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Zu tief ins Glas geschaut und damit auch noch zugeschlagen

Aus dem Amtsgericht Zu tief ins Glas geschaut und damit auch noch zugeschlagen

Ach, warum nehmen nicht mehr Gerichtsverfahren einen solchen Verlauf wie das nachfolgende. Von Lukas Breitenbach.

Es gibt einen einsichtigen und offensichtlich reuigen Täter, ein Opfer, das bei aller Schwere der Verletzung noch einmal Glück im Unglück hatte und Zeugen, die gar nicht mehr gehört werden müssen, weil der Sachverhalt nach den Aussagen von Täter und Opfer feststeht.

Es war der Abend des 7. Juli 2010. Um halb neun sollte die deutsche Elf im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft gegen Spanien antreten. Der Angeklagte, nennen wir ihn Karl, wollte sich das Spiel mit Freunden angucken. Das Opfer, sagen wir Julia, war zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Auch hier wurde die unglückliche Niederlage gegen die Spanier verfolgt. Hüben wie drüben wurde ein bisschen was getrunken. Karl langte dabei kräftiger zu als Julia. In einem Göttinger Club trafen die beiden dann aufeinander. Karl, inzwischen ganz ordentlich abgefüllt, fasste den Entschluss Julia anzusprechen. Man kann es ihm nicht verdenken: Julia, 22 Jahre jung, Medizinstudentin, ist wahrlich hübsch, von zierlicher Gestalt und (wenigstens vor Gericht) nicht auf den Mund gefallen.

Karls Annäherungsversuch, der, das sei unterstellt, mit gut 2,3 Promille Alkohol im Blut nicht mehr ganz hinreißend gewesen sein dürfte, stieß bei Julia auf Ablehnung: „Ich habe ihm deutlich gezeigt, dass ich kein Interesse an einem Gespräch habe.“ Aber Karl ließ nicht locker. Einen weiteren Kontaktversuch will die Brünette auch abgeblockt haben: „Das interessiert mich nicht.“ Was? Das wissen beide nicht mehr. Karl glaubt sich mit Julia über die Familie ausgetauscht zu haben, Julia kann sich an den Inhalt der, na ja, nennen wir es Unterhaltung, überhaupt nicht mehr entsinnen. Aber sie meint noch, als arrogant von Karl bezeichnet worden zu sein. Dann habe Karl ein Glas vom Tisch genommen und ihr ins Gesicht geschlagen. Karl glaubt mit der Bierflasche in der Hand zugeschlagen zu haben, macht aber deutlich, an den Abend „nur schemenhafte Erinnerungen“ zu haben.

Sein Verteidiger Oliver Hille stellt behutsam zwei, drei Nachfragen und bittet dann seinen Mandanten vor die Tür. Schon eingangs hat Hille unmissverständlich klargestellt, dass sein Mandant zu dem stehe, was er gemacht hat. Es steht zu vermuten, dass Hille Karl das vor der Tür noch einmal nahe legt. Die Erinnerungen einer, nach eigenem Bekunden „angetrunkenen“, halt „gut gelaunten“ Julia gegen die eingetrübten Erinnerungsfetzen eines sturzbetrunkenen Karl.
Als Rechtsanwalt Hille mit Karl wieder in den Saal zurückkehrt, möchte der nur noch eine Sache loswerden: „Es tut mir echt leid, was da für eine Scheiße passiert ist.“ Die Entschuldigung wirkt aufrichtig. Julia nickt kurz, stumm. Die Sache geht der taffen Medizinstudentin offensichtlich noch heute an die Nieren. Der Staatsanwalt sieht nach allem Gehörten den Anklage-Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung als erwiesen an. Karl habe mit einem Glas oder einer Flasche Julia geschlagen und damit heftige Verletzungen verursacht. Das Gesetz bedroht die gefährliche Körperverletzung mit Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Allerdings sei der Alkohol wohl mit ursächlich, weshalb Karl nur eingeschränkt schuldfähig sei. Die beantragte Freiheitsstrafe von drei Monaten solle in eine Geldstrafe umgewandelt werden: 90 Tagessätze zu je 40 Euro. Oliver Hille ist mit dem Vorschlag des Staatsanwaltes einverstanden. Auch Karl nickt geflissentlich. Der Richter urteilt entsprechend.

Es ist ein guter Prozessausgang mit einer gerechten Strafe, die einer umsichtigen Verteidigung, einem einsichtigen Täter und einem abwägenden Staatsanwalt zu danken ist.

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