen bald wieder neu gefüllt sein. Die letzte Fuhre Erdbeeren haben sie gerade in der Halle vom Hof abgeliefert. Dort wurde gewogen, die Fahrer haben sich die Erdbeeren, die sie für den Verkauf brauchen, aufgeladen.

Jetzt, als der Wagen wieder am Feld ankommt, lachen die Frauen. Worüber sie scherzen, kann auf dem Werderhof kein Außenstehender verstehen, sie unterhalten sich auf Polnisch. Dann geht es zurück zum Feld, auf die jeweilige Bahn, an der sie zuletzt Halt gemacht haben. „Erntehelfer“ werden Walczuk und die anderen von den Deutschen genannt. Als gäbe es noch jemanden anderen, der die Ernte einfährt.

An manchen Ständen des Werderhofs gehen an guten Tagen 100 Kilo über die Theke. Insgesamt müssen sechs Stände, der Hofladen und zwei Wochenmärkte versorgt werden. Damit der Hof die Nachfrage decken kann, erntet jeder der Arbeiter 80 bis 160 Kilo täglich. 16 wohnen momentan auf dem Hof. Die meisten kommen seit Jahren. Heute Vormittag sind sie zu elft auf dem Feld, darunter ein Mann.

Elzbieta Jedrszcyk hört Musik beim Durchkämmen der Bahnen, manche der anderen auch. Mit routinierten Bewegungen durchsuchen die Frauen die Erdbeerstauden. Im gebückten Vorwärtsmarsch. Abgerechnet wird nicht nach Stunde, sondern nach Menge. Da muss es schnell gehen. Aber nur die wirklich reifen Früchte sollen in den Pappschalen landen, die alle auf den blauen Kisten mit sich ziehen. Auf jeder Schale haben sie vorher ihr Kürzel gesetzt: Für die Qualitätskontrolle später.

Cornelia und Heino Rabe leiten den Betrieb des Werderhofs. Anfragen von Studenten auf Nebenjob-Suche erhalte sie keine, erzählt Cornelia Rabe.  Im Verkauf beschäftigten sie zwar Göttinger Studenten. Aber die Arbeit im gebückten Gang auf dem Feld machen andere: Hier auf dem Erdbeerfeld ausschließlich Polen und Polinnen. Leute, die „nur mal für ein paar Tage“ ernten wollen, um sich „ein bisschen was dazuzuverdienen“, sagt Rabe, seien für sie keine große Hilfe. Sie brauchen Mitarbeiter, die bereit sind, eine ganze Erdbeer-Saison mitzumachen.

Wie anstrengend die Arbeit der Feldarbeiterinnen tatsächlich ist, zeigt der Selbstversuch. Ich soll bei den gelben Fahnen ernten, bei den Selbstpflückern. Die Stauden sind nass, es fühlt sich bald an, als griffe man in eiskaltes Wasser. Aber der Vormittag wird noch recht freundlich, bald frieren die Hände nicht mehr so sehr. Dafür schmerzt der Rücken, Cornelia Rabe hatte es schon vorhergesagt. Von der Hocke zum aufrechten Gehen mit gekrümmtem Rücken zu wechseln, bringt nur kurz Linderung.

Zur Arbeit der „Erntehelfer“ gehört auch das Aussortieren der faulen und schimmeligen Erdbeeren am Strauch. Darum haben mich die anderen Selbstpflücker, die eine Bahn weiter dazustoßen und sich nur die schönen Früchte rauspicken, bald überholt. Die Ausbeute an den Sträuchern ist nicht besonders hoch. „Ein bisschen mehr Wärme und Sonne würden wir uns wünschen“, hatte Rabe gesagt.

Viele Erdbeeren sind noch grün. Nebenan grummeln darum die Selbstpflücker vor sich hin. Die Profis weiter hinten scheinen mir unterdessen schon fast die 300 Meter-Bahn bis zum Ende umgepflügt zu haben. Meine eigene Ausbeute nach zwei Stunden: 7,4 Kilo. Das ergäbe einen Lohn von 7,40 Euro. Einen Aufschlag gibt es immer nur, wenn sehr wenig an den Sträuchern hängt. Wenn ich als Feldarbeiterin einsteigen wollte, müsste ich das Tempo also erheblich steigern.

Meine Beine zittern, als ich aufstehe. Da weiß ich noch nicht, dass der Rücken am nächsten Tag erst so richtig schmerzen wird und sich der Muskelkater von den Waden bis zur Hüfte zieht.

Auf der anderen Seite des Feldes arbeiten die Frauen weiter. Heute vielleicht noch bis um 19.30 Uhr, nach einer Mittagspause und wenn sich das Wetter hält. Und dann wieder morgen ab fünf Uhr, wenn es das Wetter erlaubt, bis zum Ende der Saison. 50 Tage lang.

Von Telse Wenzel

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