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Zwei Häftlinge als Knast-Reporter

JVA Rosdorf Zwei Häftlinge als Knast-Reporter

Der Gefängnis-Marathon im September – mit diesem Thema befasst sich die erste Ausgabe der neuen Gefangenenzeitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf. Ihr Name: Ausblick. Die Macher: zwei Inhaftierte. Ihr wichtigstes Arbeitsutensil: ein (eigentlich für Häftlinge verbotener) Computer.

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In der Knast-Redaktion: inhaftierter Sven Schulz mit der neuen Gefangenenzeitung.

Quelle: Hinzmann

Ideen zu einer Gefangenenzeitung gibt es in der JVA schon seit ihrer Eröffnung im Jahr 2007. Doch erst Sven Schulz und Patrick M., die beide nicht sagen möchten, warum sie einsitzen, trieben das Vorhaben voran. In der neuen Anstaltsleiterin Regina-Christine Weichert-Pleuger fanden sie zudem eine wichtige Fürsprecherin. Einzig die Suche nach einem geeigneten Raum für die Redaktion verzögerte das Projekt. Letztlich wurde aber auch dieses Problem gelöst.
Das Treffen mit den Gefangenen findet in eben diesem Raum statt, der auf den ersten Blick an ein Klassenzimmer erinnert. Grauer PVC-Fußboden, ein paar Tische und Stühle, Pult und Tafel. Nur die gesicherten Fenster und die Videokamera an der Decke passen nicht ins Bild. Denn auch hier müssen wie im ganzen Gefängnis die strikten Sicherheitsvorschriften eingehalten werden.

Für Schulz und M. ist der Aufenthalt in ihrer Redaktion dennoch eine willkommene Abwechslung zum eintönigen Gefängnisalltag. „Das ist fast einmalig, dass man sich hier frei bewegt“, sagt Schulz, wenngleich sie auch während der Arbeit an der Zeitung eingeschlossen werden. Und der Laptop (natürlich ohne Internetzugang), den sie für das Schreiben von Texten zur Verfügung gestellt bekommen haben, sei „das absolute Highlight“. Denn Computer sind ansonsten in der Anstalt für Gefangene absolut tabu.

Hauptgrund für die beiden, eine Gefangenenzeitung zu erstellen, ist jedoch ein anderer. „Hier gibt es einfach wenig Angebote, bei denen man seinen Geist anstrengen kann“, sagt M. Jetzt könnten sie auch mal kreativ arbeiten, „eben etwas Besonderes machen“.

Zehn Wochen lang haben sie in ihrer Freizeit und am Wochenende an der ersten Ausgabe gefeilt. Zum Schluss musste Schulz alleine ran, weil M. erkrankt war. „Die letzten drei Wochen habe ich fast jeden Tag gearbeitet, auch mal 20 Stunden“, sagt Schulz. Selbst das Falten der einzelnen Bögen übernahm er. Und das Heft ist immerhin 44 Seiten stark geworden und hat eine Auflage von 500 Stück.

Trotz ihrer Unerfahrenheit und der anfänglichen Probleme sind die beiden Gefangenen stolz auf das Ergebnis. Denn vor allem die bürokratischen Hindernisse hätten sie anfangs „völlig unterschätzt“. Für jedes Foto mussten sie eine Genehmigung einholen, jeder Rechercheauftrag lief über Dritte. „Wenn du eine Adresse brauchst, kannst du hier nicht einfach in die Gelben Seiten schauen“, sagt Schulz. „Klar, ich hätte meine Frau anrufen können. Aber die sagt irgendwann auch, dass sie was Besseres zu tun hat.“ Helfend zur Seite steht den beiden daher der Justizvollzugsbeamte Stefan Balster. „Mit der Redaktion habe ich nichts zu tun, ich habe lediglich den Denkprozess begleitet“, sagt er, der sich als Bindeglied zwischen Gefangenen und Leitung versteht.

Auch die Anzeigenakquise verlief schleppend. „Als Knacki jemanden anzuschreiben, das ist schon schwer“, erzählt Schulz. Daher sei es auch unumgänglich gewesen, dass der Förderverein der JVA Rosdorf das Projekt finanziell unterstützt habe.
Die Reaktionen der übrigen Gefangenen seien unterschiedlich gewesen, sagt Schulz. Viele seien „von der Professionalität und dem Layout überrascht“ gewesen. „Einige haben aber auch gedacht, das sei eine typische Zeitung mit mehreren Themen. Wir haben aber ganz bewusst auf eine Sonderausgabe gesetzt. Im nächsten Heft soll es dann aber mehrere Rubriken geben.“ Es werde noch vor Weihnachten erscheinen. Mögliche Themen seien dann die Drogenproblematik in einem Gefängnis, die christliche Straffälligenhilfe oder Infos zum Arbeitsplatz.

Die Zeitung sei gut gelungen, findet auch Anstaltsleiterin Weichert-Pleuger, die jede Ausgabe vor ihrem Erscheinen gegenliest. „Nicht dass ich Kritik nicht vertragen kann“, begründet sie ihren Schritt. „Aber ich möchte eine sachliche Berichterstattung, keinen Klamauk.“ Schulz und M. können damit leben. In anderen Gefängnissen, sagen sie, werde die Knastzeitung schließlich komplett von Bediensteten erstellt.

Von Andreas Fuhrmann

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